back view Schrift

Kultur / Literatur 24.02.10

Neue Verlage mit kreativen Ideen

Text: Regina G. Gruse

tt_back_viewJunge Literatur ist auf dem Vormarsch
Literatur abseits des Massengeschmackes war bisher schwer zu finden. Doch nun tauchen in ganz Deutschland immer mehr junge und „rebellische" Verlage auf, die versuchen neuen Wind in die festgefahrene Literaturszene zu wehen. back view hat sich einige davon etwas genauer angesehen und ist dabei unter anderem auf Literatur im Süßigkeitenautomaten gestoßen.


Es gibt wahrscheinlich kein anderes Feld, das so von alteingesessenen riesigen Konzernen beherrscht ist, wie der Buchmarkt. In der heutigen Zeit, in der es wichtiger ist, bei Facebook stündlich online zu sein, als ein gutes Buch zu genießen, sind die großen deutschen Verlage immer mehr von den Verkaufszahlen abhängig. Es wird kaum noch ein Risiko eingegangen. Warum auch einem unbekannten, jungen Autor eine Chance geben, wenn das Einkaufen erfolgreicher Bücher aus dem Ausland so viel einfacher ist?

Ideen lockern Verlagswesen auf
Jedem, der schon einmal aufmerksam einen Blick in eine durchschnittliche Buchhandlung geworfen hat, ist sicher die Vielzahl der ausländischen, meist amerikanischen, Autoren aufgefallen. Für den durchschnittlichen Leser hat das durchaus Vorteile. Die Entscheidung, ob ihm das Buch gefällt oder nicht, ist bereits vor dem Kauf gefallen. Solange der Geschmack des Lesers nicht von dem der Masse abweicht, wird ihm dieser oder jener Bestseller sicher gefallen. Problematisch ist diese Entwicklung in erster Linie für die deutschen Autoren, die nur selten einen Verlag finden, der bereit ist ein unbekanntes Manuskript zu veröffentlichen. Aus diesem Grund weht nun ein neuer Wind durch die verstaubte Verlagswelt. Überall in Deutschland gründen und etablieren sich junge Verlage mit neuen Ideen. Diese sind für vieles offen und bieten den verzweifelten deutschen Autoren viele Möglichkeiten sich zu verwirklichen.

Kurzgeschichten to go
Einer dieser Pionierverlage ist der Hosentaschenverlag aus Hannover. Vierteljährlich erscheinen dort sechsfach gefaltete DinA3-Blätter, auf denen Kurzgeschichten zu lesen sind. Ähnlich wie ein Café to go sind sie einfach mitzunehmen (in der Hosentasche) und leicht bekömmlich. Die Idee für die kleinen Faltblätter kam Dorothee Hodemacher, der Gründerin des Hosentaschenverlags, nachdem sie selbst einige Kurzgeschichten geschrieben hatte. Diese legte sie im Erdgeschoss ihres Wohnhauses zum Mitnehmen aus. Das schien gut anzukommen, denn ihre Kurzgeschichten wurden gelesen und die Nachfrage nach neuen Geschichten wuchs stetig. Im Interview ("Ich wollte machen, nicht nur reden") mit back view erzählte sie, dass ihr solche Ideen meist lange Zeit durch den Kopf schweben und „und wenn die Zeit gekommen ist, fallen sie uns vor die Füße". Heute bietet sie jedem jungen Kurzgeschichten-Autor die Möglichkeit, seine Geschichte kostenlos über das Internet einzureichen. Ob die Geschichte würdig für eine Veröffentlichung ist, entscheidet Hodemacher natürlich selbst. Immerhin verspricht sie, jedes eingesandte Manuskript zu lesen und im Falle einer Veröffentlichung geht der Autor natürlich auch nicht leer aus.

