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Gesellschaft / Menschen 10.08.10

Wann ist ein Mann ein Mann?

Text: Miriam Keilbach

tt_back_viewTagsüber Vater und Ehemann, abends als Frau auf der Bühne
Christian Gabauer ist froh, ein Mann zu sein - aber er ist ein Mann mit einer ausgeprägten weiblichen Seite. Die lebt er auch offen aus - immer dann, wenn sich der Österreicher als Paris Diamont verkleidet und als Travestiekünstler auftritt. Dabei entspricht Christian nicht dem gängigen Klischee. Er wird nicht zur Barbie, sobald er ein Minikleid trägt. Und: Er ist nicht schwul. Eigentlich ist er nur ein Familienvater mit femininem Touch.


20:18 Uhr. Paris stöckelt vorsichtig über die Hamburger Reeperbahn. Noch nie ist sie mit ihren Zehn-Zentimeter-Pfennigabsätzen über Schnee und Eis gegangen. Sie rutscht, versucht den Absatz ins Eis zu hacken und dabei möglichst elegant auszusehen. Ein Auto hupt. Paris lächelt und wirft dem Mann am Steuer einen Handkuss zu. Als sie am Travestie-Cabaret-Theater Pulverfass ankommt, ist ihr schwarzes Minikleid, das kaum den Po bedeckt, am Saum gerissen.

Während ihr Manager das Kleid wieder zusammenflickt, kichert Paris verlegen. Sie wirft ihr langes blondes Haar zurück und rutscht auf dem Barhocker hin und her. Ein Glitterteil fällt zu Boden. Wo heute Paris sitzt, saß gestern Abend Christian Gabauer, der Familienvater, der Ursprung des Alter Ego. Auch heute am frühen Morgen gab es Paris noch nicht. Es gab nur Christian. Und zwischen 15 und 20 Uhr an diesem Tag gab es weder den einen noch die andere. Denn fünf Stunden dauert es, bis aus Christian Gabauer allmählich Paris Diamont wird.

Zeitweise existiert keiner der beiden
Haarentfernung - aber nur die Stellen, die man sieht -, Augenbrauen ziehen, Make-up aufsetzen, Schattierungen schminken, Echthaarperücke ankleben, Fingernägel machen, Kleid anziehen. Zwischendurch hat Christian seine Brust so verpackt und geschminkt, dass es aussieht, als hätte er tatsächlich weibliche Brüste. Und er hat seine Augen so geschminkt, dass er einen "verruchten Blick" hat - er versuche es auf die sexy Schiene, sagt er.

Er betont beim Schminken die Wangenknochen, damit das männliche Gesicht femininer aussieht. Aus Christian, als Mann mit Brille, schlaksigem Körper und Kurzhaarfrisur, wird die attraktive Paris mit langen blonden Haaren, Kontaktlinsen, einer Wespentaille und rosarotem Lippenstift. Christian kommt beim Herrichten zugute, dass er Friseur ist. In seiner österreichischen Heimat Graz frisierte er Stars wie die No Angels.

Paris Diamont ist keine richtige Frau. Nicht nur, weil sie ein Mann ist. Paris redet nicht mit einer weiblichen Piepsstimme, wie die anderen 14 Kandidaten des heute im Pulverfass stattfindenden Nachwuchs-Travestiewettbewerbs das tun. Sie gestikuliert, wie richtige Frauen das tun, nicht wie die anderen hier, die es mit der femininen Gestik allzu übertreiben und ihre Handgelenke gern abknicken.

Paris gehört nicht richtig dazu, das Tuntenhafte sei nicht ihre Welt, sagt sie. Das sei ein total überzogenes Frauenbild hier. Bei Paris ist nur das Äußere überzogen - die Schminke, der grelle Lippenstift, das Minikleid und die Pfennigabsätze. Sie sei extrovertierter, hochnäsiger, divenhafter, sagt sie. Aber eigentlich ist das Frauenbild auch nicht so wirklich überzogen. Travestiekünstler nehmen Frauen anders wahr, als andere Männer das tun.

Die Mehrheit der als Frauen verkleideten Männer im Pulverfass ist schwul. Pauschalisierungen funktionieren dennoch nicht: Paris Diamont ist in ihrem wirklichen Leben verheiratet - mit einer Frau. Sogar schon zum zweiten Mal. Und Paris hat in ihrem wirklichen Leben einen sechsjährigen Sohn. So eindeutig, wie das mit der Sexualität jetzt klingt, war es aber nicht immer. Christian hat sich schon als Kind gern Frauenkleider angezogen. An Karneval ging er als Prinzessin. Unbewusst habe er wohl immer schon so einen Drang gehabt, sagt er nachdenklich. Obwohl er als Jugendlicher immer Freundinnen hatte, überlegte er sich irgendwann, ob all die anderen Recht haben könnten, und er schwul sei.

