Gesellschaft / Menschen 08.04.09
Text: Katrin Kircheis
Es hat den Anschein, sie verbreiten sich wie Parasiten. Lästig lauern sie mittlerweile schon an fast jeder Ecke in allen größeren Städten dieser Erde. Oft werden sie beschimpft, einige sogar angegriffen und sie müssen tagtäglich mit der grenzenlosen Ignoranz der vorbeieilenden Passanten zurechtkommen. Auch ich habe vier Wochen als Werber, oder auch „Keiler", für Greenpeace in Wien und Innsbruck gearbeitet. Ein hartes Geschäft und doch sehr aufschlussreich, witzig, nervenaufreibend, wachrüttelnd und vor allem: wichtig! Leider wissen das die Wenigsten.
Ist es wirklich zuviel verlangt, ein paar Minuten seiner ach so wertvollen Zeit der Umwelt, dem Tierschutz oder den Menschenrechten, die uns ja alle etwas angehen, zu opfern und zu widmen? Wenigstens zuhören könnte man doch, nachdenken über die Probleme der heutigen Zeit und nicht immer die Augen verschließen und alles auf andere abwälzen. Ausreden wie „Keine Zeit!", „Kenn ich schon!", „Interessiert mich nicht.", „Betrifft mich nicht mehr.", „Kein Geld!" zählen meiner Meinung nach nicht mehr. Natürlich, Zeit ist Geld, doch wir leben in einer Welt, in der täglich, trotz Überproduktion von Nahrungsmitteln in den Industrieländern, tausende Menschen verhungern, Kindersoldaten töten und getötet werden, Frauen vergewaltigt werden, Tiere brutal getötet werden und pro Stunde weltweit 2.500 Hektar Regenwald, der nach dem Ozean als zweitgrößter Sauerstoffproduzent der Erde dient, gebrandrodet werden. In so einer Welt sollte man überlegen, ob es wichtiger ist, pünktlich zum Einkaufen, nach Hause zum Kochen oder zur Verabredung zu kommen - oder ob man pünktlich mit den anderen die Notbremse ziehen will und etwas tut gegen all das Elend in der Welt, über das man sich doch meist selbst am Abend während der Nachrichten empört. Gerade was den Klimawandel angeht, der uns schließlich alle betrifft, sollten wir endlich aufwachen. Als „Schwarzmalerei!" wird er oft betitelt. Aber die Wirklichkeit ist schon schlimmer, als die Meisten zu vermuten wagen. Leider lassen sich viele Menschen zu sehr von den Medien und der Politik beeinflussen oder sogar manipulieren und die wirklich wichtigen Themen werden oft außer Acht gelassen oder nur zu bestimmten Zeitpunkten wie Feier- oder Jahrestagen angesprochen. Das reicht aber nicht.
Die Arbeit auf der Straße
Darum stehen - meist junge - Menschen auf der Straße, um persönliche Aufklärung zu leisten. Das ist einer der Hauptgründe und Hauptaufgaben der Werber auf der Straße, das „Fundraisen". Viele meinen, man solle sich doch „einen richtigen Job suchen" und finden es eine „Frechheit, dass man mit so was auch noch Geld verdient". Aber gerade diese persönliche Aufklärung, der direkte Kontakt, ist es, der den Menschen fehlt. Informationen aus erster Hand, wo gibt es das heutzutage schon noch? Einige haben Angst, „auf offener Straße im Vorbeigehen" einen Vertrag zu unterschreiben, schließlich kann man doch auch übers Internet oder per Überweisung spenden. Natürlich kann man das, doch geht dabei ein wichtiger Bestandteil des Vertrages, der eigentlich gar keiner ist, verloren - die eigene Stimme nämlich. Jeder so genannte „Mitmachzettel" ist mit einer Nummer versehen, der persönlichen Stimme des Spenders. Und die ist noch viel wichtiger, mindestens genauso wichtig, wie jede finanzielle Unterstützung, denn sie ist ein persönliches Druckmittel, das jede Hilfsorganisation weltweit gegen Regierungen und Ungerechtigkeiten einsetzen kann. Je mehr Menschen mitmachen und mithelfen, je mehr Stimmen sich sammeln und vereinen, umso mehr kann man erreichen. Wenn jemand selbst Umwelt-, Tier- und Menschenschutz betreibt, ist das löblich und genauso wichtig wie der organisierte. Das Argument der Gegenseite „alleine kann man doch nichts ausrichten" streitet doch niemand wirklich ab. Deshalb müssen wir uns ja zusammenschließen, denn hätten Millionen Menschen vorher auch schon „Nein!" auf der Straße gesagt, wären Organisationen wie Greenpeace oder Amnesty International, die für unser aller Zukunft kämpfen, gar nicht erst nötig.
