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Gesellschaft / Brennpunkte 19.11.08

Maßnahmen der EU für die psychische Gesundheit

Text: Martin Josef Gottfried Böcker

Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Mensch mindestens einmal im Leben an einer psychischen Erkrankung leiden wird, liegt rein statistisch bei 50 Prozent. Allen neun Minuten findet in der EU ein Selbstmord statt, die Zahl der Versuche ist um ein Vielfaches höher. Die vielfältigen Möglichkeiten, psychisch zu erkranken, wie zum Beispiel Depressionen, Angststörungen oder Suchterkrankungen schränken nicht nur die Lebensqualität der Betroffenen ein, in ihrer Gesamtheit sorgen sie auch für einen enormen volkswirtschaftlichen Schaden. Die Europäische Union erkennt das als Problem an, und langsam aber sicher fangen die Mühlen der Bürokratie an, dieses Problem zu ändern.
Das Grünbuch - „Die psychische Gesundheit der Bevölkerung verbessern. Entwicklung einer Strategie für die Förderung der psychischen Gesundheit in der Europäischen Union"
Die so genannten „Grünbücher" gelten in der EU als Diskussionsgrundlagen, auf die man dann -nach einiger Zeit- ein Maßnahmenpaket stellen kann. So schuf man das Grünbuch zur psychischen Gesundheit im Jahre 2005. Hauptaussage dieses Grünbuches ist: „Die psychische Gesundheit der EU-Bevölkerung ist stark verbesserungswürdig." Es spricht die zu hohe Selbstmordrate an, die zum Beispiel in den baltischen Staaten am höchsten und in Griechenland am niedrigsten ist. Deutschland liegt im Mittelfeld. Des Weiteren erwähnt sie den hohen volkswirtschaftlichen Schaden und klagt die Stigmatisierung und Diskriminierung von psychisch Kranken und geistig Behinderten an. Dieses entspräche nicht den europäischen Grundwerten.

Es hat zwar gedauert, aber es ist was passiert
Knapp drei Jahre später -im Juni diesen Jahres- kam eine „hochrangige EU-Konferenz" zu einem Ergebnis: Der „Europäische Pakt für psychische Gesundheit und Wohlbefinden" stellt konkrete Forderungen an „politische Entscheidungsträger und Betroffene". Zunächst einmal erkennt er an, dass „psychische Gesundheit ein Menschenrecht" und ein wesentlicher wirtschaftlicher Faktor sei und psychische Krankheiten „gewaltiges Leid" verursachten. Dann, so das Resultat der Konferenz, bedürfe es eines entschlossenen politischen Schrittes in vielen verschiedenen politischen Bereichen, um psychische Gesundheit zu einer Schlüsselpriorität zu erklären. Vor allem Menschen, die schon einmal psychisch erkrankt waren, verfügten über wertvolle Erfahrungen und sollten aktiv „in Planung und Umsetzung" mit einbezogen werden.

Man fordert Verbesserungen in fünf Schlüsselbereichen
Als ersten Punkt verlangt die Konferenz „Maßnahmen zur Vorbeugung von Depressionen und Selbstmord". Um die Grundlage für eine lebenslange psychische Gesundheit zu legen, fordert sie zweitens Schritte „zur Förderung für psychische Gesundheit in den Bereichen Bildung und Jugend" und drittens auch „am Arbeitsplatz". Vor allem letzteres solle sich positiv auf die Wirtschaft auswirken. Da die Menschen in der EU immer älter würden, macht sie als vierten Punkt auch die Psyche „älterer Menschen zum Thema. Zu guter letzt möchte sie auch der „Stigmatisierung psychisch Kranker" vorbeugen.

Der Pakt bringt Europäische Institutionen und Betroffene für die wichtigsten Herausforderungen zusammen
So fordert die Konferenz die Mitgliedstaaten, die Zivilgesellschaft in der EU und die internationalen Organisationen auf, dem „Europäischen Pakt" beizutreten und zu seiner Umsetzung beizutragen. Gemeinsam wolle man Erfolgsfaktoren für politische Maßnahmen identifizieren und so geeignete Aktionspläne und Empfehlungen ausarbeiten. Zudem fordert sie die Europäische Kommission auf, „2009 einen Vorschlag für eine Empfehlung des Rates zu psychischer Gesundheit und Wohlbefinden vorzulegen".

Kommentar: Die europäischen Mühlen mahlen langsam
Wahrscheinlich hat man schon lange vor 2005 das Problem von psychischen Erkrankungen in der EU identifiziert. Dann kam 2005 das Grünbuch, 2008 der Pakt und 2009 soll die Kommission ihre Empfehlungen vorschlagen. Bei der großen alten Dame Europa und dem gewaltigen Bürokratie-Apparat ist das wohl völlig normal - aber trotzdem frustrierend langsam. Und arbeitsaufwändig. Und aufreibend. Wie viele Menschen arbeiten eigentlich an der Umsetzung solcher Maßnahmen? Wie viele Menschen werden wohl von diesen Bürokratieprozessen aufgerieben und psychisch krank? Man kann nur hoffen, dass es ihr Opfer wert ist.

(Autor: Martin Josef Gottfried Böcker)

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