Gesellschaft / Menschen 16.06.09
Text: Sebastian Helwig
Zum Verhältnis von Christentum und Sexualität
Vorchristliche Wurzeln: Judentum und Hellenismus
Die Moral des Christentums speist sich im Wesentlichen aus zwei Quellen: Aus dem Judentum des alten Israels und aus dem Hellenismus, also der Philosophie des antiken Griechenlands. Im alten Israel herrschte - wie im alten Testament zu lesen ist - im Wesentlichen ein positives Verhältnis zur Sexualität. Dazu muss man nur einmal die „erotischen" Texte des Hoheliedes lesen. Es gab lediglich eine klare Orientierung der Sexualität auf die Schaffung von Nachkommen - das hebräische Wort für „Same" heißt zugleich „Nachkommen". Daher wurde Homosexualität abgelehnt und musste der berüchtigte Onan sterben, als er nicht mit der Witwe seines Bruders schlafen wollte. Und auch die Tempelprostituierten der Nachbarvölker gingen den monotheistischen Juden zu weit.
Im Hellenismus war das Verhältnis zur Sexualität ebenfalls positiv: Hier wurde Sexualität offen zur Schau getragen und war auch Teil des religiösen Kultes. Eros, der Gott der Liebe wurde im sexuellen Akt selbst verehrt. Der „Hedonismus" war die herrschende Lebensphilosophie: Die Auslebung der eigenen Lust in diesem Leben stand im Vordergrund. Zwar ist das gängige Bild, wonach beispielsweise im Garten der Epikureer ständige Orgien stattgefunden hätten, durch die spätere christliche Polemik geprägt und so nicht zu halten. Fest steht aber, dass es recht munter zuging. Auch Homosexualität und wechselnde Beziehungen vor und neben der Ehe waren in Ordnung.
Frühes Christentum: Von Jesus bis Paulus
Wie konnte das Christentum von diesen Wurzeln aus dann ein solch anderes Bild von Sexualität entwickeln? Der Grund hierfür ist, dass es in beiden Strömungen auch die Gegenbewegung gab: Die asketische Sekte der Essener im Judentum und die nüchterne Philosophie der Stoa im Hellenismus. Sexualität galt bei diesen als Ablenkung vom eigentlichen höchsten Gut bzw. als Unreinheit gegenüber Gott.
Bei Jesus selbst finden sich kaum Hinweise auf eine Sexualmoral. Jesus hatte laut Überlieferung selbst keine Beziehung. Es findet sich lediglich die Anekdote über die Ehebrecherin, die er zugleich vor der Steinigung bewahrt und auffordert, nicht weiter zu sündigen. Auch Prostituierte gehören zur Anhängerschaft Jesu, die jedoch vor allem im Hinblick auf ihren Glauben an Jesu Verkündigung in den Blick genommen werden.
Eine erste christliche Sexualmoral findet sich in den Briefen des Paulus. Er knüpft nahtlos an die Leibfeindlichkeit hellenistischer Strömungen an: Das „Fleisch" wird im Gegensatz zum Geist gestellt, die Begierden sollen „gekreuzigt" werden. Geprägt durch die Endzeiterwartung empfiehlt Paulus, am besten gar keinen Sex mehr zu haben und nicht mehr zu heiraten (es sei denn, man hält es nicht mehr aus, vgl. 1 Korintherbrief 7). In der Mehrzahl der frühen Gemeinden dürfte dieser Aufruf aber nicht sehr viel Gehör gefunden haben, da die unmittelbare Naherwartung bald wieder der Pragmatik gewichen ist. Einzelne freizügigere Sekten hatten Berichten zufolge auch ihre spezielle Form des „Liebesmahls", dies blieb jedoch die Ausnahme.
Von der Alten Kirche bis zur Reformation
Zur wirklichen Ausbildung dessen, was man als kirchliche Sexualmoral kennt, kam es jedoch erst im Laufe des ersten Jahrtausends. So lebte es der Kirchenvater Augustin vor: Er verließ seine Familie, um in Keuschheit zu leben und sich theologischen Studien zu widmen. In diesen zog er dann Parallelen zwischen Erbsünde und Sexualität, schließlich stellte er die Lust selbst infrage. In der altkirchlichen Theologie wurden Liebe und Lust voneinander getrennt: Zum einen gab es die positiv besetzte Nächsten- und Gottesliebe (griechisch agape), als Gegensatz zur negativ besetzten Lust (griechisch eros).
