Gesellschaft / Zeitgeschichte 19.05.09
Text: Miriam Keilbach
Politisch standen die 90er Jahre vor allem im Zeichen der Wiedervereinigung. Der Zusammenbruch des Eisernen Vorhangs machte Ende der 80er und Anfang der 90er Jahre den Weg für eine Einigung zwischen West und Ost frei. Nachdem die Berliner Mauer bereits 1989 fiel, feierte Deutschland am 3. Oktober 1990 die offizielle Wiedervereinigung, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen, Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Berlin wurden wieder vollständig an Westdeutschland angegliedert. Mit den neuen Bundesländern und den Ausgaben für den Golfkrieg wurde 1991 der Solidaritätszuschlag eingeführt. Der „Soli" sollte den Aufbau Ost unterstützen und wird von allen deutschen Bundesbürgern zusammen mit der Einkommenssteuer erhoben. Während der Soli schon kurz nach der Einführung ausgesetzt wurde, werden seit der Wiedereinführung 1995 durchgehend politische Diskussionen geführt, diese Zahlung endgültig abzuschaffen.
Mit der Wiedervereinigung Deutschlands ging auch die Vormachtsstellung der Sowjetunion zu Ende. 1991 erklärten die baltischen Staaten ihre Unabhängigkeit, in der Folge entstand die GUS, die Gemeinschaft Unabhängiger Staaten. Zuvor fanden in Russland erstmals demokratische Präsidentschaftswahlen statt, die Boris Jelzin gewann. Seine fortschrittlichen politischen Ansichten vollendeten den Zerfall der Sowjetunion.
Außenpolitisch relevant waren auch die Kriege im Nahen Osten und im Kosovo. Nur zwei Jahre nach dem Ende des ersten Golfkrieges begann der zweite mit dem Einmarsch Iraks in Kuwait. Infolge dessen kam es zu Sanktionen des UN-Sicherheitsrats gegen den Irak. Deutschland schickte als eines der wenigen Länder keine Soldaten, leistete aber wie auch Japan erhebliche finanzielle Hilfe. Saddam Hussein zeigte sich wenig beeindruckt, vielmehr rebellierte er gegen die Einmischung der USA, die sich für eine militärische Befreiung Kuwaits einsetzte. Die Operation Desert Storm startete im Januar 1991, mit dem Luftkrieg gab es 1.300 Attacken auf den Irak. Erst drei Monate später gelang der Waffenstillstand, den die USA mit ihren Militäraktionen erzwungen hatte.
Technik
Computer, Mobiltelefon und Internet waren die großen Errungenschaften der 90er Jahre. Langsam zogen die technischen Geräte in die deutschen Haushalte ein. Nur wenige Jahre später besaß ein Großteil der Deutschen PC und Handy, die den Alltag dieses Jahrzehnts prägten. Telefonieren wurde durch SMS ersetzt, persönliche Treffen durch Chats. Damals wählte man sich vor allem über Modem und die bestehende Telefonleitung ins World Wide Web ein - und die restliche Familie litt darunter, in dieser Zeit telefonisch nicht erreichbar zu sein.
Auf dem Computer verbreiteten sich auch vermehrt Spiele. Auch Nintendo und PlayStation durften in keinem Haushalt mehr fehlen. Mario Kart und Tomb Raider erreichten großen Ruhm - und die Spielfigur Lara Croft wurde zu einer Ikone ihrer Zeit. Auch in Sachen Musik gab es weitreichende Veränderungen. Diese wurde von Kassetten und Walkmen auf CDs und Discmen verlagert. Auch der Computer diente plötzlich als Speichermedium für musikalische Anlagen.
Musik
Die Dekade begann mit einem großen musikalischen Skandal. Die von Frank Farian produzierte Band Milli Vanilli, bekannt geworden durch Hits wie „Girl You Know It's True", wurden als Betrüger identifiziert. Sie bewegten lediglich ihren Körper und ihre Lippen zu Liedern, die andere einsangen. Das Medienecho war groß, die Musikszene, der man ohnehin gerne Lügen nachsagt, stand am Pranger. Bandmitglied Rob Pilatus nahm sich acht Jahre später das Leben.
