Gesellschaft / Brennpunkte 08.09.09
Text: Peter Seiffert
Rido Busse im Interview zum Problem der Plagiate
Plagiat und Fälschung werden häufig verwechselt, sind aber nicht dasselbe, sagt Professor Rido Busse. Denn während ein Plagiat den Nachbau eines Produkts darstelle, sei eine Fälschung eine Kopie, meist inklusive Markenzeichen. Busse steht seit 1977 für die „Aktion Plagiarius", die jährlich einen Preis für das dreisteste Plagiat vergibt und im bergischen Solingen ein Museum betreibt. Dort werden mehr als 250 Originale und Plagiate aus verschiedensten Branchen gezeigt. Derzeit gibt es beispielsweise eine Ausstellung mit 130 Tempo-Taschentuch-Imitaten aus China.
Die laut eigener Aussage weltweit einzigartige Sammlung zog nach 30 Jahren 2007 in den neu gestalteten Südpark in Solingen - einer Stadt, die wegen einer großen Vergangenheit in der Schneidwarenbranche und nach wie vor ansässigen Unternehmen wie Zwilling oder Wilkinson selber mit Fälschungen und Plagiaten zu kämpfen hat. „Für die betroffenen Unternehmen bedeutet die Produktpiraterie nicht nur die Entwertung ihrer kostenintensiven Entwicklungsarbeit und den Verlust von Marktanteilen, sondern auch die Entwertung des Originals", sagte NRW-Wirtschaftsministerin Christa Thoben anlässlich der Eröffnung. „Und was mitunter schlimmer wiegt: Die Gefährdung des guten Firmennamens. Letzteres gilt insbesondere dann, wenn gefälschte Produkte in Umlauf kommen, die die Sicherheit und Gesundheit beeinträchtigen können."
Busse fordert daher im Interview mit back view, Produktpiraterie endlich mit mehrjährigen Gefängnisstrafen zu ahnden. Denn der wirtschaftliche Schaden belaufe sich weltweit auf 200 bis 250 Milliarden Euro - mehr, als die Rauschgiftmafia umsetzt, sagt der Initiator der Aktion Plagiarius. Die Produktdiebe kämen nicht nur aus Fernost, im Gegenteil: Laut Busse wird auch in Europa fleißig gefälscht und plagiiert, etwa von Tchibo oder Ikea.
back view: Herr Busse, Sie vergeben Jahr für Jahr den „Plagiarius", einen schwarzen Zwerg mit goldener Nase, weil der Fälscher oder Plagiator sich eine solche verdient. Zeigt der „Preis" Wirkung?
Rido Busse: In Deutschland haben wir mittlerweile tatsächlich etwas weniger Probleme. In China ist denen das völlig egal, aber hier fürchten viele die negative Öffentlichkeitswirkung. Die Hersteller des Originals können ihr Produkt und dessen Fälschung oder Plagiat bei uns einreichen. In Europa führt das inzwischen häufig zu Einigungen vor dem Wettbewerbsentscheid.
Aber naiv gefragt: Wenn es ein Podolski-Trikot für 10 statt 70 Euro gibt, das nur minimale Unterschiede zum Original aufweist - warum sollte man das nicht kaufen? Ist es da nicht die Sportindustrie, die sich eine goldene Nase verdient?
Der Fußballklub verdient Geld daran. Und das muss er, damit er seine Kosten zahlen kann, genauso wie Sie Geld verdienen müssen, um Ihre Miete zu zahlen.
Sicher. Aber gerade Marken-Artikel sind häufig überteuert. Der Stoff allein kann schließlich nicht den hohen Preis rechtfertigen.
Das ist richtig. Aber der Grafiker muss beispielsweise für den Entwurf bezahlt werden. Und dann muss der Klub tatsächlich etwas daran verdienen. Denn was erwarten wir denn? Dass er uns guten Fußball liefert. Er muss tolle Spieler haben. Und wenn wir ihn daran hindern, kann er das nicht. Dieses Problem können Sie hundertfach ausweiten auf andere Dinge. Wenn Sie nur noch Fälschungen und Plagiate kaufen, wird in Deutschland nichts mehr produziert. Und das kostet Arbeitsplätze.
Wirkliche Gefahr geht aber doch eher von einem der berühmtesten Fälschungsfälle aus: Den chinesischen Plagiaten von Stihl-Motorsägen.
Die Gefahr ist dort tatsächlich besonders groß. Aber beim Trikot wissen Sie auch nicht, wie die Haut reagiert. Beim Originalhemdchen kann das nicht passieren. Bedenklich sind aber vor allem Ersatzteile für Flugzeuge oder Autos, die sogar mit Markenzeichen gefälscht werden.
Aber freut sich ein arbeitsloser Deutscher nicht über diese Artikel, weil er wenig Geld in der Tasche und trotz Abwrack-Prämie ein veraltetes Auto besitzt?
