back view Schrift

Gesellschaft / Brennpunkte 25.08.09

Über die Grenzen der sozialen Gerechtigkeit

Text: Miriam Keilbach

tt_back_viewVom Anfang und Ende des Begriffes
Gerechtigkeit: Wer schon einmal eine wissenschaftliche Arbeit über diese Thematik schreiben wollte, kennt das Problem. Gerechtigkeit ist nicht - beziehungsweise nur subjektiv - definierbar. Denn wo für den einen Gerechtigkeit aufhört, hat sie für den anderen noch nicht einmal angefangen.


Bei der sozialen Gerechtigkeit wird die Fragestellung noch schwieriger. Ob in der Bildung, auf dem Arbeitsmarkt, in der Renten- oder Gesundheitspolitik - einbezogen sind hier alle Mittel, Transfers und Situationen, die mit sozialen Umständen zu tun haben. Und die Problematik beginnt schon beim Ansatz: Wird die soziale Gerechtigkeit als Gerechtigkeit im Sinne von gleichen Startmöglichkeiten verstanden, also Chancengerechtigkeit, oder soll das Endergebnis gerecht sein, also Ergebnisgerechtigkeit.

Die Chancengerechtigkeit sieht für alle Wettbewerbsteilnehmer gleiche Startmöglichkeiten vor. In der Bildung würde dies bedeuten, dass bereits in der Grundschule alle die theoretische Möglichkeit haben, das Gymnasium zu besuchen. Diesem Argument entgegen steht der finanzielle Aspekt der Gerechtigkeit: Eine Familie aus ärmlichen Verhältnissen könnte darauf angewiesen sein, dass die Tochter oder der Sohn schon mit 15 oder 16 Jahren eigenes Geld verdienen, während gutbetuchte Eltern ein Studium finanzieren können. Somit haben nicht alle Kinder die gleichen Möglichkeiten zu guter Bildung zu gelangen. Förder- und Studienkredite, die dem vorbeugen sollen, sind mit hohen Zinsen belegt, Bafög muss später zurückbezahlt werden. Absolventen können also nach ihrem Regelstudium zunächst rund 20 000 Euro Schulden tilgen. Noch dazu kommen Studienbeiträge, die vielen potentiellen Studierenden Angst einjagen. Oft wird dann eine Ausbildung dem Studium vorgezogen.

Und selbst wenn die theoretische Möglichkeit besteht, hier einen sozialen Ausgleich zu schaffen, gibt es immer noch die praktischen Barrieren. Die Gerechtigkeit beginnt bereits in der Familie. Während in Akademikerhaushalten politische Diskussionen geführt werden, die Süddeutsche Zeitung und die Tagesschau Pflichtprogramm sind und auf Bildung in Form eines Studiums wertgelegt wird, kennen Arbeiterkinder diese Themen häufig nicht. Statt FAZ die Bild, statt Heute Journal die RTL2 News - so werden schon früh die Möglichkeiten nach bestimmten Berufen zu streben, im Keim erstickt.

Bildung erlaubt?
Eng mit der Bildung ist die soziale Gerechtigkeit auf dem Arbeitsmarkt verstrickt. Denn nur wer Bildung hat, kann die höheren Berufe anstreben. Und dann wäre noch die Frage nach der Bezahlung. Wer bestimmt, wie viel Geld eine gewisse Tätigkeit wert ist? Leisten Arbeiter, die bei Wind und Wetter täglich ihre Gesundheit aufs Spiel setzen und mit 50 Jahren schon drei Bandscheibenvorfälle hatten, an einem Acht-Stunden-Tag weniger als ein Manager - der möglicherweise zwölf Stunden im Büro sitzt und Verantwortung trägt? Wie kann es sein, dass sich das Gehalt oft in Millionen unterscheidet?
In dieser Fragestellung sollte auch der Aspekt der Steuern und Abgaben berücksichtigt werden. Ist es gerecht, dass Menschen, die mehr verdienen, mehr abgeben müssen? Sollten Reiche mehr bezahlen als Arme, sprich: Fängt die soziale Gerechtigkeit damit an, dass eben alle die theoretische Möglichkeit haben, viel Geld anzuhäufen? Oder ist es soziale Gerechtigkeit, dass am Ende - nach Abzug der Abgaben - möglichst gleich viel Gehalt rauskommt?

