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Gesellschaft / Meinungen 04.02.09

"Liegestützen im Schlamm"

Text: Anna Franz

back view-Umfrage: Von Soldaten, weiblichen Hauptmännern, Zivis und Pazifisten
Studenten erzählen von ihren eigenen Erfahrungen als Soldat, von Frauen beim Bund und Bekannten, die der Dienst verändert hat. Herausgekommen sind vollkommen unterschiedliche Einschätzungen und Betrachtungsweisen des Themas Bundeswehr.

christianChristian studiert Tiermedizin in Hannover im 1. Semester, kommt eigentlich aus Westfalen in der Nähe von Düsseldorf, und hat einen Bruder, der im Kosovo war: „Mein Bruder war für ein halbes Jahr im Kosovo und er wurde sehr doof in der Bundeswehr. Er war als Funker da stationiert und musste den Kontakt zu Deutschland aufrechterhalten. Nach seinem Grunddienst hat er ein halbes Jahr im Ausland drangehängt, ich glaube wegen des Geldes. Meiner Meinung nach wurde sein Denken sehr reduziert, aber danach hat er sich wieder gefangen. Das war bestimmt einer der Gründe, warum ich lieber Zivi gemacht habe. Ich will nicht ausgebildet werden, um potenziell Menschen zu töten.
Frauen beim Bund sind ok, es ist ja ein Beruf wie jeder andere. Ich kenne allerdings keine Soldatin. Von meinen Kumpels ist etwa die Hälfte zur Bundeswehr gegangen, die anderen haben verweigert. Die Reaktionen waren immer unterschiedlich, einer war aber echt begeistert von den Waffen und vielleicht auch von den klar gegliederten Strukturen."


Daniela, Ausbildung zur Chemisch-technischen Assistentin in Duisburg, hat eine Freundin beim Bund:
„Eine Freundin von mir hat nach ihrer CTA-Ausbildung keine Stelle gefunden und dann ist sie halt zum Bund gegangen. Jetzt ist sie erst seit ein paar Wochen da, aber sie ist begeistert. Sie ist mit vier anderen Soldatinnen auf einem Zimmer, also muss sie schon mal nicht mit lauter Kerlen zusammen wohnen. Die Jungs sind aber nicht ihr Problem, sie hatte schon immer eine ziemlich große Klappe und wird sich da schon durchbeißen. Nach ihren neun Monaten Dienst, zu dem sie verpflichtet ist, hat sie einen 8-Jahres-Vertrag unterschrieben, als Sanitäter. Die Übungen gefallen ihr auch gut, klar ist der Drill schon mal hart, und das Gehirn lässt man am besten am Eingangstor zurück. Mal sehen, ob es ihr in zwei Monaten noch immer gefällt - für mich wäre es nichts."


friederikeFriederike, studiert Tiermedizin in Hannover im 1. Semester, redet jetzt lieber mit ihrem Nachbarn:
„Ein Nachbar von mir war beim Bund. Dem tat das ganz gut. Sein Charakter hat sich während der Zeit verändert, zum Positiven, wie ich finde. Wenn ich mich mit ihm unterhalte, ist es einfach angenehmer. Früher war er ein exzessiver Computer-Zocker, jetzt kellnert er in einer Bar. Aber vielleicht hat es auch gar nichts mit dem Bund zu tun. Vielleicht sind wir  beide einfach nur älter geworden.
Ich wäre nie im Leben zum Bund gegangen. Ich halte nichts von dem Motto „Bewaffnet für den Frieden". Es gibt für Konflikte doch sicher auch eine gewaltfreie Lösung. Es gibt eh zu viele Leute, die mit Waffen umgehen können, und sie für die falschen Dinge einsetzen. Allerdings finde ich gut, dass man umsonst bei der Bundeswehr studieren kann. Die Ausbildung soll auch ziemlich gut sein."