Das kann er machen, wenn ihm sein Leben nicht lieb ist. Er muss Prioritäten setzen: Geld oder Leben.
Geht es Ihnen bei Ihrem Einsatz um den Schutz dieses Lebens? Oder darum, die Profite der Konzerne zu retten?
Der Lateiner sagt: „Non solum sed etiam" - nicht nur, sondern auch. Unternehmen haben eine Leistung erbracht, die nicht unerheblich ist, und müssen erleben, wie jemand anderes daran teilhat. Aber die Sicherheit des Menschen hat immer Vorrang. Was glauben Sie, welche Bemühungen Stihl unternimmt, um die Menschen zu schützen? Aber der wichtige Handschutz ist beim chinesischen Plagiat beim Auspacken abgebrochen. Nur am Transport kann das nicht liegen: Motorsägen werden ja auch im Wald in die Ecke geworfen.
Wie groß ist der wirtschaftliche Schaden durch Plagiate in Deutschland?
Etwa 40 Milliarden Euro. Damit einher geht der Verlust von 70 000 Arbeitsplätzen. Weltweit beläuft sich der Schaden auf 200 bis 250 Milliarden Euro. Das ist mehr, als die Rauschgiftmafia umsetzt! Die Zahlen stammen vom deutschen Industrie- und Handelstag, uns und dem Zoll. Eine Dunkelziffer ist mit eingerechnet, aber so dunkel sind die Ziffern gar nicht, weil vieles offiziell läuft. Nach wie vor wird Plagiieren nämlich von Gerichten als Kavaliersdelikt behandelt. Wir haben seit 20 Jahren ein Gesetz, das besagt, dass Sie für fünf Jahre eingesperrt werden könnten. Aber eine solche Strafe ist nie verhängt worden.
Warum?
Fragen Sie die Gerichte.
In welchen Branchen wird üblicherweise Produktpiraterie betrieben?
Das geht quer durch alle Branchen. Zunächst bei Produkten, die wenig oder gar nicht technisiert sind: Wer beispielsweise Gips nach Afrika schickt und behauptet, das sei Düngemittel, ist ein Mörder. Die Leute verhungern. Lebenslänglich wäre da fällig. Aber wir bringen anderen darüber hinaus immer mehr bei, das geht vom Computer bis zum Motorrad.
Wie viel Fälschung umgibt uns im Leben? Im Museum Plagiarius ist etwa eine Ausstellung mit gefälschten Taschentüchern zu sehen.
Da brauche ich nur in meinen Bekanntenkreis zu schauen - mit seinen Rolexuhren, von denen bestimmt 20 Prozent eine Fälschung sind. Taschentücher sind gar nicht so dramatisch: Die Plagiate werden nur für China produziert, die würde ein Europäer gar nicht kaufen. Chinesen haben da offenbar rauere Nasen. Bevorzugt werden bei uns Massenprodukte gefälscht, die sich gut verkaufen. Tchibo informiert sich, besorgt 100 bis 200 Stück, stellt die in den Geschäften zu günstigen Konditionen aus. Und wenn das gut läuft, lassen sie die Objekte billig in Fernost produzieren. Die haben deswegen schon einige Prozesse am Hals gehabt.
Wie bitte? Der seriöse Konzern Tchibo?
Ja, Ikea klaut auch, und viele andere. Und die Strafen sind lächerlich. Der Plagiator ist ja nicht dumm, der ist nur unkreativ. Er klaut ein Produkt und weiß, irgendwann gibt es einen Prozess. Und weil er das weiß, bildet er Rücklagen. Wenn er dann Prozesskosten und eventuell Schadensersatz zahlen muss, dann macht er das von den Zinsen.
Das heißt: Unsere Vorstellung von den kopierenden Chinesen ist unvollständig?
In Europa versuchen die Firmen wenigstens, es geschickt zu kaschieren. Es wird eigentlich überall geklaut. Die Chinesen sind nur die großen Meister, was die Menge angeht. Die Produkte werden dann in die Welt exportiert. Taschentücher für den heimischen Markt sind eher eine Ausnahme.
Wie wollen Sie diesen Ideenklau eindämmen?
Ich setze da langfristig auf eine „Japanisierung". Die Japaner plagiieren nicht mehr. Die sind selber so gut und so selbstbewusst, dass sie es gar nicht nötig haben. Ich hoffe, das ist in China in 20 Jahren genauso.
Aber angenommen, China wird dann sogar innovativer als Europa: Setzt das nicht eine Spirale in Gang? Wird das Problem dann nicht nur geographisch verlagert, weil europäische Firmen von Chinesen klauen?
Ach, das geschieht denen auch eine Weile Recht (lacht). Es gibt ja schon seriöse chinesische Firmen, die dann von ihren Landsleuten kopiert werden.
