Gesellschaft / Menschen 11.08.09
Text: Hanna Zehschnetzler
„Bei dem Workshop habe ich gleich gemerkt, wie viel Spaß ich am Theater, und vor allem am Schauspielern habe", erzählt Liza mit strahlenden Augen. Nicht einmal ein Jahr nach dem Workshop spielte sie ihre erste Rolle in dem Stück „Feuerzünder" des „integrativen Jugendclubs Bonn"; danach folgte ein Praktikum bei der Theaterpädagogik und gleich darauf die nächsten Rollen: in einer Bearbeitung von Myron Levoys „Der gelbe Vogel", einem Projekt zur Reichspogromnacht, oder in Igor Bauersimas „Norway Today", dem Pilotprojekt des noch heute sehr erfolgreichen Bonner Jugendclubs „Youngsters". Aufgrund des großen Erfolges des Zwei-Personen-Stückes „Norway Today" wurde die junge Künstlerin für ihre erste Rolle im Bonner Ensemble engagiert: Sie spielte die Rolle der Prinzessin in Hans Christian Andersens „Die kleine Meerjungfrau". Nur wenige Tage nach der Premiere dieses Kinderstücks fand sie sich bei den Proben von Arthur Millers Klassiker „Hexenjagd" wieder. Damals ahnte Liza noch nicht, dass ihr diese zahlreichen Erfahrungen am städtischen Theater Bonn später zum Verhängnis werden sollten.
Ihre erste Bewerbung schickte Liza Tzschirner an die Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch" in Berlin, die als eine der besten Schauspielschulen im deutschsprachigen Raum gilt. Dort wurde sie auch zu ihrem ersten Vorsprechen eingeladen. Sieben weitere Vorsprechen folgten, bis Liza schließlich nach ihrem neunten Vorsprechen in Salzburg einen Studienplatz erhielt. „Das ist gar nicht ungewöhnlich", erläutert Liza, „viele anstrebende Schauspieler haben 20 bis 30 Vorsprechen hinter sich, wenn sie endlich an einer Hochschule angenommen werden. Zwar gibt es auch hier und da ein Glückskind, das bereits beim ersten oder zweiten Vorsprechen genommen wird", fügt sie hinzu, „aber das ist eher die Ausnahme." Vergleichsweise sind neun Vorsprechen fast schon eine gute Rate in der Statistik. Die Bewerbungen bringen allerdings einen großen Zeit-, Kraftaufwand und auch finanziellen Aufwand mit sich.
„Wenn man aufgrund der Bewerbung zum Vorsprechen eingeladen wird - was sicherlich auch keine Selbstverständlichkeit ist - kostet die erste Auswahlrunde meist zwischen 15 und 40 Euro; dazu kommen noch die Fahrt-, Unterkunfts- und die Versorgungskosten für den Zeitraum, den das Vorsprechen in Anspruch nimmt." An dem Wiener „Max-Reinhardt-Seminar" zum Beispiel dauerten die mehreren Vorsprechrunden sogar eine Woche. „Es ist dann schon sehr frustrierend", so Liza, „wenn man trotz des großen Aufwands wieder eine Absage bekommt." Lizas häufigstes Problem war, dass man ihr laut Kritik der Prüfer die Erfahrung, die sie am Stadttheater gesammelt hatte, anmerkte. „Die meisten Schulen wollen unbeschriebene Blätter, damit sie die Studenten von Anfang an formen können", erklärt Liza.
Die junge Schauspielerin beklagt jedoch, dass die Tendenz bei vielen Vorsprechen immer häufiger in Richtung „Germany's Next Topmodel" geht. „Natürlich kann man das nicht verallgemeinern", so Liza, „jedoch wird heutzutage vielen Leuten ein falsches Bild von der Schauspielerei vermittelt. Viele junge Leute interessieren sich traurigerweise ausschließlich für den Film und glauben, es ginge darum, gut auszusehen, um dann schneller berühmt zu werden. Aufgrund des großen Erfolges der Filmbranche suchen auch viele Schauspielschulen nach Gesichtern, die sich gut in Filmen einsetzen lassen", fügt die junge Schauspielerin hinzu. „Das Interesse für das Theater, den Ort, wo das Schauspielern entstanden ist, sinkt dabei enorm." Dabei betont Liza, dass Talent und eine starke Persönlichkeit das Wichtigste für die Schauspielerei sind: „Es ist paradox zu glauben, dass einem ein gutes Aussehen bei der Vielzahl von Fähigkeiten, die man beherrschen muss, weiterhelfen kann. Beim Schauspielern geht es sehr um Körperkontrolle. Im Studium lernt man singen, tanzen, improvisieren, man macht Akrobatik, Stimmerziehung, Synchronisation und vieles mehr. Die Dozenten rühren in der Persönlichkeit der Studierenden - oft werden einem persönliche Defizite vorgehalten und man muss lernen, mit seinen eigenen Schwächen umzugehen. Von einem Baum bis zu der Liebe zu einer Frau muss man in der Lage sein, alles realistisch darzustellen."
Man braucht also viel Engagement, viel Motivation und eine solide Persönlichkeit, um die meist zahlreichen Vorsprechen zu überstehen und um das Studium erfolgreich zu absolvieren. „Der größte Test ist es, überhaupt an einer Hochschule angenommen zu werden", so Liza. Gezweifelt hat die junge Schauspielerin an ihrem Traum aber nie: „Schauspielern ist zwar viel Arbeit, aber das Studium macht so viel Spaß, dass es kaum Arbeit genannt werden kann - und dafür haben sich die vielen Vorsprechen definitiv gelohnt", erzählt die junge Künstlerin fröhlich.
(Text: Hanna Zehschnetzler)
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