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Gesellschaft / Brennpunkte 19.11.08

Wenn plötzlich alles zu viel wird

Text: Anna Lang

Das Burnout-Syndrom am Beispiel einer betroffenen Studentin
Inzwischen ist klar, dass Burnout keine Managerkrankheit mehr ist - vor allem Studenten bilden eine besonders gefährdete Gruppe des psychischen Ausbrennens. Sie stehen generell unter einem hohen Leistungsdruck, der oft noch durch finanzielle Sorgen verstärkt wird. „Die ganz Ehrgeizigen sind davon besonders betroffen", sagt Gitta Hoppe von der Psychologischen Beratungsstelle der Uni Passau. „Sie kennen das Gefühl nicht, ein Ziel wirklich zu erreichen, immer muss gleich die nächste Stufe angegangen werden."

Zu den grundsätzlichen studentischen Problemen sind in den letzten Jahren weitere hinzugekommen. Seit 1994 leitet Gitta Hoppe die Psychologische Beratungsstelle und hat in dieser Zeit beobachtet, dass der Konkurrenzkampf an der Uni massiv zugenommen hat. „Ich finde, das ist eine bedenkliche Entwicklung", so die Diplom-Psychologin. „Aus Kollegen werden zunehmend Feinde." Wenn Noten und außeruniversitär erreichte Qualifikationen, etwa durch Praktika, die Gespräche unter Kommilitonen dominieren, kann dies zu einem Anstieg von Burnout führen. Das gehe so weit, sagt Hoppe, dass keiner dem Anderen mehr Tipps gibt, um selbst in der besten Position zu sein, eigenständig gegründete Arbeitsgruppen verschwänden zunehmend aus dem Unialltag. Zusätzlich zu dieser Entwicklung ist der Beratungsbedarf von Studenten wegen Burnout mit dem Bologna-Prozess und der Einführung des Bachelor- und Master-Systems leicht angestiegen. „Das Studium wird verkürzt und strukturierter", erklärt Hoppe. „Die Studierenden stehen ständig unter einem Leistungsdruck, den sie von der Schule so nur aus der Abiturzeit kennen." Hinzu kommt, dass viele Studenten gerade in der Übergangsphase befürchten, dass ein Bachelor-Abschluss nicht ausreicht, um einen guten Arbeitsplatz zu bekommen. Die Master-Studiengänge erleben einen nicht eingeplanten Zulauf, was vermehrt zu strengen Zulassungsbestimmungen führt. Um ihre Chancen auf einen der begehrten Plätze zu erhöhen, stellen viele Studenten schon im Bachelor-Studium hohe Ansprüche an sich selbst und ihre Leistungen.

Wie lange sie schon von Burnout betroffen war, bevor die psychische Erkrankung bei ihr diagnostiziert wurde, kann Lisa (Anm.: Name geändert) nicht genau sagen. Zwei Jahre lang schleppte die Medien und Kommunikations-Studentin der Uni Passau ein unerkanntes Trauma mit sich herum, das durch eine Filmszene ausgelöst wurde. „Ich hatte schon immer viel Angst", so die 22-Jährige. „Deshalb ist es auch niemandem aufgefallen, als das in einen nicht mehr normalen Bereich abgedriftete." Lisa litt in dieser Zeit unter Verfolgungswahn und Kontrollzwängen. Im Frühjahr 2007 kam es dann zu einem Nervenzusammenbruch, den sie vor ihrem Umfeld nicht mehr geheim halten konnte. Die Studentin entschloss sich, eine Therapie zu machen. Nach einigen Sitzungen bei einem Heilpraktiker stellte sich Lisas eigentliches Problem heraus: sie war schon länger psychisch ausgebrannt. „Zu dem Trauma kam es überhaupt nur, weil ich durch das Burnout anfällig dafür war", weiß sie heute.

Das Burnout-Syndrom hat wie die meisten psychischen Erkrankungen sehr unterschiedliche Gesichter, die Symptome können individuell stark variieren. „Die Betroffenen fühlen sich minderwertig, nicht intelligent genug und ziehen ständig den Vergleich mit anderen", sagt Gitta Hoppe. „Sie dabei geht die Leistungsfähigkeit stark zurück." Übersteigerte Ansprüche an sich selbst führten dazu, dass man seine Ziele nie erreiche und sich ständig als Versager fühle. In der Phase vor ihrem Zusammenbruch verbrachte Lisa oft drei Tage am Stück in ihrem Bett, die meiste Zeit weinend. Sie nahm kaum wahr, wie die Zeit verging, bis das böse Erwachen kam. „Wenn ich gemerkt habe, was alles liegen geblieben ist, habe ich vier Tage fast durchgearbeitet", erinnert sich die 22-Jährige. Schlaf war dabei nebensächlich, was am Ende des vierten Tages zu einer solchen Erschöpfung führte, dass Lisa wiederum drei Tage im Bett verbrachte. „Diese Endlosschleife hat sich ein halbes Jahr so hingezogen."