Den Trend hingegen setzen vor allem Boygroups. Nach dem vorübergehenden Auflösen der Bee Gees gab es einen Hype: Take That, Backstreet Boys, N'Sync, Westlife, Caught In The Act, The Boyz, Boys II Men, Boyzone, Echt - sie alle stürmten mit ihren Hits die Charts. Als die bis dato erfolgreichste Band Take That sich nach dem Ausstieg von Robbie Williams 1996 auflöste, brachen tausend Herzen. Bilder von Mädchen, die sich weinend in den Armen lagen oder sich gar in den Selbstmord stürzten, gingen um die Welt. Doch mit den Backstreet Boys stand die nächste Formation bereits in den Startlöchern.
Parallel dazu gab es einen Girlie-Boom mit den Spice Girls, die 1996 mit ihrer Hitsingle Wannabe Rekorde brachen. Desweiteren wurde auf seichte Musik gesetzt: Aqua landete mit Barbie Girl einen der größten Hits des Jahrzehnts. Während Fool's Garden über den Zitronenbaum sang, tanzte sich halb Deutschland mit Los Des Rios Macarena durch die Sommer. Desweiteren erreichte eine Techno- und Dancefloorwelle das Land. U96 mit Das Boot, Culture Beat mit Mr.Vain und Scatman eroberten die Discos. Green Day und The Offspring waren die Vertreter der Pop-Punkt-Welle, die Deutschland Mitte der Neunziger erreichte.
Eine Band, die ihre größten Triumphe in den 90er Jahren feierte, war die Kelly Family. Die Familie mit den langen Haaren bestand aus neun Mitgliedern und landete mit „An Angel" und ihrem Album „Over The Hump" einen Riesenhit. Die Familie spaltete die Gemüter - während die einen kreischend zusammenbrachen und zum Hausboot der Kellys pilgerten, verachteten die anderen die Familie aufgrund ihrer Lebensweise und ihres Stils.
Sport
Das Jahrzehnt startete erfolgreich für den deutschen Sport. Die Fußballnationalmannschaft stand in Rom im Finale gegen Argentinien, die vier Jahre zuvor im Finale gegen Deutschland gewonnen hatten, erstmals konnte sich der Zweitplatzierte im folgenden Finale also für die Niederlage revanchieren. Und es sollte das erste Endspiel werden, das durch einen Elfmeter entschieden wurde. Nach einem umstrittenen Foul an Stürmer Rudi Völler versenkte Andi Brehme den Ball im Netz und schoss Deutschland zum Weltmeistertitel. Ein Jahr später übrigens wurde in China die erste Fußballweltmeisterschaft für Frauen ausgerichtet, bei der die deutschen Damen Vierter wurden.
Bei den Olympischen Winterspielen in Albertville 1992 holte Deutschland zehn Goldmedaillen und führte damit den Medaillenspiegel an. Biathlet Mark Kirchner und Eisschnellläuferin Gunda Niemann waren die erfolgreichsten deutschen Athleten. Bei den Sommerspielen im gleichen Jahr in Barcelona gewann Deutschland gleich 33 Mal Gold und belegte Rang drei, ebenso wie bei den Winterspielen in Lillehammer zwei Jahre später mit neun Goldenen. Skirennläufer Markus Wasmeier und Skispringer Jens Weißflog waren mit je zwei Siegen die besten deutschen Teilnehmer. Auch bei den Sommerspielen 1996 belegte Deutschland den dritten Platz im Medaillenspiegel, 20 Mal siegten schwarz-rot-goldene Sportler. Mit Isabell Werth und Ulrich Kirchhoff schnitten die Reiter am Erfolgreichsten ab. Bei den letzten Olympischen Spielen der Neunziger in Nagano stellten die Deutschen mit 12 Goldmedaillen wiederum die erfolgreichste Nation. Während Curling und Snowboarden (sowie Fraueneishockey) neue olympische Disziplinen wurden, nahmen mit Kenia, Aserbaidschan, Mazedonien, Venezuela und Uruguay gleich fünf Exotenländer zum ersten Mal an Winterspielen teil.
Andere sportliche Highlights setze Michael Schumacher. Der Rennfahrer gewann mit Benetton 1994 und `95 seine ersten beiden WM-Titel der Formel 1. Nach dem Tod von Ayrton Senna, der beim Großen Preis von San Marino 1994 ums Leben kam, galt er das aufstrebende Talent. Schumacher wechselte mit seinen beiden Titeln ins Ferrari-Lager und half kontinuierlich, das Team aufzubauen. 2000 gelang Ferrari dann der langehrsehnte Triumph und Schumacher stieg zum erfolgreichsten Formel1-Fahrer aller Zeiten auf.
