Gesellschaft / Meinungen 25.03.09
Text: Anna Franz

Umfrage zum Titelthema
Urvölker - die Befragten machten erst Mal ratlose Gesichter. Aber dann fiel doch jedem etwas ein. Zumindest hatten sie eine Meinung dazu, ob man Naturvölker beobachten und von ihnen lernen sollte, oder sie ungestört leben lassen sollte. Denn schließlich werden „Buschvölker" oft als Paradebeispiel genannt, wenn es um nachhaltige Nutzung der Natur geht. Tauschen wollte dann aber doch niemand.
Sebastian, arbeitet bei der Daimler AG als Ingenieur und Nina, Marketing-Managerin in Münster bei einem Medizinprodukte-Hersteller:
Sebastian: „Caveman würde mir einfallen. Das ist eine Comedy-Show, die in verschiedenen Städten aufgeführt wird, in Deutschland und auch „überm Teich". (inzwischen in über 30 Ländern, Anm. d. Red.) In der Comedy geht es um die Urvölker, beziehungsweise über die klassische Mann-Frau-Beziehung, wie das wohl früher so war. Er geht jagen und sie hat sich um den Rest zu kümmern, um die Familie und den Haushalt, so wie sich das gehört (lacht). Mir hat die Show gut gefallen, mal wieder was richtig Witziges."
Nina: „Naturvölker beobachten hat ja eigentlich immer was mit verdrängen zu tun. Wenn man sich mal in Amerika die Indianer anguckt, die sind gejagt und getötet worden. Das Problem ist, dass die Menschen sich nicht etwas abschauen können, ohne das Beobachtungsobjekt zu beeinflussen. Man sollte die eigentlich in Ruhe lassen. Wenn wir alle so leben würden wie die, hätten wir mit Sicherheit ein paar Ozon-Löcher weniger. Aber ich glaube nicht, dass wir es schaffen, uns in Zelte zurückzuziehen, auf Autos und Internet zu verzichten, um die Natur zu retten. Also ich könnte nicht auf mein iPhone verzichten! (lacht)"
Raphaela, studiert Kommunikationswissenschaft in Münster (links) und Elsa, hat Ethnologie, Englisch und Spanisch studiert, will aber ab September Soziale Arbeit studieren, sind sich in manchen Dingen einig, in anderen weniger:
Raphaela: „Die Ur- oder Naturvölker haben oft auf ressourcenreichen Böden gelebt, die die Industrienationen nach und nach für sich beansprucht haben. So werden die Völker immer mehr verdrängt. Ich glaube, dass man diesen Prozess leider nicht aufhalten kann. Trotzdem sollte man sie eigentlich in ihren Ursprüngen..."
Elsa: „...schützen, leben lassen. Es war ja leider schon immer so, dass die Industrieländer das zerstört haben, was in ihren Augen unterentwickelt war. Es ist einfach nicht fair: angeblich ‚dient' es der Globalisierung, aber eigentlich nur dem Geschäft."
Raphaela: „Das ist etwas zu einseitig formuliert, denke ich. Es wird ja auch eine Menge Entwicklungshilfe geleistet. Ich würde einen Unterschied machen zwischen Urvölkern und Entwicklungsländern an sich."
Elsa: „Ja, aber es wird in beide eingedrungen, und die Industrieländer lassen beide ja auch nicht leben."
Raphaela: „Was heißt nicht leben?!"
Elsa: „Viele Industrieländer gehen in die Entwicklungsländer rein mit der Vorstellung, wir zeigen denen jetzt mal, wie man gut leben kann. Dabei geht's denen teilweise gar nicht so schlecht, die sind eigentlich zufrieden mit ihrer Tradition, Religion, Politik, was ja in vielen Völkern auch das Gleiche ist. Ich finde, die Menschen aus unserem Raum nehmen sich einfach zu viel raus: sie meinen, nur unser Leben sei lebenswert und wir hätten den Luxus und müssten denen jetzt zeigen, wie die es da ‚besser' machen können. Die werden gar nicht gefragt. Meistens wehren die Völker sich nicht, weil sie denken, es wird ihnen was gutes getan, und dann stehen sie am Ende da ohne ihr Land und ohne ihre Tradition."
Raphaela: „Dabei könnte man von ihnen so viel lernen! Ich finde, wir sollten sie mehr beobachten und es ihnen nachmachen. Vor allem im Moment, wo man überhaupt nicht weiß, wo es durch die Wirtschaftskrise hingeht. Ich glaube, etwas ‚back to the roots' würde uns ganz gut tun. Wenn zum Beispiel plötzlich alle Supermarktketten geschlossen würden, wären 90 Prozent der Bevölkerung ziemlich hilflos und könnten sich nicht mehr selbst versorgen."
Elsa: „Man kann ja nur von ihnen lernen. Wenn man ein paar Sachen nicht übernehmen will, wie etwa das Gesundheitswesen, muss man es ja nicht."
Natalie, studiert Jura im 1. Semester in Münster:
„Aborigines fallen mir ein, ich glaube die leben in Australien zurückgedrängt und abseits von der Zivilisation. Ich finde es gut, dass die es schaffen, so im Einklang mit der Natur zu leben. Aber die werden auch Probleme kriegen, wenn die Weltzerstörung weiter voranschreitet. Also wenn sich das Klima verändert, wenn's auch in Australien regnen wird, können die ja nicht mehr draußen leben. Ich würde auch nicht so leben können, ich hätte schon alleine keine Zeit dafür. Und Internet, Fernsehen und Telefon, darauf könnte ich nicht verzichten. Und schon gar nicht auf eine Toilette."
(Text und Fotos: Anna Franz / Zeichnungen: Christina Koormann)
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