danielDaniel wohnt normalerweise in Wesel, ist gerade beim Bund und in Koblenz stationiert:
„Ich habe mich für einen neunmonatigen Dienst bei der Bundeswehr entschieden, weil ich mal was anderes machen wollte. Jeder verweigert, ich wollte das nicht. Die ersten Wochen waren schon hart, man wird angeschrieen, muss Liegestütze im Schlamm machen, so wie man sich das halt vorstellt. Vorher habe ich gedacht, Bundeswehr ist ein bisschen wie Krieg spielen, und ich wurde nicht sehr enttäuscht. In den ersten drei Monaten lernt man auch mit einer Waffe umzugehen. Als ich zum ersten Mal mit richtig scharfen Patronen geschossen habe, musste ich schon schlucken. Aber mit der Zeit verliert man die Beziehung dazu, man denkt nicht, jetzt gleich könnte ich töten, sondern man versucht einfach, das Ziel zu treffen. Trotzdem bin ich froh, dass ich nicht in den Auslandsdienst muss.
Viel Sport
Im Moment ist es echt chillig, ich bin bei den Netzadministratoren, das ist mit meinem Abi im Computer-Bereich ideal. Ich brenn hin und wieder mal ne CD oder ne DVD, das war's. Ich finde es toll, dass man so viel Sport machen kann. Sogar wenn ich im Dienst bin, kann ich ohne Probleme mal ein, zwei Stunden laufen gehen. Das wird gefördert.
Frauen beim Bund
Gegen Frauen beim Bund habe ich nichts. Von 120 Soldaten in der Grundausbildung waren zwei Soldatinnen. Die eine hat ständig rumgenörgelt, ihr Rucksack sei zu schwer. Sowas nervt mich dann. Klar können Frauen zum Bund gehen, aber dann sollen sie auch zupacken können und den gleichen Teil leisten wie alle anderen. Für Mädchen-Allüren ist da kein Platz. Letztens habe ich in der Kaserne zum ersten Mal einen weiblichen Hauptmann gesehen. Das ist dann schon was."

ninaNina studiert Musik im 1. Semester in Münster, glaubt, dass viele keinen Bock auf Bund haben:
„Ich kenne viele Leute, die aus Glaubensgründen verweigert haben. Einer kam aus einer sehr gläubigen Familie, die anderen hatten glaube ich nur keinen Bock auf Bund. Inzwischen gibt's ja sogar so ein Schreiben, das man ausfüllen kann. Für jemanden, der sportlich ist und keine Abneigung gegen die Grundausbildung hat, lohnt es sich bestimmt, zum Bund zu gehen. Es ist sogar ziemlich cool, da zu studieren, weil alles bezahlt wird und die Ausbildung echt gut ist."



kristaKrista studiert im 1. Semester Tiermedizin in Hannover, hätte lieber einen Zivi als Freund:
„Mein Freund ist bei der Bundeswehr. Ich bin nicht so begeistert davon, weil ich Pazifist bin. Ich hätte es lieber gesehen, wenn er Zivi gemacht hätte. Im Endeffekt ist es aber ganz praktisch, weil er umsonst Bahn fahren darf, so kann er jedes Wochenende zu mir kommen. Ich selber habe nie dran gedacht, zum Bund zu gehen, weil meine Einstellung wie gesagt nicht dazu passt. Außerdem habe ich ein Problem damit, einen Befehl ohne nachzufragen auszuführen."



moneSimone studiert Skandinavistik in Bonn im 1. Semester, findet Frauen beim Bund ungerecht:
„Ein guter Freund von mir ist beim Bund. Es ist wohl ziemlich hart, so wenig Privatsphäre zu haben: Er wohnt mit fünf Leuten in einem Raum. Da gerät man schon mal aneinander. Er war in einer harten Kaserne für die Grundausbildung und hatte für kurze Zeit sogar überlegt aufzuhören, aber mittlerweile gefällt's ihm sehr gut.
Für mich wäre der Bund keine Alternative gewesen, ich engagiere mich auch eher sozial. Wenn ich mich entscheiden müsste, hätte ich auf jeden Fall Zivi gemacht. Allgemein finde ich es gut, dass Frauen jetzt auch zum Bund können. Aber es ist unfair, dass Männer prinzipiell dahin müssen, und Frauen sich aussuchen können, ob sie dahin wollen. Ich finde, es wäre gerechter, wenn jeder eine Grundausbildung machen müsste, oder halt Zivi als Ersatz."

(Text und Fotos Anna Franz)

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