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Gesellschaft / Menschen 14.07.09

"Ich konnte dieser Raumkapsel nicht widerstehen"

Text: Katrin Kircheis

tt_back_viewjaehnteaserSigmund Jähn - ein Portrait über den ersten Deutschen im All
Er war "Held der DDR", "Held der Sowjetunion" und "Fliegerkosmonaut der DDR" - Sigmund Jähn, der erste Deutsche im All. Am 26. August 1978 startete er vom kasachischen Weltraumbahnhof Baikonur und verbrachte mit seinem weißrussischen Begleiter Wladimir Kowaljonok rund acht Tage im All. Triumph in der DDR - Neid in der BRD.


Erst fünf Jahre später flog der 1941 im thüringischen Greiz geborene Ulf Merbold für die Bundesrepublik ins All. Die Süddeutsche Zeitung schrieb damals am 29. August 1978: "Zum ersten Mal wird im Weltraum deutsch gesprochen, wenn auch mit sächsischem Akzent, was die Sache gleich wieder etwas ins Komische zieht. Der erste "echte" Deutsche soll schließlich erst 1980 mit einem amerikanischen Spacelab-Raumschiff in den Weltraum fliegen. Die Welt betitelte ihn damals als "Mitesser in der Russen-Rakete".

Werdegang
Dennoch, der erste Deutsche im All war Sigmund Werner Paul Jähn. Er wurde am 13.Februar 1937 in Morgenröthe-Rautenkranz im sächsischen Vogtland geboren. Nach der Volksschule absolvierte er eine Lehre zum Buchdrucker und arbeitete als Pionierleiter. 1955 trat er den Wehrdienst bei der sogenannten VP-Luft, der Vorläuferin der Luftstreitkräfte der DDR, an. Ein Jahr später wurde er Offiziersschüler sowie zum Flugzeugführer ausgebildet. Er war bei verschiedenen Jagdfliegergeschwadern im Einsatz und leitete sie zum Schluss auch. Jähn wurde nach dieser Zeit zum Studium an der "Militärakademie der Luftstreitkräfte Juri A. Gagarin" (russischer Kosmonaut und 1961 der erste Mensch im Weltraum, er umrundete in 108 Minuten die Erde) delegiert und schloss mit dem Diplom eines Militärwissenschaftlers ab.
Ab 1976 kam er dann in die engere Auswahl für die Kosmonautenausbildung und erhielt schließlich zusammen mit Eberhard Köllner, seinem Ersatzmann, den Zuschlag. Sigmund Jähn wurde angeblich aufgrund seiner besseren Russischkenntnisse und der Ausbildung an der Militärakademie auserkoren. Nach erfolgreichen Raumfahrtmissionen wurde Jähn 1978 Oberst und stellvertretender Leiter des Zentrums für Kosmische Ausbildung, er war Generalmajor und einer der letzten Generäle, die 1990 aus der NVA entlassen wurden.

jaehn2Der Flug ins All
"Als Pilot konnte ich dem Angebot, so eine Raumkapsel zu fliegen, einfach nicht widersteh", erzählte Sigmund Jähn in einer Rede im Jahr 2005. Im Sternenstädtchen bei Moskau fanden seit 1976 die Vorbereitungen für Jähns Weltraummission statt. Im Institut für Luftfahrtmedizin der NVA wurden er und Eberhard Köllner medizinisch untersucht und fit gemacht. Zwei Jahre später schließlich flogen Sigmund Jähn und Wladimir Kowaljonok zur Raumstation Saljut6 und umrundeten in diesen knapp acht Tagen 125 Mal die Erde. Alle neunzig Minuten sei ein Sonnenaufgang zu sehen gewesen, der sich mit dem Schauspiel von grünlich wallenden Polarlichtern abwechselte. Sie führten Experimente verschiedenster Art durch, wissenschaftlich-technische, medizinische sowie biologische und testeten unter anderem die Auswirkungen der Schwerelosigkeit auf das Sprechvermögen.
Neben persönlichen Sachen, wie beispielsweise dem Foto seiner älteren, damals schwangeren Tochter und dem Brief der kleineren Tochter, auf dem "Grit Jähn, Erde" stand, bekam er auch einen Sandmann mit. Das Staatsfernsehen der DDR verpasste ihm eigens einen Raumanzug. Damit war die Sendung aus dem All der Aufklärung bestimmt. Sein Begleiter Wladimir wollte ihn allerdings mit der von ihm mitgebrachten Puppe Mascha verheiraten, Jähn stimmte zu. Das Staatsfernsehen war darüber allerdings weniger begeistert und schnitt die Sequenz aus dem Beitrag. Originalszenen sind allerdings im 2003 erschienenen deutschen Kinofilm "Good Bye, Lenin" zu sehen, in dem die Figur Sigmund Jähn Erich Honecker als Staatratvorsitzenden ablöst und die Grenzen zum Westen öffnet. Durch diesen Film erlangte Jähn noch mehr internationale Bekanntheit.
Bitterer Beigeschmack - Die unerwartet harte Landung am 3. September 1978 in der kasachischen Steppe führte bei Jähn zu bleibenden Wirbelsäulenschäden. Der Fallschirm der Raumkapsel öffnete sich nicht.

Eine lebende Legende
Als sozialistischer Held kehrte er drei Wochen später zurück nach Deutschland. Von nun an legte er Kränze nieder, pflanze Bäume und nahm Glückwünsche der Arbeiter entgegen. Jähn war in der DDR bekannt wie Erich Honecker und wurde zur Vorzeigefigur des Systems gemacht. Zu weil musste er Dinge verkünden, für die er sich später schämte. Denn eigentlich wollte er immer so bleiben wie er war - auf dem Boden geblieben.
Am "Hain der Kosmonauten" vor der Sternwarte in Ostberlin wurde ihm zu Ehren eine Büste errichtet. Schulen, Freizeitzentren und ein Schiff der DDR-Handelsflotte trugen schon zu seinen Lebzeiten seinen Namen. Ein Jahr nach dem Flug ins Weltall eröffnete man in seinem Geburtsort eine Ausstellung zu seinem Flug, die nach der Wende zur "Deutschen Raumfahrtausstellung" erweitert wurde. Am Ortsschild prangt der Zusatz "Geburtsort des ersten deutschen Kosmonauten" und ein ortsansässiger Lehrer dichtete ihm ein Lied: "Um 78 im August, da blieb kein Mensch zu Haus. Der Sigmund flog mit seinen Freunden ins Weltenall hinaus."

Nach der Wende
Nachdem er seinen Job als NVA-General verlor, ging Sigmund Jähn als Ausbilder nach Moskau um die Deutschen in Zusammenarbeit mit den Russen bei den Euromir-Langzeitmissionen der Europäischen Weltraumagentur ESA zu unterstützen. Auch hier wurden seine Bescheidenheit, seine Geduld und sein pädagogisches Geschick gelobt. Ebenso ist er im russischen Kosmonautenausbildungszentrum als freier Berater aktiv. Heute wohnt Sigmund Jähn in Strausberg bei Berlin.
1999 erhielt er den Medienpreis "Goldene Henne", 2001 wurde der 1998 an der Volkssternwarte Drebach/Erzgebirge entdeckte Asteroid nach Jähn benannt. Erst letztes Jahr feierte er seine Goldene Hochzeit und zudem, wenn auch nur bescheiden, das Jubiläum seines Weltraumfluges: "Wenn man vor dreißig Jahren mal in den Weltraum geflogen ist, muss man nicht jeden Tag einen Höhenflug daraus machen."


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(Text: Katrin Kircheis / Fotos: www.strausberg.de/jaehn/)

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