Burnout äußert sich meist in verschiedenen Phasen, die eine schrittweise Steigerung darstellen. „Zu Beginn sind es einzelne Tage, an denen man keine Lust hat, in die Uni zu gehen", erklärt Gitta Hoppe. Die Betroffenen fangen an, Prüfungen auszuweichen. „Je öfter man das macht, desto größer wird natürlich der Druck und desto niedriger die Wahrscheinlichkeit, das zu schaffen, was man will." Am Ende dieses langsamen Prozesses kann eine völlige Arbeitsverweigerung stehen, die Betroffenen verlassen kaum noch das Haus, manche schmeißen ihr Studium hin. „Menschen mit Burnout haben einen Tunnelblick, sie sehen nur noch das, was sie nicht können und sind sich der eigenen Fähigkeiten nicht mehr bewusst", so die Psychologin. Ein wichtiger Bestandteil von Lisas Therapie war deshalb das Erstellen einer Liste mit ihren Stärken und Fähigkeiten, die in den Sitzungen immer wieder thematisiert wurde. Auch Hoppes Strategie ist es, die Betroffenen erst einmal wieder aufzubauen, indem auf bisherige Erfolge geschaut wird, und so die Selbstzweifel zu beseitigen. Rund zehn Prozent der Studenten, die in die Psychologische Beratungsstelle kommen, leiden unter dem Burnout-Syndrom. Dabei sind alle Studiengänge vertreten, ein Schwerpunkt liegt jedoch auf den Geisteswissenschaften. „Hier gibt es oft keinen mit dem Studium verbundenen Berufsweg", erklärt die Psychologin. Durch die verkürzte Studiendauer bleibe außerdem weniger Zeit, sich in Ruhe für einen Weg zu entscheiden. Diese Situation erzeugt zusätzlichen Druck durch Zukunftsängste. Dass eine psycho-therapeutische Behandlung bei Burnout früher oder später notwendig wird, davon ist Gitta Hoppe überzeugt: „Wenn man so etwas ignoriert, gehen die psychischen Störungen irgendwann in körperliche über." Vielen Studenten, die zu ihr kommen, geht es schon lange schlecht, bevor sie sich zu diesem Schritt entschließen. Scham spielt dabei sicherlich eine Rolle, man will ja nicht als verrückt gelten. Die Behandlung in der Psychologischen Beratungsstelle ist kostenlos, was den Vorteil hat, dass die Krankenkasse nicht einbezogen wird. Das erspart den Studenten einigen Papierkram und Erklärungsdruck und hält die psychischen Probleme aus der Krankenakte heraus.

Auch Lisa hat lange gewartet, bevor sie Hilfe in Anspruch nahm. „Nach meinem Zusammenbruch wurde mir klar, dass es nicht anders geht", so die 22-Jährige. Es folgte eine Intensivtherapie in den zweieinhalb Monaten bis zu den nächsten Semesterferien. Dafür wurden zwei Sitzungen pro Woche abgehalten, die je nach Gesprächsbedarf bis zu drei Stunden dauerten. „Am Anfang haben wir nur gesammelt", erinnert sich Lisa. „Alle Dinge, die man machen muss, die einen beschäftigen und ärgern, die sich über die Jahre angesammelt haben und nicht verarbeitet wurden." Ein erster Schritt war, alles aufzugeben, was neben der Uni noch lief. „Damit kommt man zuerst gar nicht klar", sagt die Studentin. „Doch dann lernt man die Zeit zu schätzen." In den folgenden Sitzungen wurden die zuvor gesammelten Dinge nach ihrer Priorität sortiert. Mit dem Wichtigsten beginnend, durfte Lisa Schritt für Schritt einige wieder aufnehmen. Der untere Teil der Pyramide, der immerhin etwa die Hälfte ausmachte, musste allerdings ganz wegfallen. Und dann muss man auch lernen, mit den Reaktionen der anderen umzugehen. „Es gab einige, die sich abwendeten, die mich nicht verstanden oder fanden, ich übertreibe", sagt Lisa. „Andere waren sehr schockiert, sie dachten immer, ich bin stark und krieg mein Leben so gut auf die Reihe." Mögliche Reaktionen sind ein großer Unsicherheitsfaktor bei Burnout-Betroffenen und führen oft zu einem Abbau sozialer Kontakte. Für manche von Gitta Hoppes Patienten ist die Psychologin im Zeitraum ihrer Behandlung die einzige Kontaktperson an der Uni. In dieser Hinsicht hatte Lisa Glück: „Es gab immer auch Leute, die komplett hinter mir standen und mich bei der Therapie unterstützten."

(Autorin: Anna Lang für das Passauer Studentenmagazin jupi)

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