Kultur /
Bildung
19.11.08
Text:
Nina Nickoll
Winterzeit ist Erkältungszeit. Wellness- und Lifestyle Magazine überbieten sich gegenseitig mit Tipps gegen das „Herbsttief" und die „Winterdepression". Ganz oben auf der Antidepressiva-do-it-yourself-Liste stehen Sport, Ayurveda und Lichttherapie. Das klingt alles lustig und interessant, aber Menschen mit einer richtigen Depression helfen diese Tipps nicht. Immer mehr Studenten in Deutschland leiden unter Depressionen, wobei psychische Erkrankungen bei Studenten heute oft „Bachelorkrankheit" genannt werden.
Unter diese Kategorie werden das Burnout-Syndrom, Prokrastination - auch „zwanghaftes Aufschiebeverhalten" genannt - und auch die Prüfungsangst gezählt.
Wer „Burnout-Syndrom" hört, hat sofort das Bild des überarbeiteten Managers eines Dax- Unternehmens vor Augen: 50 Stundenwochen - wenn weniger los ist- gutaussehend, hochgewachsen, Workaholic, Sportfreak und Single - glücklicher, versteht sich. Doch dieses Klischee stimmt nicht mehr so ganz: Immer mehr Studenten „brennen aus", so krass das auch klingen mag. Zeichen für ein Burnout-Syndrom sind zum Beispiel allgemeine Lustlosigkeit und Antriebslosigkeit. Man fühlt sich leer uns ausgebrannt, kann sich weder für die Arbeit, das Studium noch für den Kinobesuch mit Freunden motivieren. Sitzt einfach herum, und starrt ins leere. Schuldgefühle und Versagensängste rauben den Schlaf. Ständige Frustration, das Nichterreichen eines Zieles, zu hohe persönliche Erwartungen an eigene Leistungen und Überlastungen können erschöpfen, kaputt machen. Arbeiten, ohne dabei die Pausenglocke, die der eigene Körper läutet, zu hören. Schuften bis tief in die Nacht und dem Körper damit noch diese kostbare Regenerationszeit rauben.
Um die wütenden Signale aus dem inneren zu unterdrücken, werden literweise Kaffee und eine Zigarette nach der anderen konsumiert. Doch die Rache lässt nicht lange auf sich warten: Irgendwann zieht der Körper die Notbremse - sagt einfach „Stopp", bis hier her und nicht weiter; Kapitulation!! Erschöpfung und Niedergeschlagenheit, aber auch körperliche Beschwerden wie Schlafstörungen, Kopfschmerzen, Magenkrämpfe oder körperliche Dysfunktionen sind nur einige wenige Begleiterscheinungen des Burnout. Der „Ausgebrannte" erlebt seine Umwelt im allgemeinen als nicht mehr kontrollierbar und zieht sich eher in sich zurück, ohne Hilfe von Verwandten oder Freunden anzunehmen.
Jeder kennt das: Der Abgabetermin für die Hausarbeit steht fest, also nimmt man sich vor rechtzeitig, vielleicht vier Wochen vorher, mit dem schreiben anzufangen. Oder der Eintrag im Terminkalender 21 Tage vor Weihnachten unter der Überschrift „TO-DO": Geschenke kaufen!!! Für: Mama, Moni, Tanja, Steffen ... und alle anderen Familienmitglieder und Freunde, die beschenkt werden möchten. Die Devise lautet: Lieber aufschieben als sofort erledigen. Dass soll eine Krankheit sein? Ja, und zwar dann, wenn dadurch das ganze Leben beeinflusst wird. In der medizinischen Fachsprache wird das „krankhaftes Aufschiebeverhalten" oder Prokrastination genannt. Diese kann schlimme Folgen haben: Der Abbruch einer Ausbildung oder berufliches Scheitern. Ständiges Aufschieben wird von den Betroffenen und der Umgebung oft für persönliche Willensschwäche oder Faulheit gehalten. Damit ist Aufschieben jedoch nicht erklärt und mit solchen Konzepten lässt es sich auch nicht verändern. Vielmehr kann es sich dabei um ein ernsthaftes Problem der Selbststeuerung handeln, für das es aber auch professionelle Hilfe gibt. Unter Studierenden ist das Aufschieben weit verbreitet; rund 20 % dieser Gruppe leiden einer Studie von Ferrari aus dem Jahr 2005 zufolge unter ihrem Aufschieben. Bei 14,6 % der Studierenden, die an einer Querschnittsstudien an der Universität Münster teilgenommen haben, liegt der Prokrastinationswert über dem Durchschnitt der Personen, die aufgrund dieses Problems in Behandlung sind. Obwohl die Folgen der Prokrastination ähnlich sind, kommen verschiedene Ursachen dafür in Frage: Defizite im Zeitmanagement oder in der Konzentrationsfähigkeit, Abneigung gegen die Aufgabe, hoher Perfektionismus, Angst vor Versagen oder Kritik, Fehleinschätzungen der Aufgabe oder der eigenen Anstrengungsbereitschaft und Leistungsfähigkeit.
Eine weiteres Problem unter Studenten klingt auf den ersten Blick gar nicht wie eine Krankheit: Prüfungsangst. Die kennt jeder, die meisten waren oder sind davon selbst betroffen - vor dem Abi mehr, vor einer Klausur, die sowieso nicht mehr in die Note zählt, vielleicht weniger. Prüfungsangst in Maßen ist gut, da durch ein bisschen Aufregung die Leistungsbereitschaft steigt - aber, wenn man vor Angst nicht mehr lernen und schlafen kann, Lebensqualität abnimmt, dann heisst es: Hilfe suchen. Nervosität vor Prüfungen ist wohl den meisten Menschen bekannt und ist sogar nötig für eine optimale Prüfungsleistung. Statt solch einer „gesunden" Anspannung erleben manche Personen jedoch schwere Prüfungsängste, unter denen sie oft schon in der Vorbereitungsphase leiden und die ihre Leistungen dadurch bei der Vorbereitung und in der Prüfung negativ beeinflussen.
Häufig sind folgende Symptome: überhöhte Ansprüche, große Angst vor Versagen und vor negativer Bewertung durch Prüfer, Konzentrations- und Schlafprobleme, Unfähigkeit zu entspannen vor der Prüfung; Angst vor Zittern, Erröten, Stottern in der Prüfung und sogenannte „Blackouts" während der Prüfung.
Jedes Studentenwerk bietet mittlerweile psychosoziale Beratungen an, bei denen die Betroffenen völlig ungeniert erste Hilfe suchen und Unterstützung erhalten können.
(Autorin: Nina Nickoll)
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