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Gesellschaft / Zeitgeschichte 19.05.09

Die ersten Jahre Deutschlands

Text: Felix Klabe

tt_back_viewDie 1950er Jahre Deutschlands im Rückblick
Das Jahrzehnt nach dem Ende des zweiten Weltkrieges war geprägt durch wirtschaftliches Wachstum und Prosperität. Aber auch der Rückzug in die Privatssphäre war ein wesentlicher Charakterzug jener Zeit, in dem die meisten unserer Eltern geboren sind.


Die Babyboomer wuchsen in einem Deutschland auf, das noch stark vom Krieg gezeichnet war. Von 1939 bis 1945 starben Millionen Menschen an der Front oder in Lagern, bis spät in der 1950er kehrten Kriegsgefangene heim. Rund 13 Millionen vertriebene Deutsche aus den Ostgebieten strömten nach Westdeutschland. In ihrer alten Heimat waren sie nicht mehr willkommen - ähnlich wie in der neuen. Im Jahr 1950 war jeder fünfte Deutsche ein Vertriebener. Wer als Soldat das Kriegsgeschehen überlebte oder nach langem Fußmarsch aus den Sowjetgebieten kam, sehnte sich nach Trost, Geborgenheit und einer friedlichen Welt.
So düster die Ausgangslage in Deutschland auch schien, der Weg aus dem Bunker der 1940er Jahre führte, wie Karin Baal dem ZDFInfo Kanal sagt, „direkt in ein schönes Leben". Dieses Leben schien vielen Deutschen wie ein Wunder - wie 1954 in Bern oder mit Blick auf Wirtschaftwachstum und Geldwert.

In den Nachkriegsjahren blieb die bescheidene Forderung nach „Nahrung und einem Dach über dem Kopf" maßgeblich für die Deutschen. Die junge Republik profitierte zwar vom "European Recovery Program" der Amerikaner, das Wirtschaftswunder lag darin jedoch nicht begründet. Der Aufschwung war u.a. Wirtschaftsminister Ludwig Ehrhard zu verdanken, der die Soziale Marktwirtschaft zur wirtschafts- und sozialpolitischen Leitidee machte. Das Grundprinzip hierbei war die Sicherung der Gewerbe-, Wettbewerbs- und Exportfreiheit in Verbindung mit sozialem Ausgleich. Was im ersten Jahrzehnt geschaffen wurde, ist die Grundlage einer Lebensqualität, die heute als Standard gesehen wird.

Das nach Kriegsende völlig entmilitarisierte Deutschland wurde in den Fünfzigern zur Nahtstelle zwischen Westen und Osten - zwischen Kapitalismus und Kommunismus. Während in den Vereinigten Staaten die Angst vor den Kommunisten umging und Senator Joseph McCarthy das amerikanische Volk polarisierte, wurde Bundeskanzler Konrad Adenauer vom Westen zur Wiederbewaffnung gedrängt. Deutschland musste bei einer Eskalation schnell militärisch handlungsfähig sein. Trotz innenpolitischer Proteste, ließ Adenauer Pläne zu einer Armeegründung ausarbeiten. Zudem hoffte der Bundeskanzler auf eine Aufnahme in die NATO und das Wiedererlangen der deutschen Souveränität. Nachdem die NATO 1954 die Bundesrepublik aufnahm, traten im Winter 1955 101 freiwillige Soldaten ihren Dienst an. Konrad Adenauer verbuchte trotz vieler Differenzen politische Erfolge - so stärkte das Volk dem Christdemokraten auch 1957 den Rücken. Adenauer gewinnt die Wiederwahl mit 50,7 Prozent. Sein Besuch in Moskau, in dem er die Freilassung der letzten deutschen Kriegsgefangenen in der Sowjetunion erwirkt, tut sein übriges. Die Mehrheit der Deutschen zeigt sich zufrieden mit der westdeutschen Politik.