Wie auf allen Feldern wird die soziale Gerechtigkeit auch im Bereich der Rentenpolitik stark diskutiert. Können Menschen bis fast 70 Jahre arbeiten, beziehungsweise ist dies in allen Berufsgruppen möglich? Können Dachdecker mit 68 Jahren noch auf einem Dach herumkrakseln und ihre Gesundheit riskieren, um nicht unter die Armutsgrenze zu fallen? Auch fraglich ist der Rentenbetrag. Während viele Rentner über zu wenig Geld klagen, sind es die Jungen, die deren Rente bezahlen. Sie selbst werden allerdings später höchstwahrscheinlich keine Rente mehr beziehen, so bezahlen sie also für gleich zwei Lebensabende. Auf das Rentensystem kamen nach der deutschen Wiedervereinigung schließlich die größten Herausforderungen zu: In der DDR wurde nicht in Rentenkassen gezahlt, die Senioren im wiedervereinigten Deutschland haben allerdings Anspruch auf die Rente - egal, aus welchem der ehemaligen Teile des Landes sie kommen. Deshalb sind die Rentenkassen stark ausgeschöpft.

Ein „gesundes" Deutschland?
Bleibt noch das letzte Politikfeld der deutschen Sozialstaatlichkeit, die Gesundheitspolitik. Über die (Un-)Gerechtigkeit der Gesundheitspolitik wurde und wird viel diskutiert. Das Wort Zwei-Klassen-Gesellschaft fällt in diesem Zusammenhang gerne. Während Privatpatienten es nur gerecht finden, dass sie für mehr Geld mehr (und bevorzugte) Leistung erhalten, finden diejenigen, die sich keine Privatkasse leisten können, ungerecht, dass sie im Wartezimmer teilweise Stunden verbringen müssen und für extra Untersuchungen extra zahlen müssen. Sollte jeder in Deutschland das Recht haben, sich die Zähne kostenlos machen zu lassen, wenn es notwendig ist und ist es gerecht, dass man - unabhängig vom Gehalt - bei jedem Arztbesuch zehn Euro zahlen muss?
Und schließlich hängt sowieso alles von der Finanzierung ab. Soll der Staat möglichst viel eingreifen und unterstützen oder wird somit nur Faulheit gefördert? Werden Sozialschmarotzer herangezüchtet, wenn der Arbeitslosensatz zu hoch angesetzt wird oder sollen wir eher an die denken, die gerne arbeiten würden, aber keinen Job finden? Ist es gerecht, dass es nicht genug Arbeitsplätze gibt und somit nicht jeder die Möglichkeit hat, zu arbeiten? Und wie viel Unterstützung sollte jemand bekommen, der sein ganzes Leben gearbeitet hat, nun aber 75 Jahre alt und ein Pflegefall ist?

Die Problematik bei der Suche nache einer sozialen Gerechtigkeit ist der Egoismus. Jeder findet das gerecht, was ihm selbst Vorteile bringt. Wer arm ist, findet gerecht, dass die Reichen mehr Steuern zahlen. Wer Privatpatient ist und dafür zahlt, findet gerecht, dass er bevorzugt behandelt wird. Somit wird die soziale Gerechtigkeit nie vorhanden sein. Es ist eine utopische Vorstellung - ein Zustand, der nie erreicht werden kann. Jedenfalls nie für alle Gesellschaftsteilnehmer zur gleichen Zeit.


tt_back_view
Weitere Artikel zum Titelthema "soziales Deutschland?"
Ein bedingungsloses Grundeinkommen
Der demographische Wandel
Euere Meinung eingefangen



(Text: Miriam Keilbach)

Kommentare

B
i
u
Quote
Code
List
List item
URL
Name *
E-Mail (für Bestätigungen & Antworten)
URL
Code   
ChronoComments by Joomla Professional Solutions
Kommentar abschicken
bleibt in kontakt mit back view

google-logo-plus-0fbe8f0119f4a902429a5991af5db563
meinvztwitter_

Titelthema Archiv

16. Mai 2012
noch offen
02. Mai 2012
18. April 2012
04. April 2012
21. März 2012
07. März 2012
22. Februar 2012
08. Februar 2012
25. Januar 2012
11. Januar2012
28. Dezember 2011
14. Dezember 2011
Das Jahr 2011
30. November 2011
16. November 2011
02. November 2011
Tag des Mannes
19. Oktober 2011
05. Oktober 2011
21. September 2011
07. September 2011
24. August 2011
10. August 2011
27. Juli 2011
13. Juli 2011
29. Juni 2011
15. Juni 2011
01. Juni 2011
18. Mai 2011

