back view Schrift

Politik / Deutschland 25.08.09

Der Traum vom gesicherten Geld

Text: Julia Jung

tt_back_viewRettet ein bedingungsloses Grundeinkommen unsere Gesellschaft?
Man stelle sich vor, jeder erwachsene Bürger in Deutschland bekäme, unabhängig von Wohnort, Arbeitssituation oder finanzieller Lage, ein gesichertes Grundeinkommen von 800 Euro. Einfach so. Hartz IV und sonstige bürokratielastigen Systeme ade. Klingt doch gar nicht so schlecht. Schließlich ist es nur gerecht, jedem Bürger eine existenzsichernde Pauschale zu gewährleisten. Doch ist das wirklich der Sinn eines Sozialstaates?


Ein gleiches Einkommen für jeden, egal ob bedürftig oder nicht? Ist unser System nicht viel mehr ein Prinzip des Geben und Nehmens, der Leistung und Gegenleistung?

Die Debatte über ein bedingungsloses Grundeinkommen läuft in Deutschland durchaus schon lange. Nur hielt sie sich bisher eher im Hintergrund und drang noch nicht bis zu den Tagesthemen vor. Höchsten einmal, als die 42-jährige Tagesmutter Susanne Wiest im Februar 2009 mit einer erfolgreichen Onlinepetition die Forderung nach einem bedingungslosen Grundeinkommen zum Gespräch im Deutschen Bundestag machte. Daraufhin äußerten sich viele Politiker zur „gerechten Grundsicherung für alle" und schnell wurde klar, dass die Chancen für eine Umsetzung eher bescheiden sind. Um nicht zu sagen, schlecht. Denn so nett sich ein gesichertes Einkommen für Mann und Frau auch anhört, sind die Gefahren und Realisierungsprobleme nicht zu unterschätzen.

Ein Leben ohne Druck und Existenzsorgen
Zunächst einmal sei die Idee grob umrissen: Ein Grundeinkommen soll laut den Befürwortern die Existenz eines jeden Individuums schützen und seine gesellschaftliche Teilnahme ermöglichen. Dafür wird keinerlei Gegenleistung verlangt. Im Gegensatz zu Hartz IV, bei dem Auflagen erfüllt, Termine beim Arbeitsamt wahrgenommen und Bewerbungen geschrieben werden müssen. Im jetzigen System erhält nur derjenige eine Leistung, der auch die geforderte Gegenleistung erbringt. Dies wäre bei einem bedingungslosen Grundeinkommen nicht mehr der Fall. Somit bestünde kein Zwang zur Arbeit mehr, ein durchaus gewollter Effekt. Jeder soll die Möglichkeit haben, sich frei entfalten zu können, ohne Druck und Existenzsorgen. Hierbei versprechen sich die Befürworter einen positiven Wandel in der Gesellschaft. Denn könnten die Menschen völlig frei wählen, bekämen ehrenamtliche Tätigkeiten und soziales Engagement wieder mehr Zulauf. Talente würden voll ausgeschöpft und Potentiale endlich genutzt werden.

Soziales Engagement dank Grundeinkommen?
Doch würde es tatsächlich so kommen? Würde ein Familienvater dann wirklich dank des Grundeinkommens einige Stunden weniger arbeiten und sich dafür ehrenamtlich im Fußballverein des jüngsten Sohnes engagieren? Vielleicht. Vielleicht ist er aber auch einfach nur froh über das zusätzliche Einkommen, kann sich im nächsten Jahr eventuell ein schickeres Auto leisten, arbeitet aber genauso viel wie vorher. Auch die Hoffnung einer Angleichung zwischen arm und reich ist fraglich. Würden die Vermögenden sich nicht dennoch finanziell abheben wollen, von denen, die dann „nur" 800 Euro im Monat zur Verfügung haben, genauso wie sie jetzt mehr verdienen wollen als ein Hartz IV-Empfänger? Lässt ein Grundeinkommen die Zweiklassengesellschaft nicht eher weiter auseinanderdriften und untergräbt die Leistungsgesellschaft?

