Gesellschaft / Brennpunkte 25.03.08
Text: Martin Böcker
Wie sind Sie auf den Namen „Trott-war" gekommen?
Der Name soll zum einen die Verbindung mit unserem Vertriebsgebiet herstellen, im Schwäbischen sagt man ja zum Gehweg s'trottoir und es hat zum anderen so auch mit Straße zu tun, also dem Lebensraum unserer Klientel. Das „war" stellt die dritte Person von „sein" in der -das ist wichtig- Vergangenheitsform dar. Der Trott der Straße soll Vergangenheit sein, soll aufhören und mit dem Zeitungsverkauf beginnt etwas Neues, etwas Positives.
Wie läuft die Wahl des Titelthemas ab? Auf welche Art und Weise arbeiten Sie mit ihren Redakteuren zusammen?
Bei uns war von Anfang an klar, dass wir vor allem monatlich mit einem lesenswerten guten Produkt zuverlässig auf den Markt kommen wollten. Auch und gerade als Einkommensgarantie für unsere Verkäuferinnen und Verkäufer. Deshalb arbeiten in unserer Redaktion als feste Mitarbeiterinnen zwei Redakteurinnen mit anderthalb Personalstellen. daneben gibt es eine Gruppe von zirka zehn bis fünfzehn freien Redakteuren und Fotografen, die auf Honorarbasis Artikel mit Bildmaterial beisteuern. Die Themen werden von unserer Chefredakteurin vorgeschlagen und dann in den Redaktionskonferenzen diskutiert. Unser Themenplan ist immer im Sommer des Vorjahres für das kommende Jahr fertig, Redaktionskonferenzen finden monatlich statt. Ein Themenplan ist ja nicht nur für die Redaktion wichtig, sondern vor allem für die Anzeigenakquise und für die Listung in bestimmten Fachzeitschriften wie dem "Stamm", ein Verlagsverzeichnisse, in denen alle Publikationen mit Angaben zur Auflage, Adresse, Namen der Beschäftigten etc. enthalten sind, und ähnlichen.
Wie ist ihr Magazin entstanden?
Herr Bernd Dorst brachte als damaliger Caritasmitarbeiter die Idee der Straßenzeitung von Hamburg mit. Er hatte dort Hinz & Kunzt [Anmerkung der Redaktion: ein weiteres Straßenmagazin, welches in dieser Serie auch noch vorgestellt wird] kennenngelernt und beschlossen, dass es in Stuttgart so etwas auch geben sollte. Es fanden sich dann schnell Interessierte Journalisten und Privatpersonen, die Trott-war gründeten und aufbauten. Eines der Gründungsmitglieder war unser jetziger Geschäftsführer, Helmut H. Schmid.
Welche Hindernisse mussten Sie im Laufe der Entstehungsgeschichte meistern?
Die schwierigste Phase war die Zeit der Konsolidierung, nachdem die Anschubfinanzierung durch ABMs etc. ausgelaufen war (so nach den ersten 5 Jahren) und alle Personalkosten und alle anderen Kosten von unserem Verein allein durch den Verkauf, Anzeigen und Spenden finanziert werden mussten.
Welche Hindernisse machen Ihnen heute das Leben schwer?
Inzwischen haben wir zwar jede Menge zusätzliche Projekte und Angebote für sozial Benachteiligte neben unserem Kerngeschäft, dem Zeitungsverkauf, aufgebaut, aber bei allen Angeboten ist die größte Herausforderung die der Personalkostenfinanzierung. Inzwischen haben wir ein Wohnprojekt mit 10 Wohnungen für unsere Verkäufer, eine Theatergruppe von Verkäufern mit professioneller Unterstützung und unser Festanstellungsmodell im Verkauf. Dabei haben wir jetzt bereits im ersten Jahr 16 Straßenzeitungsverkäufer sozialversicherungspflichtig im Verkauf angestellt.
Wie kann ich mir so eine Festanstellung vorstellen?
Unsere fest angestellten Kollegen im Verkauf arbeiten bei uns als Zeitungsverkäufer in Teil- oder Vollzeit wie eine Bäckereiverkäuferin oder eine Bekleidungsverkäuferin. Sie haben einen Arbeitsvertrag und zahlen Steuern wie Sie und ich.
Gibt es Menschen, die ganz besonders zum Entstehen oder Erhalt des Magazins beigetragen haben?
Sicher sind so Menschen wie Herr Schmid, der von Anfang an dieses Unternehmen geprägt hat, wichtig. Aber insgesamt ist Trott-war auch nur durch das Zusammenwirken aller Mitarbeiter so stark geworden.
Wie sind Sie selbst an die Stelle als Verantwortliche für die Öffentlichkeitsarbeit von Trott-War gekommen? Was gefällt Ihnen an dieser Arbeit?
Ich habe mich noch während meines Studiums der Sozialpädagogik für ein Praktikum bei Trott-war beworben. daraus wurde dann im Anschluß ein 630 Mark Job und dann eine Anstellung mit 25% über einige Jahre und schließlich seit 2004 eine volle Stelle für die Bereiche Öffentlichkeitsarbeit, Sozialdienst und Anzeigenakquise. Meine Arbeit ist toll, weil ich hier Sozialarbeiterisches mit Kreativem verbinden kann. Sie ist sehr vielseitig.
Wie bekommen Sie denn neue Verkäufer, Redakteure, Autoren und so weiter? Sprechen Sie die Menschen konkret an, oder kommen die Interessierten zu Ihnen?
Bei den neuen Verkäufern funktioniert das bei uns allein nach der Komm-Struktur und mit Mund zu Mundpropaganda durch die Verkäufer, die bereits bei uns arbeiten. Mit den Redakteuren ist das mal so mal so. Viele melden sich von selbst bei uns. Manche werden auch direkt von uns angefragt.
Wo sehen Sie die größten Probleme der Obdachlosen in Ihrer Stadt, bzw. im Einzugsgebiet ihres Magazins?
Ich denke, wir haben in unserem Bereich der Wohnungslosenhilfe, wozu die Straßenzeitungen ja gezählt werden, viel zu wenig Angebote, die zum einen die Lebenssituation von wohnungslosen Menschen berücksichtigt und gleichzeitig ein Angebot ist, womit die Versorgungsstrategie einmal unterbrochen wird. Was die Menschen brauchen, sind Angebote, womit ihre Eigeninitiative gefördert wird und darüber bei Ihnen wieder ein neues Selbstbild entstehen kann. Zum Beispiel das, dass sie ja noch was hinkriegen, dass sie gar nicht nur leben können, weil jemand anderes für sie sorgt. Straßenzeitungen haben mit ihrem Angebot des Zeitungsverkaufs hier einen ganz eigenen Weg begonnen mit dem sie sich abgrenzen gegenüber allen Angeboten anderer Träger und auch gegenüber gesetzlich verordneten Maßnahmen, wie zum Beispiel Ein-Euro-Jobs. Straßenzeitungen sind so zu Protagonisten der freien Marktwirtschaft im Sozialbereich geworden und ziemlich einzigartig geblieben.
Frau Gerst, vielen Dank für das Interview und alles Gute für die Zukunft.
Weitere Informationen unter: http://www.trott-war.de/
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