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Gesellschaft / Medien 08.09.09

Quatsch mit brauner Soße

Text: Merete Elias

tt_back_viewDie Geschichte der gefälschten Hitlertagebücher im „Stern"
Einer der erfolgreichsten Filme des Jahres 1992: Ein Fälscher kommt durch Zufall auf die Idee, Tagebücher zu schreiben. Die Tagebücher von Adolf Hitlers. Ein Reporter eines großen Magazins hört davon, wittert die Story seines Lebens, schiebt sämtliche Zweifel an der Echtheit der Werke zur Seite und druckt die gefälschten Texte. Die jüngste Geschichte schien neu geschrieben werden zu müssen.


Die Story klingt so abwegig wie so manches Seifenoper-Tagebuch. Dennoch ist sie wirklich passiert. Der Film „Schtonk" von Helmut Dietl greift die Ereignisse um den Fälscher Konrad Kujau auf, der dem „Stern" die gefälschten Hitler-Tagebücher zuspielte, die im April 1983 gedruckt wurden. Die Folge war einer der größten Medienskandale im Nachkriegsdeutschland und ein Imageverlust des „Stern", von dem er sich lange nicht erholte.

Hitler litt unter Schlafstörungen und misstraute Himmler
„Entdeckt" hatte die Schriftstücke 1990 „Stern"-Reporter Gerd Heidemann, eigentlich ein zuverlässiger und gründlicher Journalist, wie sein damaliger Kollege Michael Seufert im Interview mit „Hamburger jungeMedien" sagte. „Normalerweise hat Heidemann bei seinen Recherchen jeden Stein umgedreht." In diesem Fall ging er allerdings weniger gründlich vor: Über einen Informanten nahm er Kontakt mit Kujau auf, der - anscheinend glaubhaft - erklärte, die Tagebücher seien nach einem Flugzeugabsturz in Sachsen gefunden worden. Von 27 Kladden war die Rede, in die der Führer so bedeutsame Dinge hineingeschrieben haben sollte wie „Leide immer mehr an Schlafstörungen, die Verdauungsstörungen sind noch schlimmer geworden".
Heidemann war schon seit Längerem als „Mann mit dem Nazi-Tick" bekannt. So hatte er Hermann Görings Jacht erstanden, um dort Memorabilien des Dritten Reiches aufzubewahren. Er unterhielt beste Kontakte zu ehemaligen Nazi-Offizieren und wollte ein ganz großes Projekt verwirklichen: Sein Plan war, das Bernsteinzimmer zu suchen, um es dann Leonid Breschnew, dem Staatsoberhaupt der Sowjetunion, anzubieten - im Tausch für Hitlers Stellvertreter Rudolf Heß, der in einem Berliner Gefängnis saß. Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, dass er Feuer und Flamme war, als er von der angeblichen Entdeckung der Tagebücher erfuhr.

59 braune Bücher - voller Fehler
Dass deren Anzahl nach und nach bis auf 59 anstieg und der Preis sich immer mehr erhöhte, ließ Reporter Heidemann und seinen Ressortleiter Thomas Walde immer noch nicht stutzig werden. Ganz im Gegenteil: Um die Sensation zu schützen, richteten sie das Geheimprojekt „Grünes Gewölbe" ein, in das nur wenige Mitarbeiter eingeweiht wurden. An der Redaktion vorbei gingen die beiden zum Verlagsleiter, um das Geld für die Tagebücher zu bekommen - auch das klappte einwandfrei. Die Chefredaktion wurde erst eingeweiht, als schon mehr als eine Millionen Deutsche Mark geflossen waren. Angesichts dieser Größenordnung konnte sich einfach niemand mehr vorstellen, dass an der Sache etwas faul sein könnte. Und als dann noch namhafte Historiker die Echtheit der Bücher bestätigten, stand einer Veröffentlichung nichts mehr im Wege.
Allerdings hatten die Tester zum Schriftvergleich Proben des Fälschers Kujau bekommen, die sie mit der Schrift in den Tagebüchern verglichen. Klar, dass diese identisch waren und die Tagebücher somit für echt erklärt wurden. Weitere Hinweise darauf, dass Hitlers Ergüsse à la „Dieser hinterhältige Kleintierzüchter [...] wird mich noch kennenlernen" (über Himmler) oder Beteuerungen, er habe die Reichskristallnacht aufgrund des vernichteten Glases nicht gutgeheißen, gefälscht waren, wurden ganz einfach ignoriert. So tauchten sachliche Fehler auf, beispielsweise Namen von Einheiten, die zum angeblichen Zeitpunkt des Schreibens aber noch anders hießen. Außerdem konnte kein Zeitzeuge bestätigen, dass Hitler ein Tagebuch geführt hatte. Oder die Initialen auf dem Buchdeckel: Die in Sütterlinschrift gehaltenen Buchstaben waren F. H. statt A.H. „Da hat sich der Führer auch schon drüber geärgert" hieß es lapidar, und so wurde eine Pressekonferenz einberaumt, in der die triumphale Neuigkeit der versammelten Weltpresse vorgestellt wurde.

