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Weltenbummler / Süden 21.01.09

Bewaffnete Paradiese

Text: Stefanie Helbig

Über den täglichen Kampf zwischen Arm und Reich
Die drei Freiburger Praktikantinnen hatten besonders großes Glück: Sie wurden in ihren ersten zwei Wochen in Namibia gleich drei Mal bestohlen. Bei dem ersten Überfall wurde eine von ihnen mit einem Messer verletzt - Die Beute: drei Euro.

In Mondesa, dem Township von Swakopmund, verdient eine Person durchschnittlich 80 Euro im Monat. Davon muss sie oft die ganze Familie versorgen. Noch schlimmer ist es für Nkandi*. Jeden Abend sammelt sie Samen, von Gräsern, Blumen, Früchten. Morgens um sieben setzt sie sich an die Autobahn hinter der Hauptstadt Windhoek und verkauft sie in kleinen Beuteln. Ihr Arbeitstag dauert bis 17 Uhr. Dann sammelt sie wieder für den nächsten Morgen. Ihr Erlös: Etwa 2,30 Euro, wenn es gut läuft drei Euro - pro Woche. Davon ernährt sie acht Kinder. Das neunte wächst gerade in ihrem Bauch heran.

Die Häuser der Weißen hat sie noch nicht oft gesehen. Und selbst, wenn sie davor stünde, würde sie sie kaum erkennen. Denn die Weißen leben in Festungen. Mauern, mindestens zwei Meter hoch, mit scharfen Spitzen an der Kante. Darüber Elektrozaun. Oder Stacheldraht. Meistens beides. In dieser Mauer ist ein Tor, das nur auf ein bestimmtes Signal reagiert.

So auch bei Bryn, irischer Praktikant im Umweltministerium des westafrikanischen Staates. Hat er die erste Mauer überwunden, kommt noch ein Tor in einer kleineren Mauer. Danach eine Tür, und noch eine Tür. Insgesamt hat er sechs Schlüssel. Einen für jedes Tor und jede Tür, einen für die Zimmertür, die er auch abschließen muss und einen für den Safe, in den er nach all den Sicherheitsvorkehrungen seine Wertsachen einschließen muss.

Hinter den Mauern liegen die schönsten Häuser. Gelb gestrichen, mit roten Fensterrahmen, umschlossen von Blumen, in denen sich Schmetterlinge tummeln, und Rasen, der dank Sprenklern immer grün bleibt. Aber diese kleinen Paradiese liegen im Dauerschatten der grauen Mauern. An der Straßenseite dieser Mauern hängen Schilder wie „Armed Response". Deutliche Zeichen, dass man sich bewaffnet hat in diesem Kampf von Arm gegen Reich.

Die offiziellen Kriminalitätsstatistiken von Windhoek sind nicht zuverlässig. Denn viele Opfer trauen sich nicht, zur Polizei zu gehen. Dort muss man in einem Formular seine Adresse angeben. Und wenn sie darin erst einmal steht, ist die Wahrscheinlichkeit nicht gering, dass die Polizisten sie für zehn Euro an Bekannte verkaufen. Denn auch viele Polizisten sind arm. Selbst die Sicherheitsmänner vor den Bankautomaten sprechen ihre Kunden auf fünf Dollar „für etwas zu essen" an. Wer soll da dem Freund und Helfer oder den Securitymännern vertrauen?

Vanessa Schröder hat es versucht. Die Frankfurterin arbeitet ein halbes Jahr lang in einer Grundschule in Katutura, dem Township der Hauptstadt. Auf ihrem Heimweg wurde sie kurz vor ihrer Haustür im reichen Windhoek-Central von zwei Männern angehalten und mit einem Messer bedroht. Sie konnte sich befreien und in einem Auto flüchten. Auch sie hatte Angst davor, ihre Adresse bei der Polizei preiszugeben. „Aber wie soll ein Staat funktionieren, wenn niemand Verbrechen meldet?", fragte sie sich. Also ging sie zum Revier, und wurde schnell auf den Boden der Tatsachen zurückgeworfen. „Sie haben Sie nur bedroht?", fragte die Polizistin. „Aber sie haben Sie nicht verletzt?" Einen versuchten Raub mit einem Messer erachtete sie als nicht aufnahmewürdig. Vanessa hat ihr das Nummernschild aufgeschrieben und ihr das Versprechen abgerungen, den Besitzer zu suchen. Es sei doch nur ein Handgriff am Computer. Nachdem sie zwei Tage lang nichts von der Polizei gehört hatte, rief sie an. Der Mann am Telefon meinte, die Notiz sei nicht mehr auffindbar. Sie hat ihm das Kennzeichen noch einmal gegeben. Seitdem hat sie nichts mehr von ihm gehört.

Der tägliche Kampf wird weitergehen.


* Der Name wurde von der Redakion geändert

(Autorin: Stefanie Helbig)

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