Der Staat zieht sich aus der Verantwortung
Überhaupt ist es fragwürdig, ob es sinnvoll ist, jedem - zusätzlich zu seinem normalen Einkommen - eine Pauschale zukommen zu lassen, egal ob er diese braucht oder nicht. Ein Bürger mit einem Bruttoverdienst von 10 000 Euro im Monat benötigt keine 800 Euro zusätzlich. Dieses Geld kann man auch besser investieren. Zum Beispiel in Bedürftige. Weiterhin gäbe es auch keine zusätzlichen Leistungen vom Staat mehr. Natürlich gibt es verschiedene Ansätze, die Vorschläge für den Betrag des bedingungslosen Grundeinkommens reichen von 600 bis zu 1500 Euro im Monat. Manche Modelle schlagen eine zusätzliche Gesundheitsprämie vor, andere wiederum nicht. Fakt ist, dass sich der Staat damit ziemlich aus der Verantwortung zieht. Er macht es sich durchaus einfach, indem jeder schlichtweg das Gleiche bekommt. Die individuelle Behandlung weicht einer Massenabfertigung ohne persönlichen Charakter. Mit Sicherheit lässt unser momentanes System auch etwas zu wünschen übrig, aber die Pläne der Verteidiger eines Grundeinkommens sind wohl eher ideologisch als alltagstauglich.
So wäre etwa für Katja Kipping, Mitglied des Bundestags, das Grundeinkommen eine Demokratiepauschale, bei der Menschen sogar weniger erpressbar werden, weil sie materiell grundabgesichert sind. Nun ja, da mag wohl einiges dran sein, aber bewegt man sich einmal in einem Bereich von mehreren tausend Euro bekämpft ein Grundeinkommen Korruption und Bestechung auch nicht gerade.

Rationalisierung fordert Umstrukturierung
Zum Schluss stellt sich noch die Frage, warum so viele, auch manche Politiker, ein Grundeinkommen dennoch so sehr befürworten. Schließlich bedurfte es der Onlinepetition von Susanne Wiest mit über 50.000 Unterstützer. Die Erklärung ist plausibel: Die Verteidiger eines Grundeinkommens gehen von einer fortschreitenden Rationalisierung und Automatisierung am Arbeitsmarkt aus. Diese hätten zwar eine erhebliche Produktivitätssteigerung zur Folge, aber auch gleichzeitig eine Massenarbeitslosigkeit, da die Arbeit größtenteils von modernen Techniken übernommen wird. Aus diesem Gedanken entstand die Forderung, nach einer Abkopplung von Erwerbsarbeit und einem Einkommen, dem Grundeinkommen.
So weit, so gut, aber ist das Projekt überhaupt annäherungsweise finanzierbar? Stellt man sich einmal die riesigen Summen vor, die bei einem solchen Vorhaben aufkommen würden. Natürlich haben sich die Befürworter eines Grundeinkommens auch hier etwas einfallen lassen: Durch einen Systemwandel von der Einkommens- und Ertragsbesteuerung  hin zur Konsumbesteuerung.

Somit ist das Thema einer Grundsicherung, die „dem Menschen die Würde lässt" noch nicht vom Tisch. Es wird wohl noch viel darüber diskutiert und debattiert werden und womöglich findet ein schlauer Kopf auch eines Tages die perfekte Lösung. Vielleicht eine Mischung aus individueller Bedürftigkeitsprüfung und existenzsichernder Pauschale oder ein völlig anderes Konzept. Doch dabei sollte immer noch der Grundgedanke eines Sozialstaates im Vordergrund stehen, nämlich der einer fürsorglichen und humanen Gesellschaft und nicht der Wunsch vom großen Geld.


tt_back_view
Weitere Artikel zum Titelthema "soziales Deutschland?"
Anfang und Ende der sozialen Gerechtigkeit
Der demographische Wandel
Euere Meinung eingefangen



(Text: Julia Jung)

Kommentare

avatar grundeinkommen
0
 
 
Das Grundeinkommne beinhaltet doch auch, dass die Löhne nicht gleich bleiben!
Es soll doch so sein, dass der Job den keiner machen möchte der bestbezahlteste sein soll.
B
i
u
Quote
Code
List
List item
URL
Name *
E-Mail (für Bestätigungen & Antworten)
URL
Code   
ChronoComments by Joomla Professional Solutions
Kommentar abschicken
Abbrechen
avatar Julia
0
 
 
Nein, das ist wohl kaum der Sinn eines Grundeinkommens! Es soll keine "Sozialhilfe" für miese Jobs sein, sondern eine Existenzsicheru ng für jeden darstellen. =)
B
i
u
Quote
Code
List
List item
URL
Name *
E-Mail (für Bestätigungen & Antworten)
URL
Code   
ChronoComments by Joomla Professional Solutions
Kommentar abschicken
Abbrechen
B
i
u
Quote
Code
List
List item
URL
Name *
E-Mail (für Bestätigungen & Antworten)
URL
Code   
ChronoComments by Joomla Professional Solutions
Kommentar abschicken
bleibt in kontakt mit back view

google-logo-plus-0fbe8f0119f4a902429a5991af5db563
meinvztwitter_

Titelthema Archiv

16. Mai 2012
noch offen
02. Mai 2012
18. April 2012
04. April 2012
21. März 2012
07. März 2012
22. Februar 2012
08. Februar 2012
25. Januar 2012
11. Januar2012
28. Dezember 2011
14. Dezember 2011
Das Jahr 2011
30. November 2011
16. November 2011
02. November 2011
Tag des Mannes
19. Oktober 2011
05. Oktober 2011
21. September 2011
07. September 2011
24. August 2011
10. August 2011
27. Juli 2011
13. Juli 2011
29. Juni 2011
15. Juni 2011
01. Juni 2011
18. Mai 2011

