Gesellschaft / Zeitgeschichte 03.11.09
Text: Martin Kießling

50 Bewohner - getrennt durch eine Staatsgrenze
Die Bilder gingen um die Welt: Die Mauer fällt, jubelnde Massen vor dem Brandenburger Tor und wildfremde Menschen, die sich in den Armen liegen. Große Bilder aus einer großen Stadt. Doch vor allem im Kleinen wurde die Wende und das Ende der deutschen Teilung vollzogen. „Little Berlin", so nannte man einen kleinen Ort auf der Grenze zwischen Bayern und Thüringen: Mödlareuth.
Ein Dorf wird entzweit...
Die Existenz einer Grenze innerhalb der kleinen Ortschaft war für Mödlareuth schon nichts Neues mehr, als noch lange niemand an einen „eisernen Vorhang" dachte. Bereits 1810 wurden entlang des Tannbaches, der bis heute mitten durch das Dorf fließt, Grenzsteine gesetzt. Hier war der neue Grenzverlauf zwischen dem Königreich Bayern auf westlicher und dem Fürstentum Reuß auf der östlichen Seite. Über hundert Jahre später, mit dem Ende des Ersten Weltkriegs, änderten sich lediglich die Seitennamen: Freistaat Bayern hier, Thüringen dort. Dennoch: Die Mödlareuther lebten gemeinsam, gingen gemeinsam zur Schule, in die Kirche und zogen gemeinsam in den Zweiten Weltkrieg. Dieser wurde „verloren" und Deutschland durch die alliierten Siegermächte in vier Besatzungszonen aufgeteilt. Stunde Null, auch für Mödlareuth. Der Tannbach sollte schrittweise eine ganz neue Bedeutung bekommen. Hatte sich der Grenzverlauf vor dem Krieg nur wenig auf das Alltagsleben der Einwohner ausgewirkt, da er lediglich eine Verwaltungsgrenze war, so wurde er jetzt schrittweise zu einer Teilungslinie zwischen zwei unterschiedlichen politischen, militärischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Systemen. Mit der Gründung der beiden deutschen Staaten 1949 wurde auch Mödlareuth unverkennbar geteilt. In Ost und West.
...am Ende eine Mauer aus Beton
Nach dem Zweiten Weltkrieg und der Aufteilung Deutschlands war es in Mödlareuth noch einige Jahre kein Problem, vom einen in den anderen Ortsteil zu gelangen. Es reichte ein Passierschein bzw. der „Kleine Grenzschein". Doch das änderte sich schlagartig, als der DDR-Ministerrat die „Verordnung über Maßnahmen an der Demarkationslinie zwischen der DDR und den westlichen Besatzungszonen Deutschlands" beschloss. Maßnahmen, ein schwammiges Wort mit hartem Kern, besonders für die Mödlareuther. Schrittweise wurde von der Ostseite in den Folgejahren eine „Grenzsicherung" betrieben, die irgendwann zu einer klaren Abgrenzung werden sollte. Bereits 1952 wurde ein Kontrollstreifen eingerichtet, der bei unerlaubtem Betreten Lebensgefahr bedeutete. Grenzsoldaten durften schießen. Dahinter: Schutzstreifen und Sperrzone. Wer zu nahe an der Grenze wohnte, bekam Schwierigkeiten. Allein in Mödlareuth traf die Zwangsaussiedelung und der gezielte Abriss von Häusern vier Familien. Die totale Abgrenzung beider Dorfteile begann mit der Errichtung eines hohen, sichtversperrenden Bretterzauns. Es folgten weitere „Maßnahmen" mit Stacheldraht, Holzpfählen und Betonpfeilern. 1966 stand sie schließlich. 3,30 Meter hoch, weiß gestrichen, nachts in gespenstisches Flutlicht getaucht: Eine Betonsperrmauer mitten durch den kleinen Ort Mödlareuth, der Name „Little Berlin" war geboren.