Der „Stern" wollte die Hitler-Tagebücher häppchenweise veröffentlichen, der erste Teil kam am 28. April 1983 in die Läden. Dafür wurde die Auflage gesteigert und der Heftpreis um fünfzig Pfennig auf drei Mark fünfzig erhöht. Mit Erfolg: Das Heft verkaufte sich rasend schnell - zum Glück für den „Stern", der die Tagebücher auf Druck mehrerer deutscher Historiker doch noch einmal zur Untersuchung freigegeben hatte. In der chemisch-physikalischen Echtheitsüberprüfung flog der Schwindel schließlich auf. Eine Woche, nachdem das erste Tagebuch veröffentlicht worden war. Fälscher Konrad Kujau hatte Kladden verwendet, die erst nach 1955 produziert worden waren. Das ließ sich zum Einen an den verwendeten Weißmachern feststellen, die erst seit 1950 in Gebrauch waren, und zum Anderen waren die Siegelkordeln mit einem Farbstoff eingefärbt, den es erst seit 1956 gab.

Wie so oft: Es ging ums Geld
Dass diese so plumpe Fälschung erst aufflog, als es zu spät war, zeigt, dass der „Stern" alle üblichen Sicherheitsvorkehrungen außer Acht gelassen hatte. Doch wie konnte das passieren? Michael Seufert, der ehemalige Kollege des Tagebuch-Entdeckers Gerd Heidemann, wurde vom „Stern"-Gründer und damaligen Herausgeber Henri Nannen mit der Aufklärung des Falles betraut. Er erklärte 25 Jahre später im Interview mit dem „Stern": „Die Gier nach dem großen Geld" war Schuld. Heidemann sei notorisch klamm gewesen, nicht zuletzt wegen seiner neuen Yacht. Der Verlag wollte die Bücher weltweit herausbringen und Heidemann und seinem Ressortleiter Thomas Walde wurden Gewinnbeteiligungen zugesichert. Deshalb wurden Scheuklappen aufgesetzt und alles wurde durchgewunken. Auch Kujau verdiente so gut an den Tagebüchern, dass er erklärte, Hitler habe sogar eine Oper geschrieben. Auch die könne er liefern.
Doch diese Schlamperei blieb nicht ohne Folgen: Fälscher Konrad Kujau und Reporter Gerd Heidemann wurden vor Gericht gestellt. Kujau wurde wegen Betruges zu vier Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt, von denen er aufgrund einer schweren Krankheit jedoch nur drei Jahre absitzen musste. Heidemann erhielt vier Jahre und acht Monate. Auch weil das Gericht davon ausging, dass er ein paar der insgesamt 9,3 Millionen, die der „Stern" für die Bücher bereitgestellt hatte, nicht weitergeleitet, sondern unterschlagen habe. Allerdings behauptet Heidemann bis heute, dass er nichts von dem Geld behalten habe.

Ende mit Schrecken
Und der „Stern" selbst? Der erlitt einen Imageschaden, von dem er sich erst Jahre später erholte, auch die Auflage sank zunächst massiv. Zudem traten zwei der drei Chefredakteure zurück, und der „Stern" musste sich öffentlich entschuldigen. Positive Folgen hatte die Tagebücher-Affäre für Konrad Kujau: Nachdem er aus dem Gefängnis entlassen wurde, eröffnete er ein Atelier, in dem er fortan legal Bilder von großen Malern nachmalte und diese als „original Kujau-Fälschungen" verkaufte. Und dem „Spiegel" verriet er kurz vor seinem Tod 2000: „Wenn die Geschichte Bayerns neu geschrieben werden muss, liefere ich die Tagebücher von Strauß dazu."
Auch die Filmindustrie profitierte: Helmut Dietls filmische Aufbereitung „Schtonk" wurde ein Riesenerfolg: Deutscher Filmpreis und sogar eine Nominierung für den Oscar als bester nicht-englischsprachiger Film. Mit einer Geschichte, die zu weit hergeholt klang, als dass sie ausgedacht sein konnte.


(Text: Merete Elias)

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