Gesellschaft / Meinungen 19.05.09
Text: Anna Franz
Umfrage: Was sich an Deutschland verändert hat
Sandra, 22, studiert Computerlinguistik im zweiten Semester in Saarbrücken, freut sich auf den nächsten Schnee:
„Wenn die Fußball-WM nicht gewesen wäre, könnte es gar nicht so viele Feierlichkeiten zum 60 jährigen Jubiläum Deutschlands geben. Bei der WM hat man sich ja zum ersten Mal wieder getraut, Flagge zu zeigen. Wer vorher mit schwarz-rot-gold herumlief, wurde ja sofort schräg angeguckt. Ich denke, das ist die größte Veränderung in den letzten 60 Jahren. Dass man wieder ein Nationalbewusstsein entwickeln konnte, ohne die Vergangenheit auszublenden. Die zweite große Veränderung ist der Schnee! Als ich klein war, gab es noch jeden Winter Schnee, und jetzt sieht man mit Glück mal alle 3 oder 4 Jahre eine dünne weiße Schicht auf der Straße! Für die Zukunft finde ich es wichtig, dass die Arbeitslosigkeit gesenkt wird. Im Moment scheint das ja wegen der Krise eher aussichtslos, aber ich finde, wenn man den Menschen Arbeit gibt, kommen die auch wieder aus der Krise raus. Ich sehe mich in 60 Jahren als flotte alte Dame auf einem Fahrrad - wahrscheinlich verfahre ich mich gerade irgendwo. Oder in einem Rollstuhl, der Düsen hat, fliegen kann und mit 120 km/h Mindestgeschwindigkeit!"
Sebastian, 25, hat eine Koch-Lehre gemacht, sich an einer Erzieher-Ausbildung in Saarbrücken versucht und möchte sich jetzt in Richtung Sport umorientieren, schätzt die Großfamilie:
„Die größte Veränderung in den letzten 60 Jahren hat die Gesellschaft vollzogen. Wenn ich die ältere Generation meiner Familie anschaue, haben die noch ganz andere Vorstellungen und Werte vom „richtigen" Zusammenleben. Die jungen kümmern sich um die Eltern, alle leben zusammen in einem Haus... Heutzutage gibt es kaum noch diese Art Großfamilie, sondern jeder will so leben, wie er es für richtig hält. Schade eigentlich, ich glaube, es gab damals einen größeren Zusammenhalt. Ich glaube, in den nächsten 60 Jahren wird wieder eine Phase kommen, wo die Familie wichtiger wird. Alles wird zusammenbrechen, und wenn der einzelne kein Geld, keinen Luxus mehr hat, der ihn wärmt, dann wird er sich wieder auf die Familie besinnen und auf den Zusammenhalt. Im Moment ist es ja so, dass es trotz Wirtschaftskrise noch immer einen großen Wohlstand gibt, in dem jeder alleine ziemlich gut klarkommt und sehr selbstbewusst ist. Ich sehe mich irgendwo zwischen arm und reich. Vielleicht habe ich ein Haus gefunden, das mir gefällt, irgendwo in Neuseeland auf einem Fels mit Meerblick, und man kann zu Fuß runter zum Strand laufen."
Solveig, 21, studiert deutsch-französisch Studien in Saarbrücken im zweiten Semester, beobachtet die deutsch-französische Freundschaft:
„Wenn ich in den letzten 60 Jahren Bundeskanzler gewesen wäre, wäre ich bestimmt besonders stolz auf die erfolgreiche Integration Deutschlands in Europa. Deutschland und seine Nachbarländer verstehen sich ja wieder richtig gut, schon krass, nach dem zweiten Weltkrieg! Die Beziehung zwischen Deutschland und Frankreich hat da ganz besonders mitgeholfen. Das ging ja nach dem Krieg ziemlich schnell los, wahrscheinlich als Prävention gegen neue Kämpfe. Die deutsch-französische Freundschaft hat jahrhuntertealte Feindbilder durchbrochen, das ist echt eine Leistung! Wobei im Moment die Zusammenarbeit etwas abschwächt, Sarkozy-Merkel sind nun nicht das Traum-Paar, und es werden immer mehr deutsch-französische Angebote gestrichen, das merkt man besonders bei unserem deutsch-französischen Studiengang. Von deutscher Seite besteht auch mehr Interesse als von französischer Seite, vielleicht liegt das aber auch an der Sprache. Deutsch gilt ja nicht als besonders attraktiv. Für die nächsten 60 Jahre möchte ich, dass mehr soziale Gerechtigkeit hergestellt wird. Und ich selber bin dann ja... oh... Alt! Wahrscheinlich wohne ich wieder in Deutschland. Wenn man etwas Internationales studiert, fragt man sich schon, ob man später in ein anderes Land zieht, aber ich komme für die Rente wahrscheinlich doch nach Deutschland zurück. Ich wohne dann hoffentlich irgendwo mit vielen Enkeln!"
Katharina, 18, aus Albachten, geht in die 12. Klasse und bewundert die Demokratie:
„Das tollste an 60 Jahren Deutschland ist die Demokratie! Das habe ich letztens noch im Fernsehen gesehen. Die ganzen demokratischen Ideen mussten ja erstmal in die Schulbücher übernommen werden und die Gesellschaft musste sich wieder dran gewöhnen. Heute ist das ja irgendwie selbstverständlich. Deutschland musste auch erst wieder lernen, Ausländer zu integrieren und zu sich zu stehen. Das ist erst mit der WM gelungen, als überall Deutschland-Fahnen hingen, und es keinen bitteren Beigeschmack mehr gab. Es hat ja auch lange genug gedauert! Wenn ich in den nächsten 60 Jahren Politik machen dürfte, ich würde das Schulsystem wieder verändern. 13 Jahre Schule finde ich viel besser als 12, so hat man Zeit für ein Auslandsjahr, der Stoff ist nicht so gestopft und die Schüler leiden nicht so stark unter dem Leistungsdruck. Die Studiengebühren würde ich auch abschaffen, die sind unfair. Direkt an unserer Schule würde ich Computerkurse für die Lehrer anschaffen. Wir haben nämlich jede Menge Medien-Ausstattung in unseren Klassen, Laptops, Beamer, DVD-Player, aber die Lehrer wissen nicht, wie sie mit den Dingern umgehen sollen. Und wenn sich mal jemand traut, funktionieren die Sachen nicht, weil sie seit drei Jahren unbenutzt im Schrank standen... In 60 Jahren... Oh Gott, da bin ich ja fast achtzig! Bestimmt bin ich so eine alte Oma mit 'nem Krückstock, die sich am besten irgendwo engagiert, vielleicht in der Politik, oder bei UNICEF."
(Text: Anna Franz / Zeichnungen: Christina Koormann)
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