Es war nicht schlecht mit den Frauen, aber es konnte auch nicht alles sein. Mit 19 Jahren probierte er es aus. Dann wirst du halt schwul, dachte er sich. Friseur war er ja sowieso, das passte ins Bild. Christian Gabauer hat seine Homosexualität offen ausgelebt, hatte zwei Beziehungen und stellte mit 21 fest, dass es das auch nicht ist. Heute sagt er, dass man nicht schwul werde, sondern schwul sei. Christian ist jedenfalls bisexuell.

Dann lernte Christian seine jetzige Frau Natascha kennen. Obwohl er schon mit einer Frau verheiratet war, dachte Natascha, er sei schwul. Sie hat ihm gefallen, aber sie hat es nicht ernst genommen. Wie auch - er war ja homosexuell. Durch ein Gespräch zwischen Christian und seiner jetzigen Ex-Frau erfuhr Natascha, dass er nicht schwul ist. Und kurz nachdem die beiden zusammenkamen, nahm er sie mit zum Tuntenball, mit 2500 Gästen die größten Travestieshow in Graz. Dort lernte Natascha Paris kennen.

Der Sohn weiß, was Papa macht
Natascha stellte viele Fragen, sie diskutierten viel, doch sie ließ sich auf ihn ein. 2008 die Hochzeit. Heute findet sie es lustig - das sagt jedenfalls Paris. Und auch Sohn Sandro weiß, was der Papa abends macht. Er kennt Paris Diamont. Manchmal sieht Sandro dabei zu, wenn aus Christian Paris wird. Dann sagt er, dass er sich auch verkleiden will. Christian pudert Rouge auf die Wangen des Kindes, schminkt seine Lippen mit rosa Lippenstift. Sandro sagt dann, dass er mit zum Tuntenball gehen möchte.

Christian geht offen damit um, ein paar Mal im Jahr zur inneren Frau zu stehen. Paris sagt, dass jeder Mann weibliche Seiten hat. Wie auch jede Frau männliche Seiten hat. Christian lebt sie seit neun Jahren aus. In seinen Kreisen ist man tolerant, geht offen damit um. Paris streicht sich über den Arm, als sie das sagt. "Es fühlt sich so komisch an mit der glatten Haut."

Dass Sandro einmal diskriminiert wird, glaubt Paris nicht. Christian lässt seinem Sohn viel Freiraum. Er sei Kindern in seinem Alter überlegen, sagt Paris, und fährt fort: "Er weiß, was ein Kondom ist." Es gibt keine Tabuthemen zu Hause, und Sandro ist schlagkräftig. Würde er gehänselt, würde es ihn nicht stören - glaubt zumindest Paris. Vielleicht, weil Christian nie gehänselt wurde. Er war eben immer ein verrückter Vogel - und irgendwie sind die Österreicher da auch lockerer als die Deutschen. "Ja, hin und wieder gab es mal Sticheleien auf der Hauptschule, aber das war belanglos", sagt Paris und streicht sich eine gelockte Strähne aus dem Gesicht.

Christian, wurde nicht so offen erzogen, wie er seinen Sohn erzieht. Er hatte immer ein komisches Verhältnis zu seinen Eltern. Seine Mutter wusste lange nichts von seiner Neigung, seine weibliche Seite offen auszuleben. Sie hat Fotos und Videos gesehen, inzwischen würde sie auch mit zu einem Auftritt kommen. Sein Vater sei schon verstorben, erzählt Paris kurz bevor sie auf die Bühne geht und sich zu "Eternal Flame" von den Bangles bewegt. "Aber eine Show hätte er sich nie angesehen."

Paris wirkt unsicher auf der Bühne. Sie geht ganz vorsichtig vorwärts, umklammert das Mikrofon, ihre Augen suchen ihren Manager - den einzigen Mensch, den sie hier kennt. Als die Musik angeht, vergisst Paris den Text. Sie wird den Wettbewerb nicht gewinnen. Aber darum geht es ihr auch nicht. Sie möchte einfach einen Tag ihre Weiblichkeit ausleben - und morgen Abend wird Christian wieder seinen Sohn ins Bett bringen. Als Paris die Bühne verlassen hat, performt der nächste Travestiekünstler den Grönemeyer-Hit: "Männer": Männer haben's schwer, nehmen es leicht, außen hart und innen ganz weich. Werden als Kind schon auf Mann geeicht. Oh, wann ist ein Mann ein Mann?"


Erstveröffentlichung im Weser-Kurier

(Text: Miriam Keilbach)

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