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Gesellschaft / Zeitgeschichte 25.03.09

Das "Menschenvolk"

Text: Timo Brücken

Die leidvolle Geschichte der Navajo
Mit eigener Regierung und eigenen Gesetzen lebt der größte Indianerstamm der USA heute wieder im Gebiet seiner Vorfahren. Das ist ungewöhnlich unter den amerikanischen Ureinwohnern und bis dahin war es buchstäblich ein weiter Weg.


Die Vorfahren der Diné, wie die Navajo sich selbst nennen und was soviel bedeutet wie „Menschenvolk", kamen im 16. Jahrhundert über die Beringstraße nach Amerika. Die früheren Nomaden wurden im Südwesten der USA sesshaft, wo sich heute die Bundesstaaten Arizona, New Mexico, Utah und Colorado treffen. In den trockenen Canyons der Gegend legten sie Felder an, die man „navahuu" nannte - daher stammt ihr heutiger Name.

Die Navajo lebten nicht lange in Frieden: Als immer mehr spanische und später auch amerikanische Siedler in den Südwesten des Kontinents kamen wurde deren Vieh zu einer immer stärkeren Konkurrenz für ihre eigenen Tiere. Im Konflikt um Weideplätze kam es immer wieder zu Gewalt, 1860 sogar zum Krieg zwischen Indianern und US-Armee. Die Navajo schlugen sich erstaunlich gut gegen die Soldaten, die schließlich wegen des amerikanischen Bürgerkrieges abziehen mussten. Doch es war nur ein vorübergehender Sieg: Die Rache der Weißen folgte schnell. Die US-Regierung hatte beschlossen, die Navajo in ein Reservat namens „Bosque Redondo" zu bringen und schickte Truppen, die die Indianer zusammentrieben und ihre Dörfer zerstörten. Eine kleine Gruppe Diné schaffte es, zu flüchten, und verschanzte sich im Canyon de Chelly. Diese schwer zugängliche Schlucht hatten sie bis dahin für uneinehmbar gehalten. Mit ihrer überlegenen Feuerkraft richtete die amerikanische Armee hier jedoch ein Massaker an, dass nur wenige überlebten.

Exil und Rückkehr
Mit der Niederlage vom Canyon de Chelly begann das dunkelste Kapitel in der Geschichte der Navajo - der sogenannte „Lange Marsch". Im Winter 1864 mussten die Überlebenden zu Fuß den über 500 Kilometer langen Weg zum Reservat antreten. Viele verhungerten oder erfroren unterwegs oder wurden von den Weißen zurückgelassen, weil sie zu schwach waren, weiter zu laufen. In „Bosque Redondo" mussten die Navajo mit ihren früheren Erzfeinden, den Mescalero-Apachen, zusammenleben. Das Land war beinahe unfruchtbar und man hatte es kurz vorher gerodet, sodass es weder genug Nahrung noch Baumaterial gab. General Carleton, Überwacher des Reservat nannte das „ein großartiges Experiment, aus den Wilden zivilisierte Wesen zu machen". Im Exil würden die Indianer ihre alte Lebensweise verlieren und lernen, wie Weiße zu sein, stellte er begeistert fest. Erst als Hunger und Krankheiten einige Jahre lang um sich gegriffen hatten und tausende Indianer geflohen oder tot waren, sah die amerikanische Regierung ihren Fehler ein. Im Jahre 1868 verhandelte sie mit den übriggebliebenen Häuptlingen und erlaubte den Navajo schließlich unter Einschränkungen, in ihre alte Heimat zurückzukehren. Der Stamm musste ab sofort in festen Grenzen leben, durfte keine Waffen mehr tragen und die Kinder sollten nur noch weiße Schulen besuchen.

Zwischen Tradition und Moderne
An den Vertrag von 1868 halten sich die Navajo bis heute. In ihrem sich über vier Bundestaaten erstreckenden Rerservat - der „Navajo Nation" - leben über 300.000 Menschen. Damit sind die Diné die größte Gruppe US-amerikanischer Ureinwohner. In der Hauptstadt Window Rock residiert der Stammesrat, eine eigene Regierung, die aktuell von Präsident Joe Shirley angeführt wird. Navajo-Justiz und -Polizei wachen über die Einhaltung der eigenen Regeln, die im Reservat ausnahmslos für jeden gelten - auch für Besucher von außerhalb. Zum Beispiel ist der Genuss von Alkohol streng verboten.

Bis heute übersteigt der durchschnittliche Lebensstandard der Navajo kaum das Sozialhilfeniveau, obwohl man in Ihrem Reservat reiche Öl- und Uranvorkommen gefunden hat. Weil diese Rohstoffe aber fast ausschließlich von großen amerikanischen Unternehmen ausgebeutet werden, haben die Indianer nur sehr wenig von Ihren Bodenschätzen. Nach außen hin leben viele im Reservat „typisch amerikanisch": Sie fahren große Pick-Up-Trucks, kleiden sich modern und essen gerne Fast Food. Innerlich sind sie jedoch oft zerissen zwischen ihren Traditionen und dem „American Way Of Life": Vor allem unter den Jüngeren drohen die Sprache und die alten Mythen langsam verloren zu gehen, oft verkommen sie zu reiner Folklore für die Touristen. Allerdings ist der Tourismus neben der Landwirtschaft auch die wichtigste Einnahmequelle für die Navajo. Sehenswürdigkeiten wie das Monument Valley locken jährlich Tausende ins Reservat und viele Indianer halten sich mit dem Verkauf des beliebten Silber- und Türkisschmucks oder traditioneller Teppiche und Sandmalereien über Wasser. Ein weiterer wichtiger Wirtschaftszweig sind die Kasinos - heute fast schon ein typisches Indianer-Klischee. Aber dafür gibt es einen einfachen Grund: Im extrem religiösen Südwesten der USA gilt das Glückspiel in der Bevölkerung als unmoralisch. In die Spielhöllen Ihrer indianischen Nachbarn gehen viele Amerikaner jedoch gern.
Bis zu dem größtenteils selbstbestimmten Leben, das sie heute führen, war es für die Navajo ein weiter Weg - im wahrsten Sinne des Wortes. Dennoch teilen sie das Schicksal vieler Urvölker auf der ganzen Welt: Sie sind Gefangene im eigenen Land.

(Text: Timo Brücken)

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