Gesellschaft / Menschen 20.04.10
Text: Nina Nickoll
back view: Sie haben für Ihre Berichte über Rockerkriminalität den Wächterpreis der deutschen Tagespresse (zweiter Platz) bekommen. Wie sind Sie zu dem Thema gelangt?
Christine Kröger: Ich habe über Jahre intensiv zum Thema Rechtsextremismus recherchiert und bin dabei auch ins Hooliganmilieu geraten, in dem sich zahlreiche Neonazis tummeln. Bei diesen Recherchen sind mir immer wieder auch die „Hell's Angels" begegnet. Es gibt personelle Überschneidungen zwischen diesen Szenen, mancher Rocker war einst ein rechter Fußballschläger.
Haben die „Hell's Angels" und vergleichbare Banden denn politische Ambitionen?
Nein. Ich denke, die politische Einstellung ihrer Mitglieder ist ihnen egal. Öffentlich betonen sie allerdings, dass sie mit Neonazis nichts zu tun haben wollen. Aber intern dürfte sie allenfalls stören, wenn sie aufgrund politischer Aktivitäten einzelner Mitglieder auch noch ins Visier des Staatsschutzes geraten. Denn die Kripo hat sie ohnehin auf dem Schirm.
Die einschlägigen Rockerbanden sind in den Landeskriminalämtern ein Fall für die Abteilung „Organisierte Kriminalität". Warum?
Hinter der Fassade dieser „Motorradclubs" agieren zahlreiche Schwerkriminelle. Sie machen schmutzige Geschäfte im Rotlichtmilieu, im Waffen- und im Drogenhandel. Der „Club" macht ihnen diese Geschäfte einfacher: Seine Mitglieder tragen ihre extreme Gewaltbereitschaft offen zur Schau und sorgen so für eine permanent einschüchternde Drohkulisse.
Wie gehen Sie bei Ihren Recherchen vor?
Das ist sehr schwierig. OK (Organisierte Kriminalität)-Ermittler in Polizei und Staatsanwaltschaft sind im Allgemeinen sehr wortkarg: Sie wollen sich nicht „in die Karten" schauen lassen, um ihre Ermittlungen nicht zu gefährden. Die „Clubs" selbst sind sehr abgeschottet, machen aber teilweise eine sehr professionelle Pressearbeit. Das gilt jedenfalls für die „Hell's Angels". Da heißt es vor allem: sich nicht „einwickeln" lassen, Distanz wahren, kritisch hinterfragen. Im Ergebnis bin ich hauptsächlich auf „informelle" Quellen angewiesen: Whistleblower (Hinweisgeber - Anm. d. Red.) aus Behörden, aber auch auf Informanten aus dem Rocker- und Rotlichtmilieu. Und natürlich auf meine eigenen Beobachtungen.
Wie sind Banden wie die „Hell's Angels" und die „Bandidos" organisiert, welchen Verhaltensregeln folgen sie, wie funktionieren ihre Netzwerke?
Grandios funktionieren ihre Netzwerke, das muss man leider zugeben. Diese Banden sind weltweit straff hierarchisch organisiert, der Zusammenhalt ihrer Mitglieder ist fast bedingungslos. In der Szene gilt die „Omertà", das Gesetz des Schweigens der italienischen Mafia. Und dieses Gesetz wird selten gebrochen. Das macht es der Polizei ja oft so schwer, den Rockern Straftaten nachzuweisen. Denn in diesem Milieu schweigen nicht nur die Täter, sondern auch die Opfer und die meisten Zeugen. Entweder, weil sie sich selbst der Omertà verpflichtet fühlen oder, weil sie Angst haben.
Ist die „Staatsmacht" machtlos gegen solche Gruppen?
Natürlich nicht. Aber sie hat es eben sehr schwer. In den meisten Landeskriminalämtern gibt es längst Ermittler, die sich um nichts anderes als um Rockerkriminalität kümmern.
Was fasziniert an solchen „Clubs"? Warum finden sie immer neue Anhänger?
Da kann ich nur mutmaßen. Die Banden pflegen eine Art Easyrider-Rider-Image, dem „Duft von Freiheit und Abenteuer" sozusagen, vollgestopft mit übersteigerten Männlichkeitsritualen und unverhohlenem Sexismus. Und immer noch fällt mancher darauf rein. Andere fasziniert vielleicht, dass ihnen die Clubzugehörigkeit Macht gibt, sie fühlen sich plötzlich als jemand. Dass diese Macht nur auf der Angst vor roher Gewalt gebaut ist, ist armselig - doch das scheint diese Menschen nicht weiter zu stören.
(Interview: Nina Nickoll)
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