Weiter geht diese leibfeindliche - und im übrigen auch frauenfeindliche - theologische Meinung bei Theologen wie Thomas von Aquin. Er systematisierte erstmals die Sexualmoral und berief sich dabei auf die Logik der Natur. Als Unterscheidungskriterium führte er ein, dass jede Sexualität allein der Zeugung dienen muss, andernfalls Sünde ist. Dies führt unter anderem zu der heute schwer verständlichen Meinung, dass Selbstbefriedigung verwerflicher als Vergewaltigung ist.
Eine andere Entwicklung betrifft den Wandel vom meist verheirateten Bischof der alten Kirche zum zölibatär lebenden Priester. Ein genauer Zeitpunkt dieses Wandels ist schwer festzulegen, da auch das Konkubinat lange geduldet wurde. Große Veränderungen schien es aber im Zuge der Kirchenreformen des 11. Jahrhundert gegeben zu haben, als die Ehelosigkeit der Priester zur Bedingung für die Reinheit des Abendmahls wurde. Außerdem wurde ein Sakrament für die Ehe aller Christen eingeführt, was einer Aufsicht über die Sexualität der Gläubigen gleichkam.
In der Reformation, also bei Luther und Calvin im 16. Jahrhundert, wurden das Zölibat und das Sakrament der Ehe wieder abgeschafft. Auch ein Eigenwert der Ehe neben der Zeugung wird wieder anerkannt, wie auch an den teils erotischen Briefwechseln zwischen Luther und seiner Frau Katharina von Bora zu sehen ist. An der grundsätzlichen Unterordnung des „Leiblichen" gegenüber dem „Geistlichen" änderte sich jedoch nichts, in den späteren Strömungen des Protestantismus verstärkten sie sich sogar wieder.
Die heutige Situation
Im 20. Jahrhundert wurde die Einstellung der Kirchen zur Sexualität erstmals offen analysiert und diskutiert: Anstöße dazu kamen beispielsweise von Psychologie, Feminismus und Genderforschung, sowie durch die Auseinandersetzung mit den „erotischeren" fernöstlichen Religionen und nicht zuletzt auch aus der Theologie selbst. Die Kirchen kämpften besonders in den 50er und 60er Jahren in polemischer Weise gegen die veränderten Einstellungen zur Sexualität an und verbündeten sich mit dem bürgerlichen Familienideal. Heute hingegen werden sexualethische Fragen wie Verhütung, die Stellung der Ehe und das Verhältnis zur Homosexualität mit Unterstützung der Medien kontrovers auch in den Kirchen diskutiert.
Die katholische Kirche beharrt eher auf der konservativen Linie, duldet gleichwohl aber Veränderungen an der Basis und gesteht ihren Mitgliedern einen größeren Freiraum zu. Zumindest in Deutschland ist es kaum noch vorstellbar, dass ein Priester sich etwa mit guten Ratschlägen direkt in das Privatleben von jungen Paaren einmischt. Und was die Verzerrungen im Menschenbild betrifft, die seit Augustin bestehen: Theologen wie Anselm Grün versuchen, die mystische Tradition wiederzubeleben, die auch Formen der erotischen Gottesliebe zulässt und so ein positiveres Verhältnis des menschlichen Körpers fördert.
Die Evangelische Kirche hält sich mit Äußerungen zur Sexualethik eher zurück und legt ihr Augenmerk eher auf die anderen Bereiche der Ethik. Daher können unterschiedliche Lebensstile problemlos in der evangelischen Kirche gelebt werden. Homosexuellenverbände beispielsweise kritisieren aber dennoch, dass nicht energisch genug gegen Überbleibsel früherer Sexualethik vorgegangen wird.
Den aggressivsten Weg gegenüber neuen sexuellen Lebensstilen beschreiten die oft als „evangelikal" bezeichneten freikirchlichen Gruppierungen. Sie thematisieren ihre konservativen Ansichten auch offensiv in den Gemeinden, bis hin zum Ausschluss von Mitgliedern oder Gelübden zur Keuschheit im Jugendalter.
„Kann denn Liebe Sünde sein?" - die eingangs gestellte Frage stellte schon Sängerin Zarah Leander vor einigen Jahrzehnten. Diese Frage stellen sich zunehmend auch die Mitglieder der Kirchen. Die Antwort auf darauf ist wohl auch ein erheblicher Teil der Diskussion um „Zeitgemäßheit" und „Zukunftsfähigkeit" der Kirchen, die sich eine weitere Entfernung von der Lebenswelt ihrer Mitglieder nicht leisten können.
Linktipp: Sexualität und Religion
(Text: Sebastian Helwig / Foto: flickr "oddsock")
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