Kultur / Bildung 30.06.09
Text: Kristin Heck

back view: Du bist live dabei gewesen - Im Rückblick, wie ist dein Eindruck vom "Bundesweiten Bildungsstreik"?
Axel Herber: Mein Eindruck war durchweg positiv: In mehreren Aktionen haben wir auf die desolate Bildungssituation in Deutschland aufmerksam gemacht, beispielsweise durch deutschlandweite Demonstrationen am 17. Juni oder durch so genannte "Banküberfälle", bei denen die Banker über die Bildungssituation von Schülern und Studenten aufgeklärt wurde. In Würzburg hatten wir außerdem ein Protest-Camp auf dem Hubland-Campus, da habe ich auch mitgezeltet. Hier wurde abends viel über Bildung und den Streik geredet, es war ein Klima, wie ich es in der Uni selten erlebt habe. Die Streikwoche endete mit einer Protestaktion am Berliner Ring, die aber nicht von allen Teilnehmern des Bildungsstreiks getragen wurde, weil viele die Bevölkerung nicht unnötig verärgern wollten. Ich habe ebenfalls nicht daran teilgenommen. Außerdem fürchteten viele rechtliche Konsequenzen, da es sich um eine unangemeldete Demo handelte. Die Diskussion über die zeitweise Blockade des Berliner Rings wurde auf Mainpost.de jedoch interessanterweise sehr kontrovers geführt, viele Bürger hatten Verständnis für die Situation der Schüler und Studierenden.
Hat Dich etwas besonders überrascht?
Positiv an der Streikwoche fand ich, dass so viele Schüler an der Demo teilnahmen, sie wurden auch gut in die Veranstaltung eingebunden. Es gab endlich einen parteiübergreifenden Konsens darüber, dass mit der Bildung etwas schief läuft in Deutschland: Bei ON3 Südwild gab es einen Meinungsaustausch zwischen einem Mitglied der Liberalen Hochschulgruppe und einem Mitglied der Juso Hochschulgruppe. Zwar wollten die Liberalen nicht an den Protestaktionen teilnehmen, sehen aber glücklicherweise ein, dass sich etwas ändern muss. Der Bildungsstreik hat sogar den RCDS dazu gebracht, endlich Farbe zu bekennen und sich zu einer Position durchzuringen: Handeln statt Protestieren. Inwieweit diesem Spruch Taten folgen werden, wird man sehen. Man sieht also, der Bildungsstreik hat eine gesellschaftliche Debatte über Bildung losgetreten - und wenn die Politik diese nicht ignorieren möchte, muss sie nun handeln.
Was fordert ihr von der Regierung?
Nun, ich kann nicht allein für alle Teilnehmer des Bildungsstreiks sprechen. Aber grundsätzlich kritisieren wir wahrscheinlich alle, dass der Staat sich zunehmend aus seiner Verantwortung für die Bildungsfinanzierung zieht. Bildung soll zunehmend privatisiert werden, diese Tendenz ist deutlich spürbar. Das zeigt die Einführung von Studiengebühren, bei denen die Kosten für die Hochschulausbildung auf die Studenten abgewälzt werden. Das zeigen die früheren Versuche der Bayerischen Staatsregierung, Büchergeld in den Schulen einzuführen. Das zeigt auch die Verkürzung der Schul- und Studiendauer, denn natürlich wird die weitere Ausbildung vieler Bachelor-Absolventen künftig stärker von der Wirtschaft finanziert - beispielsweise durch die Finanzierung eines Master-Abschlusses und der Auflage, nach dem Abschluss wieder in den Betrieb zurückzukehren. Dieser Rückzug des Staates aus der Bildungsfinanzierung ist sozusagen die Blaupause der gesamten Protestaktionen.
Was genau passt dir persönlich nicht an der aktuellen Lage?