Traurig hingegen blickte die deutsche Sportgesellschaft auf die Rücktritte ihrer Tennishelden Boris Becker und Steffi Graf im Jahre 1999. Nur wenige Wochen nach dem Rücktritt von Becker, siegte Graf nochmals bei der French Open gegen die Weltranglistenerste Martina Hingis. Graf schaffte es in ihrer Karriere, alle vier Grand-Slam-Turniere mindestens vier Mal zu gewinnen und bei allen Grand-Slam-Turnieren ihren Titel zu verteidigen. Einen Rekord bescherte ihr, dass sie sich insgesamt 337 Wochen an der Spitze der Weltrangliste hielt. Boris Becker, der sich nur 12 Wochen auf Platz eins hielt, holte 1996 bei der Australian Open den letzten großen Titel. Insgesamt konnte er 49 Turniere gewinnen, davon sechs beim Grand-Slam.
Mode & Kult
Auch andere Skurrilitäten beschäftigten die Gesellschaft. So wurde 1996 mit Dolly das erste geklonte Schaf geboren. Modisch wurde es bei den Mädchen immer enger, denn sie trugen nun sehr körperbetonte Klamotten, ganz im Gegensatz zu den Jungs, die auf Baggy Pants umstiegen. Beliebt wurden vor allem die Plateauschuhe, die von Jungen wie Mädchen getragen wurden und jeden ein paar Zentimeter größer schummelten. Bei den Haaren setzten die Mädchen wieder voll auf den Haarreif oder aber auf den Zickzack-Mittelscheitel. Vor allem bei Mädchen waren einzelne bunte Strähnen im Haar bliebt. Die durften dann auch richtig auffallen: Blau, rot, grün und pink waren der Renner. Auch Piercings und Tattoos waren auf dem Vormarsch. Bauchnabelpiercing und das sogenannte Arschgeweih zierten die Mädchenhaut, Jungs setzten eher auf Augenbrauen- oder Lippenpiercings und Tattoos auf Waden und Oberarmen.
Deutschland bekam einen neuen Volkssport, denn plötzlich bewegten sich alle auf Inline-Skates, die die Rollschuhe ersetzen. Mit den ersten Sonnenstrahlen gab es sogar Marathons auf Rollen. Ein weiteres Kultobjekt war die Diddl-Maus, die 1996 die Herzen der deutschen Kinder eroberte und nicht nur Postkarten, sondern vor allem Schulmaterial zierten. Mädchen verbrachten nun Stunden damit, Diddl-Blöcke zu tauschen und zu sammeln. In keinem Kinderzimmer fehlen durfte außerdem ein Tamagotchi. Wer schon immer ein Haustier wollte, aber keine Verantwortung übernehmen konnte, legte sich 1997 ein solches Computertier zu, das gestreichelt und gefüttert werden musste und auch sein Geschäft verrichtete. Wurde sich nicht ordentlich um das Haustier gekümmert, starb es und im Kinderzimmer flossen die Tränen. Aber nicht lange, denn die Tamagotchis konnten mehrere hunderte Male neugeboren werden.
Einen weiteren Trend setzten die Daily Soaps im deutschen Fernsehen. Angefangen hatte alles mit dem Erfolg der RTL-Serie Gute Zeiten Schlechte Zeiten, die 1992 zum ersten Mal ausgestrahlt wurde. GZSZ wurde binnen kurzer Zeit zur erfolgreichsten Fernsehserie und verlief nach dem Vorbild der Lindenstraße, die allerdings nur wöchentlich gesendet wurde.
Eine Tragödie im wirklichen Leben spielte sich 1997 ab, als die englische Prinzessin Diana und ihr Lebensgefährte Dodi Al-Fayed in einem Pariser Tunnel bei einem Autounfall ums Leben kamen. Wochenlang dominierte der Unfalltod der schönen Prinzessin die Medien. Wild spekuliert wurde, ob die Paparazzi, die den Wagen verfolgten, Schuld am Unfall und damit am Tod von drei Insassen hatten. Denn nur Al-Fayeds Leibwächter Trevor Rees-Jones überlebte den Unfall, der als einziger angeschnallt war. Durch seine Kopfverletzungen konnte er allerdings bei der Aufklärung des Unfalls nicht helfen und so wird es wahrscheinlich für immer ein Geheimnis bleiben, wie die Prinzessin tatsächlich starb.
(Text: Miriam Keilbach)
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Boris Becker ist nicht vor Steffi Grafs Sieg bei den french open zurückgetreten, sondern spielte danach noch in Wimbledon und kam bis ins Viertelfinale wo er an Patrick Rafter scheiterte und Steffi Graf kam ins Finale.