Kultur / Literatur 16.06.09
Text: Marius Baumann
Von der "Pornoseuche", "Sexorgien am Wochenende" und der "Gefahr der sexuellen Enthemmung"
Die Autoren wünschen sich in der Einleitung viele Leser, diese sollten "aber nicht mit dem Blick des entsetzten Zeitungslesers" rezipieren, der "wieder einen Beweis mehr findet, dass die Welt früher besser war, sondern mit dem mit-leidenden und hilfsbereiten Herzen der Arche-MitarbeiterInnen...". Aha. In Relation zu diesem ehrenwerten Ziel haben die Autoren allerdings eher ungünstige stilistische Mittel gewählt. Auf der Basis von pseudowissenschaftlichen Allerwelts-Feststellungen ("Das einstige Tabu, mit dem das Thema Sexualität behaftet war, ist längst dem Tabu gewichen, über die Folgen der sexuellen Freizügigkeit zu sprechen") werden die altbekannten Klischees aufgewärmt und unter reißerischen Überschriften ("Die Peepshow zu Hause") gruppiert. Als sexualwissenschaftliche Quellen werden im Übrigen unter anderem die Bibel und diverse Headlines des Stern und der Berliner Morgenpost zitiert.
Schockierende Einzelfälle sollen belegen, dass familiärer Pornokonsum heute die Regel sei
Bereits in den ersten Semestern wird jedem Sozialwissenschaftler vermittelt, dass es als methodisches No-Go gilt, von imposanten Einzelfällen und hochselektiven Stichproben auf die Gesamtpopulation zu schließen. Die Auswahl einer kleinen Zufallsstichprobe wird daher in ernstzunehmenden Untersuchungenstets vielen, dafür aber systematisch verzerrten Einzelfällen vorgezogen. Für das Buch wurden demgegenüber ausschließlich Jugendliche befragt, die in der "Arche", einem christlichen Kinder- und Jugendzentrum für Straßenkinder, Hilfe suchten. Dass diese nicht ohne Grund ihr Elternhaus meiden und oft Erschütterndes zu berichten haben (etwa gemeinsamer Pornokonsum mit den Eltern, gemeinsame sexuelle Erlebnisse von Mutter und Tochter mit zwei Jugendlichen, erster Geschlechtsverkehr mit 9 Jahren) verwundert natürlich nicht. Außer Frage steht damit aber gleichzeitig, dass die sexuellen Erfahrungen dieser speziellen Gruppe als keinesfalls repräsentativ für alle Jugendlichen in Deutschland gelten können. Dies wird von den Autoren jedoch mehrfach (unter anderem schon über den Titel) und meist in geradezu pastoralen Phrasen ("Was die Jugendlichen kennen, ist Sex. Von Liebe wissen sie nichts") nahegelegt.
Die Realität als Außenstehende
"Ist es wirklich normal, dass schon kleine Kinder Pornos gucken und jedes Detail aus dem Sexualleben ihrer Mütter mitbekommen?" fragen die Autoren rhetorisch. Nein, glücklicherweise ist das nicht normal - wie beispielsweise die bereits seit über fünfundzwanzig Jahren durchgeführten, seriösen Studien der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung belegen (über deren Ergebnisse sich nebenbei bemerkt jeder im Internet informieren kann). In diesen selbstverständlich nach Altersstufen und Geschlecht unterscheidenden Studien spiegelt sich weder eine „Sexuelle Verwahrlosung der Jugend" noch eine deutschlandweite "Sexuelle Tragödie". So wurde beispielsweise festgestellt, dass (entgegen der öffentlichen Meinung) das Alter für den ersten Geschlechtsverkehr sich nicht nach unten verlagert hat. Im Gegenteil: War bis 1980 ein abnehmender Trend der sexuellen Unerfahrenheit bei den 14 - 17-Jährigen festzustellen, so scheint sich dieser in der letzten Untersuchung (2006) 14 - 15-Jährigen sogar umzukehren. Der Anteil von 14jährigen Mädchen ohne sexuelle Erfahrungen lag beispielsweise sechs Prozentpunkte höher als 2001, bei den Jungen zehn Prozentpunkte höher. Die gegenteilige Behauptung der Autoren: "Mädchen und Jungen in Deutschland haben immer früher Sex" (im übrigen unter kesser Berufung auf nämliche Studie!) zeigt nur, dass die empirische Realität in diesem Buch eine Außenstehende ist.
Missratenes Selbsternennungs-Expertentum - zum Schaden der "Arche" und sexuell traumatisierter Kinder und Jugendlicher
Mit dem selbsternannten Expertentum schaden die sich zu Sexualwissenschaftlern stilisierenden Autoren letztendlich nicht nur der sich als christlich verstehenden und gemeinhin als engagiert bekannten Arbeit der "Arche", sondern vor allem auch den bedauernswerten kindlichen Opfern intrafamilärer und anderer sexueller Übergriffe. Wünschenswert wäre es gewesen, dass die erschütternden Erfahrungsberichte nicht zur allzu oft zur Selbstbeweihräucherung ("Wir möchten den Kindern ein verlässlicher Ansprechpartner sein") oder zur pauschalen Verallgemeinerung ("Die Kluft zwischen körperlicher und geistig-psychischer Sexualreife wird immer größer") schlicht benutzt, sondern mehr auf Konzepte für diese spezielle Gruppe benachteiligter Kinder und Jugendlicher eingegangen worden wären.
(Text: Marius Baumann)
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