Politik / Deutschland 16.06.10
Text: Julia Jung
Horst Köhler - der BundespräsidentDer ehemalige Bewohner des Schloss Bellevue wirkt schon auf den ersten Blick sympathisch: Groß, charismatisches Lächeln, ebenmäßige Gesichtszüge und ein selbstbewusstes Auftreten, verbunden mit einer weisen und bedachten Ausstrahlung. Immer an seiner Seite: Ehefrau Eva Luise. Das Gesamtpaket Köhler scheint zu passen, doch was steckt hinter der Fassade?
Der vertriebene Bauernsohn
Horst Köhler stammt aus sehr einfachen Verhältnissen. Als siebtes von acht Kindern einer Bauernfamilie wird er in Polen geboren, doch seine Kindheit ist geprägt von Aussiedlung und Flucht. Schließlich findet die Familie Köhler in Ludwigsburg eine neue Heimat und der junge Horst Köhler startet von dort aus seine beeindruckende Karriere.
Vor der ersten Wahl Horst Köhlers zum Bundespräsidenten im Jahr 2004 titelte der Stern noch etwas spöttisch „Barackenkind im Schloss Bellevue". Doch genau seine Herkunft prägte ihn fürs Leben: Er lernte sich durchzusetzen und erfuhr auch die Schattenseiten des Lebens. Diese Tatsache spornte den ehrgeizigen Volkswirt an und verschaffte ihm zudem die Gabe, bürgernah und direkt zu regieren. Dies wollte er auch in der Politik umsetzen und befürwortete, dass der zukünftige Bundespräsident direkt vom Volk gewählt werden solle. Dies konnte sich jedoch nicht durchsetzen.
Volkswirt und Politiker vereint
Im Gegensatz zu seinen Vorgängern hatte Horst Köhler bei seinem Amtsantritt als Bundespräsident keine klassische Politikerlaufbahn hinter sich. Er kam aus der Wirtschaft und war bis dato nicht sonderlich bekannt. Daher war man auch höchst verwundert über den Überraschungskandidaten „Horst Wer?" (so titelte die BILD-Zeitung) und Skepsis machte sich breit.
Das Experiment glückte, was für das ehemalige Staatsoberhaupt jedoch keineswegs verwunderlich war. Dank seines unerschütterlichen Vertrauens in seine Fähigkeiten sah Horst Köhler keinen Grund, an sich selbst zu zweifeln. Denn aufdrängen musste er sich nie, immer wurde er gerufen, parteiübergreifend. Ob zum Staatssekretär von Finanzminister Waigel oder zum Präsidenten des IWF von Gerhard Schröder.
Was genau bewegte er nun, der Präsident der Herzen?
Verantwortung trug der Spitzenbeamte Köhler schon immer. 1990 verhandelte er das Zustandekommen der deutschen Einheit, den Abzug der russischen Truppen und die Europäische Währungsunion parallel. Dieser Ausnahmezustand sollte so natürlich nicht mehr eintreten, doch auch als Inhaber des höchsten deutschen Amtes gab es einige Lasten zu schultern.
Zwar hatte er „die Bundespräsidentschaft nie angestrebt", doch nach eigenen Angaben sollten vor allem Reformen im Zentrum seiner Amtszeit stehen. Wissenschaft und Bildung sollten vorangetrieben werden. In seiner Rolle als Bundespräsident konnte er selbstverständlich nur eingeschränkt handeln.
Doch er nutze seine repräsentative Position und nahm häufig Stellung zu aktuellen Themen, auch, wenn er damit bei vielen Politikern aneckte. Kritik war ein stetiger Begleiter Köhlers. So ratifizierte er beispielsweise trotz heftigem Druck zunächst den EU-Grundlagenvertrag von Lissabon 2007 nicht, sondern wartete erst die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zu diesem Thema ab. Somit war er ein Bundespräsident, der von seinen zwar eingeschränkten Rechten aber Gebrauch machte und öffentlich seine Meinung äußerte, ungeachtet der darauf folgenden Reaktionen.
Ein Mann mit Ecken und Kanten
Sein Bestreben, nicht nur eine repräsentative Funktion zu übernehmen, sondern aktiv in der Politik mitzumischen, wurde ihm mehrmals negativ angelastet. Im Volk machte ihn genau das beliebt, er wurde of als der perfekte Präsident bezeichnet. Doch auch ein Horst Köhler kann nicht perfekt sein. Weder im Beruf noch im Privatleben.
So hat er einerseits eine seit über 40 Jahren harmonierende Ehe vorzuweisen, aber auch einen Bruder, der von Sozialhilfe lebt und einen Sohn, der bereits mit 17 Vater wurde. Wo auch immer ihn sein weiterer Weg hinführen mag; Horst Köhler ist ein Mann mit Ecken und Kanten, der zeigte, was mit Leistung und Fleiß alles möglich ist und, der vielen mit Sicherheit noch lange in Erinnerung bleiben wird.
(Text: Julia Jung / Foto: Deutscher Bundestag)
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