Das Leben in Mödlareuth
Es ist, wie so oft, schwer vorstellbar. Vor allem natürlich für all jene, die nicht in Mödlareuth als Grenzer stationiert waren oder als Einwohner Tür an Tür mit einer über drei Meter hohen Mauer lebten. Es kam ein Zeitpunkt, als Eltern ihren Kindern klarmachen mussten, dass es nicht immer unmöglich gewesen war, einfach den Tannbach zu überqueren und auf „die andere Seite" zu gelangen. Wer nach 1952 geboren wurde, kannte es nicht anders. Der war zur Welt gekommen, als sich in einem kleinen Dorf der schwere „eiserne Vorhang" senkte. Der musste von Geburt an miterleben, wie es immer schwerer und unmöglicher wurde, die andere Seite des Heimatortes zu erreichen oder nur zu sehen. Im schlimmsten Fall gab es 23-jährige Mödlareuther, die schlicht und ergreifend an die Mauer gewöhnt waren, weil es für sie nie anders gewesen war.
Nicht jeder Tag kann in einem solchen Leben von der direkten Anwesenheit der innerdeutschen Trennungslinie überschattet werden. Nicht im Westen, nicht im Osten. Alltag regiert, die Mauer wird - vielleicht aus Selbstschutz, vielleicht aus Hoffnungslosigkeit - meist ignoriert. Allerdings, wer neben gerade dieser Mauer lebt und sie tagtäglich sehen muss, den muss sie bewegen. Innerlich und seelisch. In Mödlareuth gab es Menschen, die vor der Teilung und Trennung Freunde geworden sind oder Familien, die verwandt miteinander waren. Von Ost nach West. Von West nach Ost. Es kam vor, dass Kinder von einer Anhöhe aus die Beerdigung der eigenen Eltern nur von Weitem verfolgen konnten, weil sie im gegenüberliegenden Ortsteil stattfand. Es patrouillierten Grenzsoldaten auf beiden Seiten, die sich meist wort- und gestenlos ansahen, die sich völlig fremd, aber nicht zwingend feind waren. Während sich auf der Westseite oft Besucher, Ausflügler und Schulklassen stauten, um die Situation mit eigenen Augen zu sehen und einen Blick nach „drüben" zu erhaschen, war es den Bewohnern des Ostteils von Mödlareuth nicht erlaubt, gen Westen zu winken oder zu grüßen.
Begegnungen an der Grenze
Wer im Internet nach Informationen zu Mödlareuth sucht, stößt nach genauerem Hinsehen auf online veröffentlichte E-Mail-Kontakte zwischen ehemaligen Grenzposten beider Seiten. „Das Internet und die Wiedervereinigung machen es glücklicherweise möglich, dass wir uns, die damals unterschiedliche Uniformen trugen, heute kennen lernen und schreiben können", schreibt ein früherer Bundesgrenzschützer. In der Tat. Man liest weiter, entdeckt kleine und bewegende Geschichten. Man beginnt zu verstehen, dass heutige und damalige Verallgemeinerungen keinen Sinn machen. So war das in der Nationalen Volksarmee, dies dachten die bayerischen Grenzschützer über die „da drüben", jenes war immer so oder so.
Eben nicht. Ein Ost-Grenzsoldat erinnert sich: „In Mödlareuth selbst liefen wir direkt am Stacheldrahtzaun entlang. Oft standen dort Schulklassen, die ganz irritiert waren, wenn wir sie freundlich ansahen und ihnen zunickten." Diese Szenen haben stattgefunden. Und es ist gut und wichtig von Menschen, die dort waren, die dort ihren Dienst taten, die dort lebten, zu erfahren, wie es wirklich war. Ein Ost-Grenzbewacher von damals schreibt: „Ist es nicht sonderbar? Ich habe das Gefühl, ein Kreis schließt sich. Vor über 40 Jahren haben wir uns vielleicht in Mödlareuth gesehen ohne uns kennen zu lernen und nun treffen wir uns eventuell doch nach so langer Zeit. Ich würde mich sehr über ein Treffen vor Ort freuen." Als die Mauer Anfang der Neunziger Jahre gefallen war, als Familien und Freunde eines Dorfes nach jahrzehntelanger Trennung wieder vereint waren, beschloss man die Errichtung eines Museums.
Mödlareuth sollte eine Gedenkstätte werden, ein Ort der Verständigung, der Aufklärung und Dokumentation. Geschichte wird hier in ihrer Gesamtheit dargestellt, man erfährt Hintergründe über politische, gesellschaftliche und alltagsgeschichtliche Aspekte der Ortschaft während der Teilung. Die Mauer, der Wachturm, der Stacheldreht, all das steht noch in Mödlareuth. Heute als Erinnerung an die Zeit der deutschen Teilung, als Mahnmal für die Zukunft.
(Text: Martin Kießling / Fotos: www.moedlareuth.de)
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