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Gesellschaft / Menschen 02.06.10

Schwarz-Rot-Goldener Autokorso

Text: Miriam Keilbach

deutschland_fuballwm_sommermrchen2Was vom Nationalstolz der WM 2006 bliebtt_back_view
Schwarz-Rot-Gold am Auto. Schwarz-Rot-Gold am Fenster. Schwarz-Rot-Gold im Gesicht. 2006 passierte etwas in Deutschland, was bis dahin Tabu war. Aufgrund unserer Geschichte konnten wir es uns nicht leisten, Nationalstolz und Nationalfarben zu zeigen. Doch der Fußball änderte alles - und im Ausland freute man sich über das neue deutsche Selbstbewusstsein. Aber so schnell es kam, war es auch wieder vorbei.


Wer damals, im Mai 2006, erstmals nach Deutschland kam, muss verwundert gewesen sein über dieses Deutschland. Im Mai gab es ja eigentlich noch keinen Grund. Aber überall hingen schon Flaggen. Sogar an Autos. Das Highlight des Jahres stand bevor: Die Fußball-Weltmeisterschaft im eigenen Land.

Zum ersten Mal Autofahnen und die Frage: Ist das eigentlich erlaubt? Auf Autobahnen solle man bitte nicht damit fahren, weil die Gefahr, dass die Fahne durch den Fahrtwind vom Fenster flutscht, zu groß sei. Aber während der WM könne man schon einmal ein Auge zudrücken.

Zum ersten Mal Public Viewing und die Frage: Was haben Leichen mit der WM zu tun? Nichts, um es genau zu nehmen. Public Viewing ist einer jener Anglizismen, der eigentlich keiner ist. In Deutschland versteht man darunter keine öffentliche Leichenschau, sondern sich mit hunderten und tausenden anderer Menschen an einem öffentlichen Platz zu treffen, um auf einer Großbildleinwand mehr oder weniger gut zu sehen, wie 22 Männer einem Ball hinterherjagen.

Es war merkwürdig. Nach der ersten Scham, eine schwarz-rot-goldene Fahne aus dem Fenster zu hängen, gab es plötzlich eine Massenbewegung. Es wurden so viele Deutschlandfahnen wie noch nie verkauft, kurzzeitig waren sie sogar ausverkauft. Eigenartig fast, dass es bis zu diesem Sommer im Jahre 2006 kaum Haushalte gab, die die deutsche Flagge besaßen. Nach dem Sommer im Jahre 2006 gab es kaum noch einen Haushalt, der keine besaß.

Deutschland präsentierte sich in jenem Sommer mit einem neuen Selbstbewusstsein, das im Ausland besser aufgenommen wurde als erwartet. Eigenartigerweise hatte ein Fußball-Event ausgereicht, um wieder stolz darauf zu sein, deutsch zu sein. In skandinavischen und englischen Zeitungen gab es Artikel über das neue Deutschland. Endlich wieder Nationalstolz. Zumindest ein bisschen.

Aber nach den Wochen mit schwarz-rot-goldener Kleidung und Fahnenmeer war der Nationalstolz, der schon bei der Papstwahl im April 2005 kurz aufflammte, schnell wieder verschwunden.

Kurz hatten Politiker und einige engagierte Bürger die Hoffnung, dass es am 3. Oktober 2006 endlich einmal zu einem richtigen deutschen Nationalfeiertag käme. Aber so recht hat sich das dann niemand mehr getraut. Wir wollen ja nicht überheblich werden.

Im Januar 2007 wurden die Deutschlandflaggen dann doch wieder aus dem Schrank gekramt. Wieder eine Weltmeisterschaft im eigenen Land, dieses mal im Handball, Volkssport Nummer 2. Gefüllte Arenen, zahlreiche Fanartikel und dutzendfach schwarz-rot-gold.

Und was Jürgen Klinsmann im Sommermärchen nicht schaffte, wurde zum Wintermärchen des Heiner Brand. Der Nationaltrainer schaffte es, als erster überhaupt, sowohl als Spieler sowie Trainer Weltmeister zu werden. Aber nach einer ausgiebigen Weltmeisterparty, kehrten die Fahnen und der Stolz zurück in den Schrank.

In die unterste Kiste, denn es gab nichts mehr, worauf man hätte stolz sein können. Wirtschaftskrise, eingestürzte Gebäude, unklare politische Verhältnisse bei Landtagswahlen wie in Hessen oder jetzt in Nordrhein-Westfalen. Weder die Musik, wo immerhin Tokio Hotel international große Erfolge feierte, noch der Sport oder sonstige Lebensbereiche gaben einen Grund, das neue deutsche Selbstbewusst offen auszuleben.

Und so hat es sich seit der WM 2006 damit, dass die Fahnen wieder ausgepackt werden und die Deutschen kurzfristig zu Schulterklopfern werden - etwa wenn „wir" den Literaturnobelpreis oder „wir" den Eurovision Song Contest gewinnen. Und natürlich zu sämtlichen sportlichen Events wie den Olympischen Spielen, wenn wir unsere vorübergehenden Nationalhelden wie Britta Steffen, Fabian Hambüchen, Matthias Steiner, Paul Biedermann, Magdalena Neuer und Maria Riesch feiern. Oder die Dauerbrenner Fußball, Formel 1, Handball und seit diesem Jahr auch Eishockey.

Es wird wohl noch ein wenig abnehmen, der Hype zur Fußball WM 2006 kann in naher Zukunft nicht überboten werden. Aber er wird auch nicht wieder ganz verschwinden. Die Fahnen werden regelmäßig rausgeholt - denn immerhin hat inzwischen wenigstens fast jeder Haushalt eine Flagge.

(Text und Foto: Miriam Keilbach)

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