04. Mai 2011
Olympia 2018 in München

20. April 2011
Soziales Netzwerken

06. April 2011
Studierende und ihre Probleme

23. März 2011
Deutschland im Wahlfieber

09. März 2011
Müll dieser Welt

23. Februar 2011
Wir lieben, was ihr hasst!

09. Februar 2011
Arabische Welt in Aufruhr

26. Januar 2011
Hungersnot

12. Januar 2011
Die reformierte Bundeswehr

29. Dezember 2010
Jahresrückblick

15. Dezember 2010
Weihnachtsspecial

01. Dezember 2010
Sinn des Lebens

17. November 2010
Castortransporte

03. November 2010
Generation Praktikum

20. Oktober 2010
Stigmata der Jugend

06. Oktober 2010
Aufbruch ins Studium

22. September 2010
9 / 11

08. September 2010
200 Jahre Oktoberfest

25. August 2010
Armut

11. August 2010
Geschlechterrollen

28. Juli 2010
Dinge

14. Juli 2010
Rauchen

30. Juni 2010
Freizeitpark-Test

16. Juni 2010
Bundespräsidentenwahl

02. Juni 2010
Fußball-WM in Südafrika

19. Mai 2010
Raum & Identität

05. Mai 2010
Russland

21. April 2010
Organisierte Kriminalität

07. April 2010
Wandel des Klimas

24. März 2010
Krise unterm Kreuz?

10. März 2010
Liebe 2.0

24. Februar 2010
Junge Verlage

10. Februar 2010
Olympia in Vancouver

27. Januar 2010
Kinder dieser Welt

13. Januar 2010
Geheimbünde

30. Dezember 2009
Jahresrückblick

06. November 2009
Weihnachtsspecial

02. Dezember 2009
Über das Altwerden

08. November 2009
Krieg

04. November 2009
20 Jahre Mauerfall

21. Oktober 2009
Atomenergie

07. Oktober 2009
Mythos oder Wahrheit?

23. September 2009
Bundestagswahl 2009

09. September 2009
Fälschungen

26. August 2009
Soziales Deutschland?

12. August 2009
Stars von morgen

29. Juli 2009
Sieht so unsere Zukunft aus?

15. Juli 2009
40 Jahre Mondlandung

01. Juli 2009
Endstation Bildung

17. Juni 2009
Sexualität

03. Juni 2009
Europawahl

20. Mai 2009
60 Jahre Bundesrepublik

06. Mai 2009
Kindersoldaten

22. April 2009
Umweltverschmutzung

08. April 2009
Nichtregierungsorganisationen

25. März 2009
Ureinwohner dieser Welt

11. März 2009
Die Weltwunder

18. Februar 2009
Fastnacht

04. Februar 2009
Die Deutsche Bundeswehr

21. Januar 2009
Das Afrika der Gegenwart

31. Dezember 2008
Der große Jahresrückblick

17. Dezember 2008
Weihnachten in ...

03. Dezember 2008
AIDS

19. November 2008
Psychische Volkskrankheiten

05. November 2008
Präsidentschaftswahl USA

22. Oktober 2008
Politischer Extremismus

08. Oktober 2008
Jugend am Abgrund

24. September 2008
Social Networking

10. September 2008
Krisenregionen

27. August 2008
Organspende

13. August 2008
Erneuerbare Energien

30. Juli 2008
Olympia in Peking

16. Juli 2008
Die Pressefreiheit

02. Juli 2008
Der Tod

18. Juni 2008
Bachelor vs. Diplom

04. Juni 2008
Fußball-EM

21. Mai 2008
Homosexualität

07. Mai 2008
Folgen des NS-Regimes

23. April 2008
WWW wird 15

09. April 2008
Tibet

26. März 2008
Obdachlosigkeit

12. März 2008
US-Vorwahlen

27. Februar 2008
Unser Gehirn

13. Februar 2008
Die Sekte

15. Januar 2008
68er... und dann?

© 2007-2012 back view