Literatur ist sexy
Auch der Verlag Zeter&Mordio entstand neben den großen Massenverlagen. Die Verlegerin, Grafikerin und Autorin Maya Birken entwickelte ursprünglich als Diplomthema im Jahr 2000 die Idee einen „Verlag für Nebenwelten" zu gründen. Inzwischen heißt ihr Verlag „Literatur ist sexy" und öffnet damit jungen Autoren mit ungewöhnlichen Denkansätzen die Tür. Sie ermöglicht Literatur jenseits kommerzieller Zwangsmuster. Neben der Verlagsarbeit bietet sie auch Literaturveranstaltungen an. Ihr Ziel ist es, Literatur unter das Volk zu bringen und sie lebendig zu halten. Dafür nutzt sie häufig die Verbindung von Literatur und Musik, um es besonders dem jungen Publikum näher zu bringen. Der Einsatz von Filmen, Bildern und Theater soll diesen Effekt ebenfalls verstärken. Dank der Mithilfe einiger DJs wird die ein oder andere Literaturveranstaltung sogar zu einer Party.

Literatur aus dem Süßigkeitenautomaten
Bei SuKuLTuR wird schon seit 1992 abseits des Marktes gehandelt. Zuerst wurden Punkfanzines, also von Mitgliedern der Szene selbst gestaltete Magazine, in Berlin mit vierstelliger Auflage herausgebracht. Diese wurden „trotz Kosten kostenlos" verteilt. Untergründige Autoren konnten sich hier in Gedichten, Geschichten und Comics ausleben. Auch heute blickt der Verlag noch auf den alternativen Literaturraum. Eine von vielen Ideen entstand auch 2003 mit dem Vertrieb von kleinen Literaturheften in  Süßigkeiten-Automaten. Die kleinformatigen Lesehefte der Reihe „Schöner Lesen" sind zum Preis von einem Euro neben Weingummi und Schokolade erhältlich. Fünf verschiedene Hefte gibt es in jedem Automaten. Ursprünglich gab es das Angebot nur in Berlin, ein Jahr später auch an den Hauptbahnhöfen in Dortmund, Duisburg, Düsseldorf, Hamburg, Köln und Osnabrück. 2006 konnte der erste reine Leseheftautomat auf der Insel Sylt eingeweiht werden. Die Netzheimat von SuKuLTuR ist übrigens das Online-Feuilleton satt.org. Auch hier sind Künstler frei von der Massenkultur aufgefordert, Beiträge zu den Themen Comic, Film, Musik, Kunst, Gesellschaft und Freizeit zu veröffentlichen.

Unsere moderne Zeit braucht moderne Verlage, damit die Literatur auch für die Jugend interessant bleibt. Die neue Verlagsszene mit den kreativen Ideen gewinnt immer mehr Leser und wird früher oder später gewiss eine Konkurrenz für die großen Verlagskonzerne - vor allem zu Gunsten der Literatur selbst.


(Text: Regina G. Gruse)

Kommentare

avatar Preston TicTac
0
 
 
Exzellenter Text. Gerade der Skandal um Hegemann und Axolotl, abgeschrieben von Strobo von Airen, hat doch wieder gezeigt, wie die kleinen unabhängigen Verlage (in dem Fall SuKuLTuR) oft die Perlen fördern, die dann den Großen die großen Erfolge bringen...
B
i
u
Quote
Code
List
List item
URL
Name *
E-Mail (für Bestätigungen & Antworten)
URL
Code   
ChronoComments by Joomla Professional Solutions
Kommentar abschicken
Abbrechen
avatar Man
0
 
 
Es gibt keine rebellischen verlag. Da steckt immer etwas anderes dahinter. Beziehungen, Prominenten-Fac ktor, Geld oder sonstige Einflußnahme.
B
i
u
Quote
Code
List
List item
URL
Name *
E-Mail (für Bestätigungen & Antworten)
URL
Code   
ChronoComments by Joomla Professional Solutions
Kommentar abschicken
Abbrechen
B
i
u
Quote
Code
List
List item
URL
Name *
E-Mail (für Bestätigungen & Antworten)
URL
Code   
ChronoComments by Joomla Professional Solutions
Kommentar abschicken
bleibt in kontakt mit back view

google-logo-plus-0fbe8f0119f4a902429a5991af5db563
meinvztwitter_

Titelthema Archiv

16. Mai 2012
noch offen
02. Mai 2012
18. April 2012
04. April 2012
21. März 2012
07. März 2012
22. Februar 2012
08. Februar 2012
25. Januar 2012
11. Januar2012
28. Dezember 2011
14. Dezember 2011
Das Jahr 2011
30. November 2011
16. November 2011
02. November 2011
Tag des Mannes
19. Oktober 2011
05. Oktober 2011
21. September 2011
07. September 2011
24. August 2011
10. August 2011
27. Juli 2011
13. Juli 2011
29. Juni 2011
15. Juni 2011
01. Juni 2011
18. Mai 2011

