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Gesellschaft / Netzwelt 19.11.08

Die Flucht aus dem Alltag

Text: Robert Reiche

Nur noch schnell die Mails abrufen, dann noch kurz die bekannten News-Seiten und Wikipedia durchforsten - vielleicht noch ein oder zwei Stunden neue Menschen in einem Chatraum kennenlernen. Und dann ist es auch schon wieder 19 Uhr, die perfekte Zeit um sich für die nächsten Stunden wieder in die Welten von Second- Life oder World of Warcraft zu begeben. Zwischendurch darf natürlich der stündliche Besuch im studiVZ nicht fehlen, man will ja schließlich über seine Freunde auf dem Laufenden bleiben.
So oder so ähnlich sieht die Realität von Menschen aus, die unter der so genannten „Internetsucht" leiden. Schon aus dem Begriff lässt sich ableiten, dass Betroffene verschiedene Inhalte des World Wide Web in einem so hohen Maß konsumieren, dass dies zu gesundheitsgefährdenden Folgen führen kann. Allein in Deutschland sind von dieser Krankheit knapp zwei Millionen Menschen betroffen, sie verbringen wöchentlich mehr als 35 Stunden aktiv im Internet.

Ursachenforschung
Die Gründe oder Auslöser für ein derartiges Verhalten und eine Abhängigkeit sind vielfältig, jedoch auch leicht erkennbar. Für viele Menschen bietet die virtuelle Realität eine Welt an, die keine Kritik äußert und stets genau das ist was man sich von ihr erwartet. Wenn der Druck im normalen Leben zu groß wird oder man Probleme hat sich in der wirklichen Welt zurecht zu finden, bietet das Internet einem eine leichte Fluchtmöglichkeit. Hierbei sind besonders depressive Menschen gefährdet, die sich durch den Internet-Konsum dann immer weiter von ihrer Außenwelt abschotten und somit im Extremfall ihre realen sozialen Kontakte verlieren. Im Internet lässt sich das wahre Ich leichter ausleben als in der Realität, man kann Grenzen überschreiten und Trieben ungezügelt nachgehen. Letztendlich steigert sich das Wohlbefinden von Süchtigen nur noch dadurch, online zu sein ohne die Möglichkeit, die Zeit kontrollieren zu können.

Die Erscheinungsformen der Onlinesucht sind äußerst vielfältig. Sie reichen vom bloßen Gefühl der Beruhigung, ständig über E-Mail, Skype oder ICQ erreichbar zu sein bis hin zum exzessiven, unkontrollierten Spielen so genannter MMORPGs. Das sind Internetspiele wie World of Warcraft, bei denen sich mittlerweile Millionen von Spielern zusammen schließen und gemeinsam über die virtuelle Welt verbunden sind. Hierbei sind besonders jüngere Menschen betroffen, die gemeinsam mit realen oder virtuellen Freunden in einer dieser Fantasy-Welten Abenteuer erleben wollen. Hierbei ist besonders auffällig, dass diese Spieler gegenüber ihren Freunden oftmals mit der eigenen Leistung im Spiel prahlen und durch Erfolge in der virtuellen Realität auch Erfolg im wahren Leben genießen wollen. Bei Erwachsenen hingegen sind Chaträume beliebter, da sie hier ohne größeren Aufwand mit anderen Menschen leicht und unbeschwert kommunizieren können.

Konsequenzen für die Realität
Nach außen hin stellen sich Internetsüchtige selbst oft als ganz normal dar. Sie bagatellisieren ihre Abhängigkeit durch die Projektion der eigenen Sucht auf andere, empfinden Ihr Handeln also selbst nicht als Abhängigkeit. Dabei ändern Sie ihren gesamten Lebenszyklus und vernachlässigen viele wichtige Gewohnheiten oder Tätigkeiten, um die eigene Onlinezeit zu verlängern. Eine persönliche Ausgrenzung aus bestehenden Beziehungen ist hierbei eine ganz natürliche Folge - der reale Umgang mit Menschen wird nach und nach verlernt. Weitere Auswirkungen können bis hin zum schulischen oder beruflichen Versagen führen.

Wie bei jeder anderen Sucht treten auch hier Mangelerscheinungen auf, wenn beispielsweise einmal der PC defekt oder der Internetanschluss gekappt ist. Auch Urlaubsreisen ohne die Möglichkeit, ständig online gehen zu können sind für stark Abhängige fast nicht mehr möglich. Neben schlechter Laune, Schweißausbrüchen und Wutanfällen kann es hier auch zu Schlafstörungen und zur Erkenntnis kommen, dass ein Leben ohne Computer sinnlos ist, wodurch sich der Suchteffekt noch weiter verstärkt.

Die Behandlung von Internetsucht hängt enorm von der Bereitschaft des Betroffenen ab. Die Einsicht der Sucht wird von vielen zwar wahrgenommen, nach kurzer Zeit aber wieder verdrängt. Ein erster Ansatz kann dahingehend durchgeführt werden, die eigene Onlinezeit durch Aufschreiben zu kontrollieren und langsam zu reduzieren. Neben dieser zeitlichen Einschränkung besteht auch die Möglichkeit, das wahrgenommene Angebot etwa durch Filter so zu begrenzen, dass nur noch die wichtigsten Seiten aufgerufen werden können und man sich so wieder einem gesunden Konsumbereich annähert. Allen Therapieformen ist gemein, dass durch sie der verantwortungsbewusste Umgang mit den Neuen Medien gelernt und zugleich das Interesse für andere Aktivitäten beim Betroffenen geweckt werden soll.

(Autor: Robert Reiche)

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