Gesellschaft / Menschen 11.08.09
Text: Stefanie Helbig
Bernd und seine Versuche, den Traum fallen zu lassen
Seitdem er im Kinderzirkus angefangen hat, Einrad zu fahren - seit er nur noch damit in die Schule kam und von seinen Lehrern gebeten wurde, auf Schulfesten aufzutreten: Bernd ist geborener Zirkusartist. Das ist zwar weit von dem Wunsch seit Mutter entfernt - wäre Bankkaufmann nichts für dich? - doch da muss sie jetzt durch. Denn Bernd hat sich komplett eingelassen auf das Abenteuer Traumberuf.
Vor einem Jahr gründete er die Feuerartistik-Gruppe Seelenfeuer. Und dieses erste Jahr hatte es in sich. Nach den ersten Straßenauftritten in der Fußgängerzone im Hamburger Stadtteils Altona, steckten bald erste Visitenkarten zwischen den Münzen im Hut - Hochzeiten, Stadtteilfeste, Workshops. Die dazugehörigen Menschen blinzelten ihn mit glänzenden Augen an, nicht alle Tage sehen sie einen wie ihn. Die Haare schwarz gefärbt und zwanzig Zentimeter hochtoupiert lässt er die Fackel über seinen Bauch kreisen, extra lange, bis es jeden einmal geschaudert hat, weil er doch verbrannt sein müsste. Dann wirbelt er mit dem Feuer um seinen Kopf, und die Menge raunt ob seiner toupierten Haare - umso größer der Gag, wenn sie wirklich mal anfangen, zu brennen. Alles schon oft vorgekommen, für Bernd kein Grund zur Panik. Irgendwo auf seinem Körper ist immer eine Verbrennung, das gehört dazu. Alles andere wäre ja auch wie ein Maler ohne Farbflecken auf den Händen oder ein Gitarrist ohne Hornhaut an den Fingern.
Nicht jeder ist so leidenschaftlich dabei wie Bernd, einige Male schon hat die Besetzung der Truppe gewechselt. Die meisten wollten zwar ein wenig Poi spielen und Feuerspucken lernen, aber Bernd hat mehr vor. Es ist das einzige, wofür er bis nachts um fünf arbeiten und Kostüme basteln kann, das einzige, was seinen Kopf mit immer neuen Ideen übersprudelt, so dass er kaum hinterherkommt, sie umzusetzen, wo er Ideen hatte, die noch keiner sonst hatte. Er will auf Show spielen, das heißt spektakuläre Effekte, kurze Sequenzen, Choreografien. "Kommerzig" sei das, sagten dann die weniger ambitionierten Mitspieler, man wolle nur einfach bisschen spielen, sich nachmittags im Park treffen, wenn's passt, aber regelmäßiges Training? Das ewige Problem, das Generationen von Künstlergruppen durchgemacht haben. Bernd zwingt sich: Er ist radikal, wer jetzt nicht mitmacht, hält auf und muss gehen. Er weiß, dass er jetzt nicht aufhören kann. Und behält recht.
Bald lernt er einen ambitionierten Schauspieler kennen, der seine Auftritte mit Einlagen unterstützt und den Harlekin spielt. Es ist Anfang des Frühlings, und auf einmal bekommt Bernd E-Mails von Unbekannten. Man habe hier und dort von ihm gehört. Ein Auftritt auf dem Hamburger Hafengeburtstag ist dabei, und eine Nachricht mit der Frage, ob er nicht auf einem großen Festival auftreten wolle. Dort lädt ihn der Veranstalter dann begeistert gleich zu einem großen Stadtfest ein, an der er gerade feilt.
Der erste Sommer ist geschafft. Leben kann er noch nicht allein von den Auftritten, aber er ist schnurstracks auf dem Weg dorthin. Bis hinein ins nächste Jahr stehen schon Termine fest und zum ersten Mal kam Bernd in eine Bredouille: "Freundschaftlich umsonst auf deiner Party auftreten? Gerne, aber an dem Termin hab ich schon was Großes." Wer weiß, vielleicht wird seine Mutter eines Tages doch ganz froh sein, dass er nicht Bankkaufmann geworden ist.
(Text: Stefanie Helbig / Fotos: Dina Dolgin)
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