Möglichkeiten der Unterstützung
Diese Organisationen leben vom Stimmenfang auf der Straße, von der persönlichen Aufklärung, denn so erreicht man die meisten Menschen. Greenpeace beispielsweise hat es mittlerweile geschafft, völlig selbstständig und unabhängig zu arbeiten, die Werber werden direkt ausgebildet, integriert und geschult. Der Tierschutzbund „Vier Pfoten" oder Amnesty International arbeiten teilweise noch mit Agenturen zusammen, die darauf spezialisiert sind, Werber „heranzuzüchten".
Eines haben alle Organisationen gemeinsam - das Mitmachen und Spenden ist vollkommen freiwillig. Darum heißt, was man schnell im Vorbeigehen unterschreibt, auch Mitmachzettel: Es ist weder eine Mitgliedschaft noch ein bindender Vertrag, sondern eine Förderschaft, die solange läuft, wie man will. Ein Jahr, hundert Jahre oder gar nicht. Denn man hat das Recht, diese Förderschaft jederzeit ohne Angabe von Gründen zu stornieren und kann sogar, sollte man durch unvorhergesehene Ereignisse, wie einem Wasserrohrbruch oder das freudige Erwarten von Vierlingen, in einen finanziellen Engpass geraten, das Geld auf sein Konto zurückbuchen lassen. Auch die Daten sind geschützt, durch die bereits erwähnte Nummer mit der jeder Mitmachzettel gekennzeichnet ist. Diese Nummer bleibt auch nach Auflösen der Förderschaft noch ein Jahr bestehen. Und seien wir ehrlich, keiner verlangt von jemandem, ein Aktivist zu werden und sich an Bäume, Parlamentshäuser oder Schildkröten zu ketten, auf Schornsteine zu klettern oder in Schlauchbooten auf dem offenen Meer zu schippern - meist handelt es sich um einen Beitrag von fünf Euro im Monat, der wirklich keinem weh tun sollte.
Gott sei Dank gibt es doch immer wieder Menschen, die stehen bleiben, zuhören und den „Keilern", der Organisation und nicht zuletzt unserem Planeten eine Chance geben. Sie verstehen und wissen, dass es noch nicht zu spät ist, zu helfen - aber allerhöchste Zeit. Und die, die immer achtlos vorbeigehen sollten zumindest darüber nachdenken, ob sie nicht wenigstens einmal ein offenes Ohr dafür haben sollten. Denn es stimmt, nur gemeinsam können wir etwas erreichen, jeder Einzelne, der sich von Alltagstrott, Schule, Universität, Arbeit, Fernsehen oder Sport erhebt und ein wenig mit offeneren Augen durch die Welt läuft, hat den ersten Schritt für sich und seine Mitmenschen schon getan.
Eigene Erfahrungen
Ich fand meine Zeit als „Keiler" für Greenpeace auf der Straße äußerst interessant, spaßig und extrem motivierend, mehr für die Umwelt und unsere Erde zu tun. Der Kontakt zu den Menschen auf der Straße ist einfach lehrreich und man trifft auf viele verschiedene Charaktere und Leute. Oft steht man mehrere Tage hintereinander an derselben Stelle und schließt dann auch ab und an Freundschaften mit denen, die täglich auf dem Weg zur Arbeit oder in die Universität vorbeikommen. Die ganze Werberei fand übrigens in Wien seinen Ursprung, die Wiener sind also schon ziemlich abgehärtet und resistent. Wer in Wien werben kann, kann es weltweit.
Ich bin froh, dass Menschen weltweit tagtäglich bei Wind und Wetter, Minusgraden, Hitze und missmutig entgegen eilenden Gesichtern auf der Straße stehen und für meine - unsere - Zukunft kämpfen. Ich habe sehr großen Respekt vor denen, die diesen mitunter nervenzerreißenden Job mit Herz und Seele jeden Tag aufs Neue durchstehen, mit einem Lächeln auf die anderen zugehen und manchmal auch einfach nur einen schönen Tag wünschen wollen.
(Text und Foto: Katrin Kircheis)
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Kommentare
Ich kenne diese diversen Agenturen, habe aber nie in einer gearbeitet, sondern direkt für Greenpeace.
Danke also für deinen Kommentar und den Hinweis, einiges hätte ich sicher anders schreiben/erklären können. Aber um ehrlich zu sein, war meine wahrlich sehr kurze Zeit als Werberin genauso, wie beschrieben, und ich wollte dem schlechten Ruf der Keiler auch ein wenig entgegenwirken.