In der DDR dagegen ging es stetig bergab: Das ostdeutsche Volk demonstrierte im Juni 1953 gegen die Erhöhung der Arbeitsnormen - mehr Arbeit bei gleichem Lohn, sollte nach Meinung der DDR-Führung einen schnelleren Wiederaufbau bringen. Bei der Demonstration starben 51 Menschen, die sich zuvor auch für freie Wahlen aussprachen.
In der Bundesrepublik fühlte man sich wohl - so wurde es zumindest in Zeitung und Rundfunk gezeigt. Es wurde gekauft und für "dolce vita" nach Italien gereist, Rock'n'Roll getanzt und Weltmeister geworden. Deutschland war zurück auf der Weltbühne, ganz ohne Sebelrasseln, Panzer und Gebrüll. Innerhalb der Gesellschaft war man sich der neuen Entwicklung bewusst, sah sie aber auch kritisch. So sang Kabarettist Wolfgang Neuss im „Lied vom Wirtschaftswunder":
Jetzt gibt's im Laden Karbonaden schon und Räucherflunder
Jetzt kommt das Wirtschaftswunder
Jetzt kommt das Wirtschaftswunder
Der deutsche Bauch erholt sich auch und ist schon sehr viel runder
Jetzt schmeckt das Eisbein wieder in Aspik
Ist ja kein Wunder nach dem verlorenen Krieg

Oder Kurt Feltz im „Konjunktur Cha cha cha":
Man ist, was man is(s)t nicht durch den inneren Wert,
den kriegt man gratis, wenn man Straßenkreuzer fährt
man tut, was man tut nur aus dem Selbsterhaltungstrieb,
denn man hat sich nur selber lieb.

Der kapitalistische Egoismus, der in den Liedzeilen mitschwingt, ist in den 1950ern für viele eine Nebensache. Nach den Jahren der Zerstörung und Leides gab es viel aufzuholen. Das Angebot war riesig. So rollte 1955 der einmillionste VW Käfer vom Fließband. Die Hausfrau, die dem Ehemann eine Gute sein sollte, spielte diese Rolle in den eigenen vier Wänden in Perfektion. So wurde sie zum Werbe-Star und propagierte Produkte wie Waschmittel oder Haushaltsgeräte. Die Hausfrau, Mutter und Ehefrau sollte eine gute Ergänzung zum Ehemann sein, daheim wie außer Haus. Mutter und Kinder reihten sich lediglich um den Nucleus „Ehemann" - den Kern der Familie. Eine strikte Konstellation, die den Kindern dieser Zeit nur wenig Platz gab. Ihrer Unzufriedenheit gaben sie Ausdruck in einer wachsenden sehr amerikanischen Jugendkultur. Filmhelden wie James Dean oder Rock'n'Roller wie Elvis Presley und Bill Haley wurden zu Idolen einer Generation. Eltern waren empört über die „Negermusik" in den Hitparaden. Die Jugend liebte es aber in engen Jeans mit der Hüfte zu wippen. Auch das Kino erfreute sich in den Nachkriegsjahre immer größerer Beliebtheit: In „Die Halbstarken" (1956), der deutschen Adaption zu Deans „... denn sie wissen nicht, was sie tun" (1955), erlangt die deutsche Schauspielerin Karin Baal ihren Durchbruch. Gemeinsam mit Horst Buchholz spielt sie die Rolle missverstandener Jugendlicher.

Unabhängig von Alter und Geschlecht jubelten alle Deutschen bereits zwei Jahre zuvor, als der „Chef" Sepp Herberger die deutsche Nationalmannschaft in Bern zum Weltmeisterschaftstitel führte. Ein wundervolles Gefühl für die junge Nation, die sich angesichts der nationalsozialistischen Verbrechen nur langsam versuchte neu zu definieren.
Der deutsche Weg aus der NS-Zeit schien durchweg positiv, doch auch fremdgeleitet. So zerrten Westen und Osten am entzweiten deutschen Volk, was sich so stetig voneinander entfernte. Prosperität und Pluralität auf der Westseite, eine bereits im Keim erstickte Wirtschaft und graue Einheitlichkeit auf der anderen. Mit der NS-Vergangenheit im Hinterkopf wuchsen in den fünfziger Jahren Menschen heran, die sich im folgenden Jahrzehnt mit Minderheiten solidarisieren, und dem Amerikanismus und der Steifheit ihrer vorangegangene Generation entsagen sollten.

(Text: Felix Klabe)

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