Kultur / Film & Fernsehen 29.12.09
Text: Melanie Nees

Geldnöte im beliebten Fernsehen - wo liegt da eigentlich das Problem? Bei der ProSiebenSat1 Media AG, der die Sender Pro Sieben, Sat 1, Kabel 1 und N24 angehören, ist es ganz klar die Werbebranche. Thomas Ebeling, seit Mai neuer Chef der AG, hat laut dem Manager Magazin schon bei seinem Amtsantritt eine Verkleinerung des Fernsehwerbemarktes um zehn Prozent für das restliche Jahr angekündigt. Um die Quoten zumindest teilweise in die Höhe zu treiben, hat man den Fokus auf die Sendezeit zwischen 20 und 23 Uhr gelegt und dafür in solche „Fernsehprominenz" wie Franz Beckenbauer, Johannes B. Kerner und Oliver Pocher investiert. Wie das restliche Programm ausfällt, kann man sich denken. Bei Sat1 laufen vormittags abgesehen von „Sat1 Frühstücksfernsehen" ausschließlich Wiederholungen vom Vortag, hauptsächlich von den altbewährten, aber oft lächerlich gestellten Gerichtsshows. Die Programmvielfalt lässt hier deutlich zu wünschen übrig.
Bei ProSieben ist sogar bis 15 Uhr das Kürzel (Wh.) hinter den Sendungen zu finden - mit der Ausnahme einer unbekannten Sitcom, die früh morgens läuft und irgendeines unbekannten, unaktuellen Films, der seit neustem anstatt des Boulevardmagazins „SAM" läuft. Als „SAM" noch gesendet wurde, liefen nicht selten Reportagen, die bereits ein halbes Jahr vorher in einem ähnlichen Format gezeigt wurden. So viel zum Thema aktuell. In der Welt der Marktanteile folgt auf ProSieben am frühen Abend der Lichtblick des täglichen Fernsehprogramms: die Simpsons und Galileo. Das Niveau könnte hier kaum unterschiedlicher sein. Doch Insider behaupten, dass Galileo gar von der Beliebtheit der Simpsons profitiert, da es direkt im Anschluss läuft.
Von hohen Marktanteilen konnten Viva und MTV 2009 nur träumen. Mit den beiden so genannten Musiksendern ging es in den vergangenen zwölf Monaten steil bergab. Anfang des Jahres konnte man sich „nur" über alte Folgen von eigenen Shows beschweren. Jetzt haben es die beiden Sender mit der häufigen Ausstrahlung von Zeichentrickserien wie „Spongebob Schwammkopf" auf Viva und „Family Guy" auf beiden Sender, vor allem im Abendprogramm, auf die Spitze getrieben. Um es mit den Worten von Madonna zu sagen: 2009 war „the year the musictelevision died". Okay, die Musik ist glücklicherweise noch nicht vollständig aus dem Programm gestrichen worden, aber unter einem Musiksender ist wirklich etwas Anderes zu verstehen.
Die Finanzkrise war jedoch nicht das Einzige, was die Fernsehbranche in diesem Jahr bestimmte. Abgesehen davon lautete das Motto meist: Entertainment statt Niveau. Im „Superwahljahr" konnten sich politische Sendungen selbst im Zuge der Europa- und Bundestagswahl quotenmäßig nicht durchsetzen. Trotz oder vielleicht gerade wegen der vermeintlich modern getrimmten Sendungsformate. Stattdessen heißt der Quotenerfolg des Jahres: „Bauer sucht Frau". Millionen Zuschauer hatten ihren Spaß daran, jeden Montag in der „Reality"-Show Bauern bei merkwürdigen Flirtversuchen zuzusehen. Weniger witzig sind jedoch die Meldungen der vergangenen Tage: Mindestens drei Bauern sollen RTL und das Publikum getäuscht und belogen haben. Sie sind entweder gar keine Bauern, schon lange pleite oder haben sich in Bauernhöfe nur während der Aufzeichnung eingemietet.
Nicht nur im Abendprogramm haben sich „Real-Life-Dokus" bewährt. Auch nachmittags setzen vor allem RTL und ProSieben mit Formaten wie „Mitten im Leben" (RTL) und „We are Family" (ProSieben) auf Doku-Soaps über den „Alltag" von angeblich ganz normalen Menschen in Deutschland. Wie viel davon allerdings wirklich „real" ist, steht wohl in den weiten, flauschigen Wolken des Fernsehhimmels.
Neben solch neuen Phänomenen wurde aber auch viel auf altbewährtes zurückgegriffen. Dieter Bohlen konnte bei der siebten Staffel von „Deutschland sucht den Superstar" und der dritten Staffel von „Das Supertalent" wieder reichlich auswendiggelernte Sparwitze loswerden und „Some and Any" haben bei „Popstars" den wohl bescheuertsten Bandnamen seit „Room2012" eingefahren. Eine vierte Staffel von „Germany‘s Next Topmodel" hat Deutschland natürlich auch noch gebraucht. Was ebenfalls seit langem unverzichtbar im deutschen Fernsehen ist, sind die Daily Soaps und Telenovelas. Die Daily Soap „GZSZ" ist auch im 17. Sendejahr auf RTL noch erfolgreich und mit „Anna und die Liebe" hat sich 2009 eine weitere Telenovela relativ souverän in SAT1 etabliert.
Dennoch bleibt schließlich die Hoffnung, dass 2010 wieder mehr Niveau im deutschen Fernsehen Einzug hält. Was uns zurück zur Ursprungsproblematik des Jahres führt: Die Finanz- und Wirtschaftskrise. Geht es mit der Wirtschaft aufwärts, investiert hoffentlich auch die Werbebranche wieder mehr Geld ins Fernsehen und kann damit für eine höhere qualitative Vielfalt sorgen.
(Text: Melanie Nees / Zeichnung: Christina Koormann)
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