Können Sie uns ein besonders prägnantes Plagiatsbeispiel nennen?
Das Gefährlichste haben Sie mit Stihl schon genannt. Und dann gibt es da noch dieses Motorrad, das wir im Museum haben. Dieses Produkt käme bei uns niemals durch den TÜV, und ich würde da auch keine 30 Meter mit fahren.
Sie engagieren sich seit 1977. Sind Sie von solch dreisten Fällen immer noch erstaunt?
Nein, eigentlich nicht mehr. Überrascht bin ich nur, dass Firmen das Produkt eines Konkurrenten kaufen und es am Messestand ausstellen, wo sie dann bereits eifrig Aufträge für ihr Plagiat entgegennehmen. Das ist sogar gängige Praxis.
Wie können wir Fälschungen erkennen? Nur am Preis?
In erster Linie am Preis. In zweiter Linie an der Qualität. Und in dritter Linie auch am Händler. Auf dem Flohmarkt wäre ich vorsichtig. Bei großen Versandhändlern sind Sie relativ sicher. Die haben eine Adresse und überprüfen sehr genau: Denn es wäre für sie arg, wenn sie ausgelieferte Waren wieder zurücknehmen müssten.
Im Grunde ist es ja unglaublich, dass Menschen immer noch und immer wieder auf Fälschungen hereinfallen.
Nun, es ist immer sehr reizvoll: Geiz ist geil, und Schnäppchen sind was ganz Tolles. Manche geben Geld für Schnäppchen aus, weil es Schnäppchen sind - nicht, weil sie es brauchen. Wer braucht schon eine Rolex?
Allein wird sich der Markt allerdings kaum regeln.
Immerhin beschlagnahmt der Zoll inzwischen rund 100 Millionen gefälschte Objekte pro Jahr, früher waren das mal 2-3 Millionen. Politik kann gar nicht genug tun, aber momentan denken sie an die Wahl, und danach an die nächste Wahl. Wobei, Hans Eichel (ehemaliger Finanzminister) war ganz aktiv. Der hat auch Ausstellungen mitfinanziert.
Was kann Politik also gegen Plagiate tun?
Es gibt beispielsweise Gruppen von Firmen, die als eine Art Fälschungspolizei mit den chinesischen Institutionen verhandeln. Dazu gehören Stihl oder Samsung. Die haben schon einiges auf die Reihe gebracht, das ist auf einem guten Weg. Was nicht auf einem guten Weg ist, ist die Bestrafung. Da müssten wir viel härter durchgreifen, und zwar ohne die Formel „auf Bewährung". Nein! Vier Jahre ohne Bewährung! Ich könnte ein paar nennen, die sollte man ad hoc einsperren.
Zum Beispiel?
Wie gesagt: Tchibo.
Der Plagiator kommt also derzeit trotz Ihrer Forderungen nahezu straffrei davon, sagen Sie. Was passiert denn mit den Waren, wenn der Zoll eine Sendung mit Plagiaten entdeckt?
Wenn Sie das beantragt haben, fotografiert der Zoll das Objekt und schickt Ihnen das Foto zu. Ist es Ihr Produkt, können Sie es nach einer einstweiligen Verfügung beschlagnahmen lassen. Am Ende wird das Plagiat vernichtet: Dann hat der Originalhersteller das Vergnügen, das Zeug zu schreddern. Wir haben in Solingen zum Beispiel mal 1500 Plagiate von gut gehenden Einkaufskörben von einer Straßenwalze plattmachen lassen. Diese PR-Aktionen sind immer sehr lustig. In Wuppertal haben wir 3000 gefälschte MagLite-Taschenlampen für Polizisten öffentlich schreddern lassen, da kommen dann auch gerne Presse, Funk und Fernsehen.
Gibt es eigentlich auch gute, weil ungefährliche Fälschungen?
Natürlich gibt es das. Wir hatten sogar mal einen Aktenkoffer, da war das Plagiat besser. Aber darauf kann man sich natürlich nicht verlassen.
Herr Busse, haben Sie Hoffnung, dass Ihr Kampf jemals von Erfolg gekrönt sein wird?
Es wird nie beendet sein. Es wird immer Gier geben nach einem Produkt. Und es wird immer Firmen geben, die versuchen, sich dieses Produkt mit Tricks anzueignen. Das ist menschlich. Aber wir müssen es eindämmen. Der Plagiator muss wissen, dass er ein Risiko eingeht. Bisher muss er das Produkt nur übernehmen. Und werben muss er auch nicht dafür, wenn sich das Original gut verkauft: Ein besseres Marketing als ein laufendes Produkt gibt es gar nicht.
Vielen Dank für das Gespräch Herr Busse.
Mehr über das Museum im Internet.
(Text: Peter Seifert / Fotos: Thomas Riehle / artur)
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