Gesellschaft / Zeitgeschichte 25.03.09
Text: Denise Kotulla
Wie soll man diese "Urbevölkerung" nur nennen?
Vorlesungsatmosphäre: Blätter rascheln, Kugelschreiber kratzen und aus den hinteren Reihen dringt leises Getuschel hervor. Die Professorin kämpft mal wieder mit ihrem Mikrophon, damit auch jeder der circa 50 Anthropologie-Studenten der Fach- und Theoriegeschichte folgen kann. Ein schrilles Fiepen in den Lautsprecherboxen erweckt die Kursteilnehmer wieder aus ihren Tagträumen.
Eine Meldung irgendwo vorne rechts zieht die Aufmerksamkeit der Dozentin auf sich. Eine kurze Frage, die eine lange Diskussion nach sich zieht: Die müden Augen wirken interessierter, die Hände stützen nicht mehr die Köpfe sondern sprießen im ganzen Vorlesungssaal in die Luft. Fast jeder will seine Meinung dazu beitragen, wie man sie denn nun bezeichnet... diese Völker, die zwar nicht so sind wie wir, aber man will ja auch nicht sagen unterentwickelt... oder doch? Na ja, eben diese Stämme in Afrika und so.
Der Rest der Vorlesung ist gelaufen. Die Theorien von Lévy-Strauss und Durkheim sind nicht mehr interessant. Die Professorin gibt ihre kläglichen Versuche Aufmerksamkeit zu erhalten auf und lässt uns Studenten diskutieren. Schließlich wird es nicht das letzte Mal sein, dass wir mit dieser Frage konfrontiert werden.
Diskussionsstoff liefert das Thema „Urvölker" sicherlich genug. Will man das Problem allerdings eindeutig klären, so muss man feststellen, dass das gar nicht so einfach ist. Gibt man den Begriff „Urvölker" beispielsweise bei Wikipedia ein, so wird man automatisch auf die Seite mit der Definition für „indigene" oder „autochthone" Völker hingewiesen. Wie kommt das? Ein Begriff, der so geläufig ist, wird auf dem allwissenden, uns so häufig aus der Patsche ziehenden und rasch zur Weisheit führenden Wikipedia nicht erklärt? Drei Zeilen werden der „Urbevölkerung" auf dieser Seite bloß gewidmet. Man wird mit der Erklärung, dass der Begriff eigentlich nur eine Originalbevölkerung bezeichne, welche im anthropologischen Sinne die Neandertaler wären, vertröstet. Aber wenn „Urvölker" nun kein zutreffender Begriff ist, welcher denn dann? „Indigene" oder „autochthone" Völker klingen ja ganz nett, aber weiß auch jeder, was damit gemeint ist? Ist das für die Alltagssprache nicht ein wenig hoch gegriffen? Wir sprechen doch auch immer nur von „Menschen" und nicht von „Homo Sapiens".
Also wenn „Urvölker" nicht angebracht ist, dann muss man halt eine Alternative finden. Was ist denn mit „Stämme", würde die Bezeichnung passen? Auf Wikipedia wird der Begriff ausführlich als Untereinheit eines Volkes definiert. Damit wäre das Problem ja geklärt. Alle Völker, die also nicht unserem Zivilisationsstandard entsprechen sind Stämme.
Damit stimmt der dtv-Atlas der Ethnologie allerdings nicht überein. Bezieht man sich auf das Buch, so wird dem Begriff „Stamm" heutzutage eine negative Konnotation zugeschrieben, da früher damit Menschengruppen bezeichnet wurden, die als weniger weit entwickelt betrachtet wurden, als die westliche Gesellschaft. Und da man heute ja auf keinen Fall diskriminierend sein möchte, wird dieses Wort lieber gar nicht mehr in den Mund genommen. Das Gleiche gilt auch für „Eingeborene". Der Begriff wurde in der Vergangenheit ebenfalls abfällig verwendet und ist daher für eine heutige Konversation nicht mehr angebracht. Das heißt für alle: Schnell ein geschocktes Gesicht aufsetzen, wenn jemand anderes ins Fettnäpfchen tritt und ihm das böse Wort aus Versehen über die Lippen rutscht.
Nächste Möglichkeit: „Naturvölker". Das klingt doch nett. Völker die sich mit der Natur verbunden fühlen, da kann doch nun wirklich nichts verkehrt gehen. Falsch gedacht! Mit dem Wort „Naturvolk" wird zwar genau das Gegenteil von negativ verbunden, trotzdem sollte man es aber nicht verwenden. Der Begriff hat nämlich eine romantisierende Wirkung, die ein Volk als rein und in Harmonie mit der Natur versteht. Zusätzlich wird diesen „Edlen Wilden" allerdings jede Form von Kultur aberkannt, was heutzutage verständlicherweise als diskriminierend betrachtet wird. Also auch die „Naturvölker" müssen wieder vergessen werden, denn damit wird man sich nicht viele Freunde machen.
Schließlich könnte einem noch einfallen, diesen bestimmten Schlag von Menschen als eine „Rasse" zu definieren. Biologisch mag der Begriff ja korrekt sein, in den Sozialwissenschaften wird er jedoch kritisch beäugt. Zu verdanken ist dies der Zeit des Nationalsozialismus, als Menschen bestimmten „Rassen" zugeordnet und damit entweder als gut oder als schlecht betrachtet wurden. Vor diesem Hintergrund ist es wirklich nicht mehr akzeptabel den Begriff weiterhin zu verwenden. Menschen sollten nicht kategorisiert werden - schon gar nicht nach ihrem Wert oder ihrer Wichtigkeit.
Bei diesen Gedanken stellt sich die Frage, warum wir überhaupt einen Überbegriff für Völker brauchen, die eine andere Art von Kultur und Zivilisation haben? Wenn wir alle gleichwertig sind und keiner höher oder niedriger entwickelt ist, warum müssen wir dann die Völker in beispielsweise Afrika oder Südamerika anders bezeichnen? Können diese Völker überhaupt jemals in unserer Gesellschaft als gleichwertig angesehen werden, wenn wir weiterhin andere Wörter für sie verwenden?
Fakt ist, für die Wissenschaft braucht man einen eindeutigen Begriff. Heutzutage verwendet man dafür „indigene" oder „autochthone" Völker. Daran ist nichts rassistisch und nichts abfällig. Im Alltag können die Wörter auch problemlos verwendet werden. Wem das zu blöd sein sollte, kann es ganz simpel auf „Volk" beruhen lassen. Wenn man sich aber spezieller und trotzdem nicht diskriminierend ausdrücken möchte, dann verwendet man am besten den Namen, den sich das Volk selber gibt. Schließlich machen wir das doch mit „Amerikanern" und „Franzosen" auch.
(Text: Denise Kotulla)
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