Gesellschaft /
Brennpunkte
19.11.08
Text:
Miriam Keilbach
Für viele ist das To-Do-Liste-Abhaken befreiend, für einige endet „To Do" aber nie
Es ist die kurze Sekunde der Vernunft und ich weiß genau, dass ich mir alles nur einbilde. Dass ich dort lebe, wo ich nicht leben sollte: zwischen Fiktion und Realität. Real genug, um echt zu wirken, aber doch nicht wirklich möglich. Es ist die Angst, die mich immer und überall verfolgt. Nicht nur die Menschen, die ich mir einbilde, obwohl sie nicht da sind. Es sind die Sekunden, in denen mir bewusst wird, dass der Körper ein Eigenleben führt. Ein Leben getrennt vom Kopf.
Wie in Trance erledige ich die Aufgaben, bis ich einfach nicht mehr kann. Aber ich kenne das Spiel ja. Seit einem Jahr geht es nun so... Vier Tage durcharbeiten und dann drei Tage im Bett bleiben. Dann übernimmt der Körper den Geist und umgekehrt.
Ich bin auf dem Nachhauseweg, es ist dunkel und überall sind Schatten hinter mir. Mein Handy halte ich immer in der Hand, die Nummer der Polizei auf dem Display. Ich haste nach Hause, ohne mich umzuschauen. Ob ich eigentlich heute Nachmittag den Herd ausgemacht habe? Bestimmt steht die Wohnung schon in Flammen, wenn ich heim komme. Meine schönen Kleider, Fotos, Erinnerungen - alles wird verbrannt sein. Ich bewege mich schneller und stehe endlich vor der Haustür. Von Feuer ist nichts zu sehen und mir fällt ein Stein vom Herzen. Das nächste Mal muss ich aber auch wirklich kontrollieren, ob ich alle Geräte abgeschaltet habe.
Ich schließe mich selbst in meiner Wohnung ein, sonst könnte der Fremde hineinkommen. Dann Kontrollgang in der Küche, der Herd war zum Glück aus. In letzter Zeit ist es häufiger passiert ist, dass er tatsächlich noch an war. Irgendwann werd ich es schon noch sehen, wohin mich meine unkonzentrierte und gedankenlose Art zu leben bringt. Wenn meine Wohnung ausgeräumt, mein Auto geknackt oder das Haus, in dem ich wohne, abgebrannt ist. Vielleicht sollte ich es mit schlafen probieren, morgen wird schließlich ein anstrengender Tag. Ist die Haustüre auch wirklich verschlossen? Besser noch einmal nachschauen und zurück ins Bett. Aber sind die Fenster auch zu? Was steht eigentlich morgen auf dem Plan? Ab zehn Uni, davor sollte ich dringend noch die Literatur für mein Referat suchen. Am Mittag arbeiten und abends feiert Alex ihren Geburtstag. Vielleicht eine Nachtschicht einlegen, weil das mit der Hausarbeit sonst auch nicht hinhaut? Ach du meine Güte, um zwei Uhr ist auch noch Referatsgruppentreffen. Ich sollte mir eine neue To-Do-Liste anlegen, am besten sofort, ehe ich es noch vergesse...
Heute bin ich wieder hochmotiviert in den Tag gestartet. Die Arbeit muss getan werden und Pausen sind dabei nur hinderlich - bringen Zeitverzögerung mit sich. Außerdem ist so viel zu tun, dass ich mich sputen muss, noch alles rechtzeitig zu schaffen. Oh mein Gott, schon 20 Uhr! Ich sollte mich aufraffen, endlich die Gliederung für das Referat zu machen. Ach, jetzt hätte ich fast vergessen, dass ich für Anna noch ein paar Unterlagen zusammen suchen wollte, das braucht sie ja auch bald. Mama wollte ich anrufen, viel später kann ich mich nicht melden... und dann noch eine halbe Stunde Referat und dann muss ich mich für den Geburtstag von Alex umziehen.
Super - gestern wieder nur die Hälfte von dem geschafft, was ich eigentlich machen wollte... Ich sollte mich ranhalten, ich werde schon sehen, was ich davon habe... Am Ende werd ich bestimmt am schlechtesten von allen abschneiden und durch die Klausur fallen. Warum muss ich auch immer alles auf den letzten Drücker machen? Eigentlich ist es utopisch, all die Dinge rechtzeitig erledigt zu haben. Es ist unmöglich, selbst wenn ich noch einige weitere Stunden durcharbeite. Oh man, nichts krieg ich auf die Reihe, aber auch gar nichts. Ganz toll, wirklich ganz toll. Ich brauch erst einmal eine Pause zum Abschalten. So eine bescheuerte Talkshow, das ist jetzt genau das richtige für meinen Kopf. Einfach ganz weg von der blöden Realität. Aber in einer Stunde muss ich wieder voll angreifen.
Sehr gut lief das mal wieder. Drei Tage im Bett, müde bin ich trotzdem noch, während die Arbeit sich ansammelte. Morgen muss ich wohl ganz früh aufstehen, damit ich das alles auf die Reihe bekomme. Um acht Uhr geht's los. Morgen muss ich auch dringend meine Artikel fertig schreiben, der Redaktionsschluss naht. Und ich habe meiner Schwester versprochen, dass ich ihr bei der Recherche für ihr Schulprojekt helfe. Oma muss ich anrufen. Christina wollte ich auch treffen, das kann ich vielleicht übermorgen für eine Stunde einrichten? Mein Referat muss in vier Tagen fertig sein, also zwei Tage für die Recherche und einen für das Handout und die Präsentation. Meine Hausarbeit, na gut, die muss ich erst in zwei Wochen abgeben, muss bis nach dem Referat warten. Morgen Abendessen bei Katharina - eigentlich habe ich keine Lust, aber Sozialisierung muss ja auch sein ... Dabei werden sie mich nur wieder nerven, mit ihrem ewigen Gerede über die Uni und was sie alles gemacht haben und was sie noch unbedingt tun müssen. Ich sollte mich nicht so anstellen, sonst habe ich bald keine Freunde mehr... Bei der Krankenkasse muss ich auch noch anrufen, die Überweisung für die Stadtwerke und den Brief an Sarah muss ich auch noch schreiben. Das Telefon klingelt... Sandra... Die kommt mir genau im richtigen Moment... Aber morgen, unbedingt. Die vier Tage bis zum Referat muss ich durcharbeiten, danach kann ich ja etwas entspannen...
(Autorin: Miriam Keilbach)
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