04. Mai 2011
Olympia 2018 in München

20. April 2011
Soziales Netzwerken

06. April 2011
Studierende und ihre Probleme

23. März 2011
Deutschland im Wahlfieber

09. März 2011
Müll dieser Welt

23. Februar 2011
Wir lieben, was ihr hasst!

09. Februar 2011
Arabische Welt in Aufruhr

26. Januar 2011
Hungersnot

12. Januar 2011
Die reformierte Bundeswehr

29. Dezember 2010
Jahresrückblick

15. Dezember 2010
Weihnachtsspecial

01. Dezember 2010
Sinn des Lebens

17. November 2010
Castortransporte

03. November 2010
Generation Praktikum

20. Oktober 2010
Stigmata der Jugend

06. Oktober 2010
Aufbruch ins Studium

22. September 2010
9 / 11

08. September 2010
200 Jahre Oktoberfest

25. August 2010
Armut

11. August 2010
Geschlechterrollen

28. Juli 2010
Dinge

14. Juli 2010
Rauchen

30. Juni 2010
Freizeitpark-Test

16. Juni 2010
Bundespräsidentenwahl

02. Juni 2010
Fußball-WM in Südafrika

19. Mai 2010
Raum & Identität

05. Mai 2010
Russland

21. April 2010
Organisierte Kriminalität

07. April 2010
Wandel des Klimas

24. März 2010
Krise unterm Kreuz?

10. März 2010
Liebe 2.0

24. Februar 2010
Junge Verlage

10. Februar 2010
Olympia in Vancouver

27. Januar 2010
Kinder dieser Welt

13. Januar 2010
Geheimbünde

30. Dezember 2009
Jahresrückblick

06. November 2009
Weihnachtsspecial

02. Dezember 2009
Über das Altwerden

08. November 2009
Krieg

04. November 2009
20 Jahre Mauerfall

21. Oktober 2009
Atomenergie

07. Oktober 2009
Mythos oder Wahrheit?

23. September 2009
Bundestagswahl 2009

09. September 2009
Fälschungen

26. August 2009
Soziales Deutschland?

12. August 2009
Stars von morgen

29. Juli 2009
Sieht so unsere Zukunft aus?

15. Juli 2009
40 Jahre Mondlandung

01. Juli 2009
Endstation Bildung

17. Juni 2009
Sexualität

03. Juni 2009
Europawahl

20. Mai 2009
60 Jahre Bundesrepublik

06. Mai 2009
Kindersoldaten

22. April 2009
Umweltverschmutzung

08. April 2009
Nichtregierungsorganisationen

25. März 2009
Ureinwohner dieser Welt

11. März 2009
Die Weltwunder

18. Februar 2009
Fastnacht

04. Februar 2009
Die Deutsche Bundeswehr

21. Januar 2009
Das Afrika der Gegenwart

31. Dezember 2008
Der große Jahresrückblick

17. Dezember 2008
Weihnachten in ...

03. Dezember 2008
AIDS

19. November 2008
Psychische Volkskrankheiten

05. November 2008
Präsidentschaftswahl USA

22. Oktober 2008
Politischer Extremismus

08. Oktober 2008
Jugend am Abgrund

24. September 2008
Social Networking

10. September 2008
Krisenregionen

27. August 2008
Organspende

13. August 2008
Erneuerbare Energien

30. Juli 2008
Olympia in Peking

16. Juli 2008
Die Pressefreiheit

02. Juli 2008
Der Tod

18. Juni 2008
Bachelor vs. Diplom

04. Juni 2008
Fußball-EM

21. Mai 2008
Homosexualität

07. Mai 2008
Folgen des NS-Regimes

23. April 2008
WWW wird 15

09. April 2008
Tibet

26. März 2008
Obdachlosigkeit

12. März 2008
US-Vorwahlen

27. Februar 2008
Unser Gehirn

13. Februar 2008
Die Sekte

15. Januar 2008
68er... und dann?

© 2007-2012 back view