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Gesellschaft / Menschen 25.03.08

150 Cent pro Exemplar

Text: Julia Kilian

Das Prinzip der Straßenzeitungen
Beherzt lacht die Frau mit dem Fremden auf der Straße. Sie trägt ein Kostüm, ist versehentlich in ihn hinein gelaufen. Wahrscheinlich fragt sie nach dem Weg, sie kennt sich nicht aus. In seiner freundlichen Art hilft er gerne. Und weil es der Grund ist, weshalb er dort steht, fragt er sie. Er fragt, ob sie nicht eine Zeitung kaufen möchte. Schlagartig ändert sich der Gesichtsausdruck. Sie entschuldigt sich, hat es eilig. Nicht nur einmal wird er das bereits erlebt haben. Seinen Namen darf back view nicht nennen. Auch den Ort, seine Geschichte will er anonym halten. Jeden Tag steht er an der gleichen Stelle, lacht und scherzt. Wie viel kostet eine Zeitung? „150 Cent", sagt er dann. Und schnell wird einem klar, dass der Betrag nicht die Welt ist.
Straßenzeitungen - 30 verschiedene erscheinen regelmäßig in Deutschland. 22 von ihnen sind organisiert im Bundesverband sozialer Straßenzeitungen e.V. „Das Prinzip, dem sich alle in ihrer Arbeit verbunden fühlen ist das der Beteiligung der Betroffenen", so der Bundesverband, „Dadurch wird deren Eigeninitiative gefördert, die zu nachhaltigen Veränderungen und letztlich zu neuen Perspektiven und gesellschaftlicher Reintegration führt."

Es ist nicht immer einfach, Straßenzeitungen zu verkaufen
Er sieht gepflegt aus. Nur selten riecht er nicht wie frisch geduscht. Er kommt aus Rumänien, wartet auf eine Arbeitserlaubnis. „Ich habe Führerschein", sagt er. Kurierfahrer in der Stadt würde er gerne sein. Dann bräuchte er nicht mehr auf der Straße stehen: „Diese Scheiße". Er beschwert sich. „Zehn andere" aus der benachbarten Stadt machten ihm sein Revier zunichte. Grundsätzlich wird jedem Verkäufer ein bestimmter Verkaufsplatz zugeteilt. Einen Euro darf der Verkäufer behalten, 50 Cent fließen in soziale Projekte. Nachts kommt er in einem Männerwohnheim unter, einem geregelten Leben jedoch kommt es nie gleich. Manchmal kaufen viele ein Exemplar. Manchmal keiner.

Viele Straßenzeitungen erscheinen nur selten, jedes Quartal etwa. Was macht man dann als vermeintlicher Leser? - „Nein, danke, die habe ich schon", sagt eine Frau. Sinn der Obdachlosenzeitungen ist es, den Menschen eine Tätigkeit zu geben. Redaktionell entstehen die Ausgaben von ehemals Wohnungslosen, ehrenamtlichen Mitarbeitern, manchmal organisatorischen Halbtagskräften. Selten werden die Zeitungen unterstützt, 2003 etwa von Joanne K. Rowling, die das erste, noch unveröffentlichte Kapitel eines Harry-Potter-Romans zum Abdruck bereitstellte. Verkauft werden sie von Bedürftigen, Hartz-IV-Empfängern, Langzeitarbeitslosen.

Straßenzeitungen sind gemeinnützig - doch Ausnahmen bestätigen die Regel
Gedacht als Selbsthilfeprojekt, funktioniert das Prinzip „Straßenzeitung" nicht immer. Kürzlich sorgte „Food for you e.V." / „Streetworker" / „StraMax" mit Sitz in Darmstadt für negative Schlagzeilen. Die Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD) - Spendenaufsicht in Rheinland-Pfalz - hat dem Verein Spendensammlungen und den Verkauf von Obdachlosenzeitungen in Rheinland-Pfalz für den „guten Zweck" untersagt: „Die Überprüfung der ADD hat ergeben, dass weder Obdachlosen-einrichtungen wie eine Suppenküche oder Kleiderkammern unterhalten, noch durch Spendengelder (Erlöse aus dem Zeitungsverkauf) die beworbenen gemeinnützigen Satzungszwecke erfüllt werden. Der Verein ist nicht als gemeinnützig dienend anerkannt."

Auch er verkauft für diese Organisation. Auswirkungen hat die Rüge aus dem anderen Bundesland nicht. Jeder in der Stadt kennt ihn. Der Lokalpresse verweigert er sich, will nicht interviewt werden, obwohl er gemocht wird. Er scherzt und lacht. Ist immer freundlich. Auch wenn sie beschämt an ihm vorbeigehen, wenn sie auf den Boden starren und wieder jemand „Nein“ zu ihm sagt.

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