Mir als Student ist besonders wichtig, dass an der Uni der Leistungsdruck wieder abgebaut wird und an der Uni nicht das so genannte "Schulbankdrücken" fortgesetzt wird. Ich habe in meiner Schulzeit viel zu lange darauf gewartet, dass dieses fremdbestimmte Lernen endlich, endlich aufhört - und mich auf die Uni gefreut. Deshalb habe ich bewusst etwas studiert, das mir gefällt und nicht das, was andere wollten, dass ich studiere. Jetzt wollen die Politiker und die Entscheidungsträger an der Uni diese Art des fremdbestimmten Lernens auch an der Uni einführen. Dabei werden Stundenpläne wie in der Schule entworfen, das viel gepriesene "Über den Tellerrand gucken" kommt künftig nur in Ausnahmefällen vor, Auslandssemester können nur eingeschränkt gemacht werden und wer sich neben seinem Studium ehrenamtlich engagiert, hat wohl künftig starke Probleme, dieses Engagement mit seinem Studium zu vereinbaren. Dabei braucht die Uni doch ehrenamtliches Engagement mehr als bisher: Durch die vielen Probleme mit dem Bologna-System muss es auch Menschen in den Fachschaften, in der gesamten Studierendenvertretung geben, die diese Probleme an die Unileitung herantragen. Sonst ändert sich nie etwas.
Wichtig finde ich auch die Forderung nach mehr demokratischer Mitbestimmung für Studis an der Uni. In Zeiten des Umbruchs wird viel zu viel von Einzelpersonen entschieden - das ist gefährlich für die Unis, aber auch für die betroffenen Studierenden.
Hessen hat die Studiengebühr abgeschafft, für G8 gibt es inzwischen eine Sonderregelung - trotzdem waren Unistädte wie Marburg durch Gebäudeblockaden in den Medien. Verständlich? Was hältst du von so "radikalen" Streikmethoden?
Letztendlich halte ich jeden Protest für bessere Bildung - solange er friedlich ist und keine Sachschäden verursacht - für gerechtfertigt. Wir müssen auf die Situation der Schüler und Studierenden aufmerksam machen, denn ohne Öffentlichkeit bewegt sich heutzutage in der Politik nichts mehr. Neben diesen von Dir als radikal bezeichneten Aktionen ist es aber ebenso wichtig, inhaltlich auf Probleme aufmerksam zu machen und das Thema Bildung in die Medien zu tragen. Letztendlich kann es nur dann eine Lösung geben, wenn sich die Entscheidungsträger in Politik, Schule und Hochschule ernsthaft mit der Situation auseinandersetzen. Dazu gehört auch, dass man anerkennt, dass die Abschaffung der Studiengebühren nur ein erster Schritt zur Verbesserung der Bildungssituation in Deutschland darstellt. Es muss sich generell der Trend umkehren, Bildung - und vor allem Hochschulbildung - als etwas zu sehen, das nur den Eliten zukommt - während dem Großteil der Bevölkerung davon ausgegrenzt wird. Das wird deutlich, wenn man sich Statistiken von Studienanfängern anschaut: Ungefähr 80 Prozent der Akademiker-Kinder beginnen ein Studium. Doch bei den Nicht-Akademiker-Kindern sind es nur etwa 10 Prozent. Das zeigt, dass unsere Bildungsprobleme tiefer gehen als Studiengebühren oder G8. Dies sind nur Symptome eines größeren Problems. Um nochmal auf Deine Frage einzugehen: Es ist abzusehen, dass die Streikmethoden radikaler werden, solange sich an der Gesamtsituation nichts ändert. Doch sollten die Streikenden meiner Ansicht nach immer innerhalb der Grenzen des gesellschaftlichen Anstands bleiben. Ein friedlicher Sitzstreik wie in Marburg gehört meiner Ansicht nach - ganz in der Tradition Mahatma Ghandis - zu den legitimen Streikmethoden.
Glaubst du, dass es Schülern und Studierenden gelungen ist, sich Gehör zu verschaffen? Dass sich etwas ändert?
Ja, ich glaube, wir haben uns Gehör verschafft. Die Reaktionen der Würzburger waren im Laufe der Demo überwiegend positiv - viele Leute sind stehen geblieben und haben nachgefragt. Zudem gab es die oben genannte Diskussion nicht nur bei der Mainpost, sondern auch in anderen Medien. Die Politik wird langfristig einsehen müssen, dass derartige Demonstrationen nur zu vermeiden sind, wenn sie den Streikenden entgegenkommt. Denn der Bildungsstreik geht natürlich weiter - im November wird es weitere Demonstrationen und andere derartige Aktionen geben. Und letztendlich kann die Politik die Stimme der Wähler nicht ignorieren, will sie nicht noch weitere Stimmen verlieren.
"Bildungsstreik" ist ein heißer Kandidat für das Wort des Jahres, deiner Meinung nach der richtige Oberbegriff für eure Ziele?
