Kultur / Bildung 30.06.09
Text: Nina Nickoll
Das ist das Profil der europäischen Durchschnittsstudentin, das eine Studie von Eurostudent und Eurostat im März veröffentlicht hat (unter http://www.his.de/ gibt es die Studie zum Nachlesen). Und die Realität? Auch wenn 2008 die Zahl der Abbrecher gesunken ist. Ein Studium ist nicht mehr das, was es mal war; das sagen die Professoren, die auch an den Bologna Reformen verzweifeln zu scheinen. Es geht nur noch darum Credit Points zu sammeln und zu pauken, pauken, pauken. Aber so unterschiedlich wie die Studenten und Fächer sind, die sie studieren, so unterschiedlich sind auch die Meinungen darüber.
Der Trend, so schreibt der Focus, geht zum schnellen Studium, stringente Karriereplanung statt Bummelsemester - Langzeitstudenten sind vom „Aussterben" bedroht, da Firmen das heute auch von den Absolventen erwarten: Angesagt bei der studentischen Kundschaft sind Studiengänge, die im Schnelldurchgang fit für die Karriere machen. In Niedersachsen bieten die Universitäten Göttingen und Clausthal-Zellerfeld ab nächstem Wintersemester Intensivstudiengänge in den Fächern Maschinenbau und Molekularbiologie an. Die üblichen sechs Monate Semesterferien wurden auf sechs Wochen zusammengestrichen. „Die Studenten sparen mindestens ein bis zwei Jahre", verspricht Wissenschaftsminister Thomas Oppermann. So sollen im kommenden Sommersemester weitere zehn Turbo-Programme anlaufen.
Wer braucht schon Ferien, wenn der Alltag sowieso nur Stress bedeutet? Alles Turbo und zack-zack. Abitur in zwölf Jahren und am besten schon in der Grundschule Englisch als Unterrichtssprache. Alltag für Bettina, Mutter von zwei Söhnen. Ihr sechsjähriger Sohn ginge auf eine internationale Schule. Den hohen Preis dafür, nimmt Bettina in Kauf. Früher, schneller, besser und umfangreicher sollen schon Kleinkinder sich bilden. Ja, wenn man es sich leisten kann beim Bildungsmarathon mitzuhalten, warum nicht?
Bologna sagt, mit 19 Jahren das Studium anfangen und mit 22 den Bachelor in der Tasche und dann? Wenn der BA-Absolvent zu den besten (meist) 70 Prozent gehört, kann er oder sie ja den Master machen - ohne den, so erfährt man als Erstsemester von der Fachschaft Gesellschaftswissenschaften in der Einführungswoche, bräuchte man gar nicht erst mit dem Studium anzufangen, da der Bachelor kein wissenschaftlicher Abschluss sei. Wenn man sich das Studium - trotz Gebühren - leisten kann und es straff durchgezogen hat.
Eine aktuelle Studie der Uni Essen besagt, dass derzeit rund 40 Prozent aller Studierenden ihr begonnenes Studium vorzeitig abbrechen. 1998 war eine schnelle Ausbildung ein erklärtes Ziel der Hochschulreform, wonach die heutigen Bachelor- und Masterprogramme ins Leben gerufen wurden.
Kurzzeit Akademiker, klingt fast wie Leiharbeiter
2008 brachte das Hochschul-Informationssystem (HIS) eine Studie im Auftrag von Bundesbildungsministerin Annette Schavan heraus, wonach die Zahl der Abbrecher gesunken ist. Schavan kommentierte, dass diese Entwicklung auf den höheren Studienerfolg durch die Bachelor-Studiengänge zurückgeführt werden könnte. Also doch Grund zum Optimismus. Vielleicht brechen auch weniger Studenten ab, weil sie sich sagen, wenn ich mich schon in die Leistungsmühle begeben habe, die noch dazu - oft sogar hart erarbeitetes - Geld kostet, dann ziehe ich es auch durch. Oder motiviert das Studium einfach mehr, weil, wie Frau Schavan meinte, durch den Bachelor ein stärkerer Berufsbezug, eine bessere Strukturierung des Studiums und kürzere Studienzeiten ermöglicht werden?
Neulich in Frankfurt: Manfred Faßler, Universitätsprofessor am Fachbereich Kulturanthropologie und Europäische Ethnologie an der Goethe Uni in Frankfurt, sagt, dass man sich als Student selbst Texte suchen müsste. Meltem Abrajak, eine Kommilitonin mit kaukasischen Wurzeln, konterte schnippisch, dass er nicht von uns erwarten könne, dass wir großartig nach Texten für die Klausuren suchten, da wir als BA-Studenten dafür keine Zeit mehr hätten. Eigentlich ist zu erwarten, dass der Professor mit einem Argument für das wissenschaftliche, selbständige Arbeiten, erwidert. Doch er sagte nur, wir müssten ausbaden, was von oben beschlossen wurde und wenn wir Verbündete für den Protest suchten, dann sollten wir zu ihm kommen: „Ich habe einen Vertrag unterschrieben, der nicht gilt. Ich mache heute nicht mehr das, warum ich diesen Beruf gewählt habe!". Diese Szene spielt sich wahrscheinlich täglich, hundertfach an deutschen Hochschulen ab.
„Der Studienabbruch kann sich sogar lohnen", meint Thomas Vielhauer vom Hochschulteam beim Arbeitsamt Hamburg. „Wer rechtzeitig die Reißleine zieht, erspart sich viel Frust und lange Studienzeiten." Je höher die Semesterzahl, umso problematischer ist allerdings die Flucht vom Campus. Also lieber was riskieren, nach dem Motto: No risk, no fun? Warum erzählen Fachschaftler trotzdem den unsicheren Erstsemestern, dass sie auf jeden Fall den Master machen sollten. Und worum ging es bei der Bologna Reform noch gleich? Ursprünglich ging es unter anderem um die Steigerung von wissenschaftlicher Kompetenz und um die Beseitigung von Mobilitätshindernissen in Europa und darüber hinaus. Dazu wollte man einfach verstehbare Abschlusszeugnisse und ein zweigliedriges Studium (Bachelor/Master), wobei der erste Abschluss arbeitsmarktbrauchbar sein sollte. Die Vergleichbarkeit und Kompatibilität der nationalen Hochschulsysteme sollte gesteigert werden, insbesondere um Studieren in Europa weltweit attraktiv zu machen.
Der tägliche Kampf mit der „Bürokratie" der Hochschule, die ständig im Nacken sitzende Frage, welche Module Studierende wann gemacht haben müssen, der immer wiederkehrende Blick Richtung Abschlussarbeit, die dann hoffentlich so gut ist, dass es zum 2,0 Schnitt reicht, den man für den Master braucht. Vergleichbarkeit im Sinne von Leistungsdruck und ständigem Konkurrenzdruck ja. Und Vereinfachung, für wen?
Wenn Wissenschaft auch Gedankenfreiheit bedeutet, dann ist diese definitiv eingeschränkter. Doch ich studiere trotzdem, das was mir Spaß macht und habe auch nicht abgebrochen, weil es mir Spaß macht und ich besuche auch Seminare, in denen ich keinen Teilnahme oder Leistungsschein mache (für die es die berüchtigten Credit Points gibt). Was für ein Luxus!
(Text: Nina Nickoll)
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