Kultur / Bildung 30.06.09
Text: Verena Brändle
Himmel, die Bachelor-These! Fünfundzwanzig Seiten geballtes Wissen, die ich innerhalb von - wenn ich jetzt anfange, was eher unwahrscheinlich ist - zwei Monaten aus meinem Bachelor-Hirn pressen muss. Ich habe Angst und ich bin nicht alleine. Am Ende dieses Semesters ist an der Uni Tübingen der Tag der Abrechnung gekommen. Die ersten verängstigten Halbwissenden werden ihre Bachelor-Arbeit schreiben und es wird hart. An dieser Stelle werden die Diplomanden, Magisterabsolventen und meinetwegen auch die Doktoranden nur müde lächeln: „Was sind schon 25 Seiten? Die schreibe ich morgens, während dem Zeitungslesen."
Die Zeitung: ein Symbol für die Freizeit?
Für das rituelle Zeitungslesen bleibt fielen BA`s nur wenig Zeit, wenn wir von einem normalen Biorhythmus ausgehen. Neben der Bachelor-Arbeit kommen nämlich noch die mündliche Bachelor-Prüfung und die Klausuren, die unterschiedlichsten und in ihrer Vielfalt kaum zu überbietenden Hausarbeiten, Prüfungen im Nebenfach und ... oh nein, mir wird schon wieder schwarz vor Augen. Es sollte wohl anmerkt werden, dass das nur die Bedingungen für die Prüfung für die durchschnittliche Geisteswissenschaft sind. Ich will wirklich überhaupt nicht wissen, welche Prüfungen angehende Naturwissenschaftler oder Wirtschaftswissenschaftler überleben müssen. Aber man sagt ja, die nehmen es mit der Rechtschreibung nicht so streng.
Schön, die kommenden Generationen von Studenten werden also die absoluten Deppen sein. Nicht mal Zeitungen lesen werden sie. Da wird sich doch der ein oder andere ein Studium noch einmal durch den Kopf gehen lassen. Hoffentlich.
Die andere Seite ist die: Die kommenden Bachelorstudenten werden sicherlich nicht mehr 20 Semester an der Uni verbringen und behaupten, sie kosten ihren Germanistik-Philosophie-Altgriechisch Magister voll aus, indem sie einfach ein „bisschen" Gas aus ihrem stressigen Leben genommen haben, sich der akademischen Forschung widmen und sich in dem ein oder anderen Semester „nicht so viel vornehmen".
Ist es nicht faszinierend, dass zwei so gegensätzliche Stereotype so perfekt nebeneinander harmonieren? Trifft der Magister-Stereotyp nämlich zu, wovon wir ausgehen müssen, da wir das BA-Stereotyp nicht realistischer bewerten können als das des Magisters - Stereotyp ist und bleibt Stereotyp! -, dann sind auch jetzt schon die absoluten Deppen an der Hochschule. Man stelle sich nur die Campus-Partys in der Übergangszeit vor: Magister- und Bachelorstudenten vereint beim Nicht-Spaßhaben. Toll.
Ein Stereotyp ist ein Stereotyp, ist ein Stereotyp
Eine andere Möglichkeit ist aber, diese Stereotype nicht unbedingt für unumstößlich zu halten und verzweifelt über das jeweils eigene Schicksal zu brüten. Denn bekommt der Studiengang Schicksalscharakter zugesprochen, so bleiben wir am Stereotyp kleben wie eine Eintagsfliege am Marmeladetopf: Die Vorstellung vom schönen Leben wird zur Falle.
In der Tat ist es doch so, dass die neuen Studiengänge nicht unbedingt ein Test für Studenten sind. Nein, vielmehr werden Verwaltung, Hochschulgremien und, ganz wichtig, Professoren auf die Probe gestellt. Nicht die Studenten versagen, die Uni tut's und zwar regelmäßig und auf ganzer Linie. Je unflexibler die Studenten durch verschulte Module und aufdiktierte Stundenpläne sind, desto mehr zeigt das doch die Inflexibilität der Universität auf. Schließlich haben sich nicht die Studenten versammelt, um die Uni etwas schulkindgerechter zu gestalten.
Und so sitzen wir also im Büro des Profs, besprechen Bachelor-Arbeiten, für die wir mit einem müden Lächeln als „unakademisch" verurteilt werden. Der Durchschnitts-Prof, muss man wissen, hält nämlich erst mal alle BAs für dumm und müssen erst noch vom Gegenteil überzeugt werden. Wie neue Ideen wird auch der Bachelor abgewinkt: „Haben wir noch nie so gemacht!" Aber eben wie neue Ideen kann - nein muss - auch der Bachelor überdacht und an die leider so dystopische Realität angepasst werden.
Das einzige, was wir uns vorwerfen müssen, ist die Naivität, mit der wir uns unserem unwürdigen BA-Schicksal gefügt haben. Wir haben uns die Regelstudienzeit als Deadline auf die Stirn tätowieren lassen. Jetzt wird es Zeit, sie an die Profs weiterzuleiten: Wie flexibel, liebe Professoren, könnt ihr sein?
(Text: Verena Brändle)
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