Gesellschaft / Brennpunkte 13.07.10
Text: Timo Brücken
Unendliche Weite, ein Mann durchquert sie auf dem Rücken eines Pferdes, um ihn herum nichts als Prärie. Als es Nacht wird, setzt der Cowboy sich ans Lagerfeuer und raucht genüsslich eine Zigarette. Jahrelang sah so die Werbekampagne eines großen amerikanischen Tabakkonzerns aus - die ultimative Verkörperung der Freiheit. Die französische Konkurrenz goss diese Message lieber gleich in Worte: „Liberté toujours".
Rauchen und Freiheit - lange gehörte das in den Augen vieler Menschen untrennbar zusammen. Über Jahrzehnte war es fast eine gesellschaftliche Konvention, immer und überall einen Glimmstängel im Mundwinkel zu haben. Und niemand fand etwas Schlimmes daran, sich permanent in den blauen Dunst zu hüllen. Vor allem in Deutschland hielt sich diese Ansicht sehr lange, während man in anderen Ländern längst über Verbote nachdachte.
Aber auch hierzulande kam irgendwann die Erkenntnis an, dass das Ganze nicht wirklich gesund sein konnte. „Rauchen kann tödlich sein" druckte man plötzlich auf Zigarettenschachteln, man schränkte die Werbung für Tabak ein und vor einigen Jahren setzten sich nach und nach Rauchverbote in öffentlichen Gebäuden, Gaststätten und Diskotheken durch. Wie es im Föderalismus nun mal so ist, hat Deutschland heute 16 verschiedene Nichtraucherschutzgesetze mit allerlei Ausnahmen und Sonderregelungen. Vor allem Bayern war, was die Schlupflöcher angeht, lange ganz vorne mit dabei, bekommt aber nun nach einem Volksentscheid das strengste Rauchverbot aller Bundesländer.
Die bayerische Entscheidung facht eine alte Debatte wieder an: Zwischen Nichtrauchern, die ein Rauchverbot fordern, und ihren rauchenden Gegnern. Viele Raucher empfinden das Nichtraucherschutzgesetz als staatlichen Eingriff in ihre persönliche Freiheit. Schließlich verbietet der Gesetzgeber ihnen plötzlich die Zigarette zum wohlverdienten Feierabendbier in der Kneipe oder beim Abtanzen in der Disko. Stattdessen müssen sie ihrem Laster nun in abgeschotteten Glaskästen oder gar auf der Straße vor dem Lokal frönen. Mancher Raucher kommt sich da schon mal bevormundet und diskriminiert vor.
Aber wer so denkt, übersieht einen wichtigen Punkt: Persönliche Freiheiten gelten für alle, egal ob Raucher oder nicht. Natürlich steht es jedem frei, sich Tabakrauch in die Lunge zu ziehen und damit das Risiko einzugehen, Lungenkrebs zu bekommen. Es ist allein eine persönliche Entscheidung, Gesundheitsschäden in Kauf zu nehmen. Ganz so einfach ist es beim Rauchen aber leider nicht. Der Qualm schwebt auch rund um den Raucher durch die Luft - und zwar in ungefilterter, gefährlicherer Form - und kann jederzeit von anderen Menschen eingeatmet werden, egal ob sie das wollen oder nicht. Indem der Raucher sich die Freiheit nimmt, seine eigene Gesundheit für den Genuss aufs Spiel zu setzen, schränkt er damit andererseits die Freiheit des Nichtrauchers ein, der der Gefahr des Passivrauchens ausgesetzt wird. Der Nichtraucher, der eigentlich gesund bleiben möchte, kann dem schädlichen Qualm aber oft kaum entgehen. Das gilt vor allem in geschlossenen engen Räumen wie Kneipen oder Clubs.
Deswegen ist das Nichtraucherschutzgesetz eine gute Sache. Es ist eben kein „Rauchererziehungsgesetz", das Tabakliebhabern vorschreibt, was sie zu tun und zu lassen haben, sondern dient dem Schutz der Gesundheit ihrer Mitmenschen. In den eigenen vier Wänden und im Freien darf munter weitergepafft werden. Freiheit ist keine Einbahnstraße, sondern endet dort, wo die Freiheit des Nächsten anfängt. Und hier steht Gesundheit ganz klar vor Genuss. Dass viele die Verbote zum Anlass nehmen, endlich ernsthaft zu versuchen, mit dem Rauchen aufzuhören, ist ein schöner Nebeneffekt.
Und ganz ehrlich: Ist es nicht viel angenehmer, nach einem netten Abend mit Freunden nicht jedes Mal zu stinken wie ein Aschenbecher?
(Text: Timo Brücken)
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