Gute Frage. Das Unwort des Jahres vielleicht. Ich persönlich fände Bildungsprotest passender. Doch der Gedanke dabei war ja (vermute ich!), gezielt von Veranstaltungen an den Schulen und in der Uni fernzubleiben, um auf Probleme aufmerksam zu machen. Das ist jedoch in Würzburg nicht passiert, ich weiß nicht, ob es überhaupt irgendwo passiert ist. Einzige Ausnahme war wohl die Demo - aber waren da nicht Schulferien? Deshalb war der Ausdruck nicht so passend, aber die Botschaft des Bildungsstreiks ist ja zum Glück trotzdem in vielen Köpfen angekommen.
Bildung ist Ländersache - Eine gute Regelung?
Ein weites Feld. Der Föderalismus ist problembehaftet, das ist unstrittig. Jenseits dieser Frage darf Bildung aber meiner Ansicht nach nicht davon abhängen, ob irgendeine Partei es für gut oder schlecht befindet, Bildung zu fördern. Bildung sollte generell jedem, ungeachtet seiner sozialen Herkunft zukommen. In Bayern entscheidet die CSU, in Brandenburg die SPD, aber letztendlich würde der Streit um die Bildung auch im Bund weitergehen. Deshalb fände ich es sinnvoll, freie und kostenlose Bildung grundsätzlich in ganz Deutschland (und Europa) zu einem bedingungslosen Grundrecht zu erklären. Natürlich würde es möglicherweise einige Probleme lösen, wenn man diejenigen Gelder, die der Bund den Ländern für ihre Bildung zuschießt, direkt an die Bildungseinrichtungen verteilen würde, aber das Grundproblem, dass Bildung noch immer von der Willkür einiger Politiker abhängt, wird dadurch nicht gelöst.
Neben den Studenten waren beim "Bundesweiten Bildungsstreik" auch viele Schüler aktiv. Wie wichtig war die Teilnahme der Schulen?
Die Schüler, beim Bildungsstreik Schülis genannt, haben doch den Bildungsstreik viel früher für sich entdeckt als die Studis. Soweit ich informiert bin, haben sich die Studis erst später bei dieser Aktion angeschlossen. Aber zu Deiner Frage: Natürlich ist es immens wichtig, dass auch die Schüler mit protestieren. Denn in Bezug auf Bildung sollte man früh anfangen, etwas zu verändern. Schließlich wird in unseren System stark selektiert. Wer schon in der Grundschule aussortiert wird, kann später auch nicht studieren. Würde man statt zu selektieren, die Schüler individuell fördern, würden auch mehr Schüler dazu befähigt sein, später zu studieren. Ich finde es sehr bezeichnend, dass eine Grundschullehrerin in unserem Land dafür bestraft wird, dass sie ihren Schülern faire Noten gibt und ihren Lernfortschritt individuell betreut (Hintergrundinformationen in einem Spiegel-Artikel). Daher müssen wir auch darauf aufmerksam machen, was an den Schulen passiert, damit die Schulkinder später nicht die Folgen ihrer verkorksten Schulbildung tragen müssen.
Jetzt wissen wir was nicht stimmt, aber wie besser machen? Irgendwelche Ideen?
Fördern statt Selektieren, wäre mein Vorschlag (und nicht nur meiner). Erziehung zu Selbstständigkeit und Demokratie wäre ein anderer. Wir müssen es den Menschen ermöglichen, freie und selbstständige Bürger zu werden, anstatt ihre Bildung von sozialer Herkunft und finanziellen Zwängen abhängig zu machen. Erst durch ein gutes Bildungssystem kann unsere Gesellschaft den Idealen gerecht werden, die sie selbst aufgestellt hat. Das erfordert einen ständigen und gleichberechtigten Dialog zwischen Schülern, Lehrern, Politik, Studierenden, dem universitären Mittelbau und den Professoren. Wir sind nur in diese Situation geraten, weil weder die Schüler, die Lehrer und die Eltern noch die Studierenden und die Professoren in den Prozess der Umgestaltung des Bildungssystems einbezogen wurden (Bologna, G8, etc.). Dabei wäre es wirklich einfach gewesen, hier Diskussionsforen zu etablieren, statt über die Köpfe der Betroffenen hinweg zu entscheiden und alles kurzfristig und hastig umzusetzen.
Vielen Dank für das Interview.
(Text: Kristin Heck / Foto: Axel Herber)
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