04. Mai 2011
Olympia 2018 in München

20. April 2011
Soziales Netzwerken

06. April 2011
Studierende und ihre Probleme

23. März 2011
Deutschland im Wahlfieber

09. März 2011
Müll dieser Welt

23. Februar 2011
Wir lieben, was ihr hasst!

09. Februar 2011
Arabische Welt in Aufruhr

26. Januar 2011
Hungersnot

12. Januar 2011
Die reformierte Bundeswehr

29. Dezember 2010
Jahresrückblick

15. Dezember 2010
Weihnachtsspecial

01. Dezember 2010
Sinn des Lebens

17. November 2010
Castortransporte

03. November 2010
Generation Praktikum

20. Oktober 2010
Stigmata der Jugend

06. Oktober 2010
Aufbruch ins Studium

22. September 2010
9 / 11

08. September 2010
200 Jahre Oktoberfest

25. August 2010
Armut

11. August 2010
Geschlechterrollen

28. Juli 2010
Dinge

14. Juli 2010
Rauchen

30. Juni 2010
Freizeitpark-Test

16. Juni 2010
Bundespräsidentenwahl

02. Juni 2010
Fußball-WM in Südafrika

19. Mai 2010
Raum & Identität

05. Mai 2010
Russland

21. April 2010
Organisierte Kriminalität

07. April 2010
Wandel des Klimas

24. März 2010
Krise unterm Kreuz?

10. März 2010
Liebe 2.0

24. Februar 2010
Junge Verlage

10. Februar 2010
Olympia in Vancouver

27. Januar 2010
Kinder dieser Welt

13. Januar 2010
Geheimbünde

30. Dezember 2009
Jahresrückblick

06. November 2009
Weihnachtsspecial

02. Dezember 2009
Über das Altwerden

08. November 2009
Krieg

04. November 2009
20 Jahre Mauerfall

21. Oktober 2009
Atomenergie

07. Oktober 2009
Mythos oder Wahrheit?

23. September 2009
Bundestagswahl 2009

09. September 2009
Fälschungen

26. August 2009
Soziales Deutschland?

12. August 2009
Stars von morgen

29. Juli 2009
Sieht so unsere Zukunft aus?

15. Juli 2009
40 Jahre Mondlandung

01. Juli 2009
Endstation Bildung

17. Juni 2009
Sexualität

03. Juni 2009
Europawahl

20. Mai 2009
60 Jahre Bundesrepublik

06. Mai 2009
Kindersoldaten

22. April 2009
Umweltverschmutzung

08. April 2009
Nichtregierungsorganisationen

25. März 2009
Ureinwohner dieser Welt

11. März 2009
Die Weltwunder

18. Februar 2009
Fastnacht

04. Februar 2009
Die Deutsche Bundeswehr

21. Januar 2009
Das Afrika der Gegenwart

31. Dezember 2008
Der große Jahresrückblick

17. Dezember 2008
Weihnachten in ...

03. Dezember 2008
AIDS

19. November 2008
Psychische Volkskrankheiten

05. November 2008
Präsidentschaftswahl USA

22. Oktober 2008
Politischer Extremismus

08. Oktober 2008
Jugend am Abgrund

24. September 2008
Social Networking

10. September 2008
Krisenregionen

27. August 2008
Organspende

13. August 2008
Erneuerbare Energien

30. Juli 2008
Olympia in Peking

16. Juli 2008
Die Pressefreiheit

02. Juli 2008
Der Tod

18. Juni 2008
Bachelor vs. Diplom

04. Juni 2008
Fußball-EM

21. Mai 2008
Homosexualität

07. Mai 2008
Folgen des NS-Regimes

23. April 2008
WWW wird 15

09. April 2008
Tibet

26. März 2008
Obdachlosigkeit

12. März 2008
US-Vorwahlen

27. Februar 2008
Unser Gehirn

13. Februar 2008
Die Sekte

15. Januar 2008
68er... und dann?

© 2007-2012 back view