back view Schrift

Weltenbummler / Norden 25.03.09

Die Inuit - Das Volk vom Polarkreis

Text: Kristin Heck

inuit1Ein Blick auf die kanadische Urbevölkerung
Das Volk der Inuit, weitläufig auch bekannt unter dem Namen „Eskimo", ist wohl eine der bekanntesten indigenen Bevölkerungsgruppen. Weltweit gehören rund 120.000 dieser Ethnie an und etwa die Hälfte von ihnen lebt in Kommunen im arktischen Norden Kanadas.


Jeder von uns hat es schon gemalt, sei es im Kindergarten oder in der Schule: das Bild vom Iglu und dem Hundeschlitten davor. Und obwohl dieses Klischee nicht mehr zeitgemäß ist, war es doch ein langer Weg vom Iglu zur Holzhütte und vom Hundeschlitten zum Schneemobil. Ähnlich lang wie der Weg vom „Eskimo" zum „Inuit". Seit einigen Jahren wird der Begriff „Eskimo", der in Inuktitut „Fleischfresser" bedeutet, nicht mehr benutzt und wurde durch die stammeseigene Bezeichnung „Inuit" ersetzt, was den Begriff „Menschen" bezeichnet.

Nun ist er da, der Fortschritt, der Einfluss der westlichen Zivilisation und mit ihm all seine Vor- aber auch Nachteile. Wie die Inuit diesen Spagat meistern, weiß Dr. Ansgar Walk aus Bielefeld zu berichten, der sich schon seit über 15 Jahren mit der Kultur der Inuit beschäftigt:  „Die Inuit wollen keineswegs auf Errungenschaften einer „westlichen Zivilisation", also den technischen Fortschritt, verzichten. Zugleich pflegen sie traditionelles Erbe, so oft dies möglich ist - und zwar intensiver, als das bei uns etwa mit der Pflege von „Volksbrauchtum" geschieht." Die Traditionen der Inuit seien vielfältig, so Walk, sie würden sowohl das Jagen, als auch das Erinnern an das frühere Leben „on the land", also im Camp mit Zelt, Iglu und Qarmaq (Erdsodenhaus) und als Nomaden beinhalten. Dies findet man sowohl in mündlichen Übermittlungen als auch in Kunstwerken aus den verschiedensten Materialien. Im Gegensatz zu einigen anderen indigenen Völkern gibt es jedoch keine „Inuit-Literatur", da  Schreibmaterialien erst mit den Weißen Anfang des 20. Jahrhunderts zu dem Volk im hohen Norden kamen.

inuit2Die Rolle des Glaubens
Mit den Weißen kam auch das Christentum, das auch die Ureinwohner annahmen. Zuvor hatten sie dem Schamanentum (Animismus) angehört, das mit vielen Restriktionen verbunden war, aus diesem Grund war die Missionierung sogar bis zu einem gewissen Grad befreiend. So bilden die Inuit auch hier eine Ausnahme, denn bei vielen indigenen Völkern war der Missionierungsversuch alles andere als friedlich und befreiend. Der damit häufig verbundene Verlust des eigenen Kulturguts blieb jedoch nie aus. Auch bei den Inuit wird sich diese Beeinträchtigung wohl nicht verhindern lassen. Jedoch glaubt Dr. Walk, dass sich der Verlust dort auf Grund der Intensität, mit der die kanadischen Inuit ihren Traditionen nachgehen in Grenzen halten wird.

Wenn man jedoch das Bevölkerungswachstum der indigenen Völker vergleicht, wird einem Auffallen, dass bei den Inuit sogar ein rascher Anstieg zu verzeichnen ist. Zurzeit kommen im Territorium Nunavut etwas mehr als ein Bewohner pro 100 Quadratkilometer und dass bei einer Fläche, die sechsmal so groß ist wie Deutschland. Doch bis zum Jahr 2016 soll die Inuit-Bevölkerung etwa um ein Drittel anwachsen. Ein Grund für den Fortbestand von Kultur und Volk ist sicherlich die hohe Anpassungsfähigkeit der Inuit. Diese kommt ihnen nicht nur bei klirrender Kälte, sondern auch im sozialen Gefüge der Gesellschaft zugute.

Schwierigkeiten durch die fehlende Bildung
Aber auch wenn sich die Inuit schnell an die fremdartigen Kultureinflüsse anpassen konnten, in der Wirtschaft gelang es ihnen nicht. „Exportfähige Produkte wie Robbenfelle oder Walross-Elfenbein unterliegen in den USA und in Europa Importrestriktionen", erklärt Dr. Ansgar Walk, „und Jagdprodukte wie Karibufleisch und Fischereiprodukte lassen sich nur schwer gewinnbringend exportieren." So kommt es, dass immer mehr Inuit in ganz normalen Berufen tätig sind, die aufgrund der doch mangelhaften Schulbildung für sie allerdings keine Jobs mit guter Bezahlung sind. „Zwar herrscht in Nunavut allgemeine Schulpflicht, doch besteht ein Mangel an weiterbildenden Schulen, was wegen geringer Bevölkerungszahl auch nur schwer zu verbessern ist." Weiterbilden könnten sich die Jugendlichen nur im Süden des Landes, deshalb schicken einige Familien ihre Kinder in Internate. Das ist jedoch aus finanziellen Gründen für viele Inuit oft keine wirkliche Option.

inuit3Ein weiteres Problem, wohl auch in Verbindung mit der zunehmenden Arbeitslosigkeit, stellen Suchterkrankungen dar. Während früher die Menschen im hohen Norden eher den Launen von Wind und Wetter ausgesetzt waren, sind es nun Alkohol und Zigaretten, die ihnen das Leben erschweren. Hinzukommen auch die sogenannten „Zivilisationskrankheiten", wie Herz- und Kreislauferkrankungen und Diabetes, die auf Grund der „typisch amerikanischen Ernährung", sprich Fast-Food, auch bei den Inuit vermehrt auftreten.

Die Verbundenheit zur Natur
Doch all diese Probleme täuschen nicht darüber hinweg, dass die Inuit uns „zivilisierten Betonwüsten-Bewohnern" etwas voraus haben - ihre Verbundenheit zu Mutter Erde. „Selbstverständlich hat ein Volk, dessen Kultur vom Jagen geprägt wurde, was sich auch in spirituellem Hintergrund und in Mythen ausdrückt, eine andere Beziehung zur Natur als wir Europäer, die wir seit Jahrhunderten von Landschafts- und Agrikultur beeinflusst wurden", erklärt Dr. Ansgar Walk. Außerdem, so beschreibt Walk weiter, wäre das Volk außergewöhnlich gastfreundlich. Aus ihren Besuchen in Nunavut ergaben sich dauerhafte Freundschaften und ein tiefes Verständnis für die Kultur, da Dr. Ansgar Walk und seine Frau Ulrike fast ausschließlich bei Inuit-Familien Unterschlupf fanden. „Tief beeindruckt hat uns auch die Kraft künstlerischen Gestaltens, die bei den Inuit stark verwurzelt und sehr verbreitet ist."
Überhaupt war es die Kunst, wodurch das Ehepaar Walk auf das Volk aufmerksam wurde: „Der Schlüssel zu den Inuit war für uns deren Kunst. Der Inuit-Kunst sind wir, damals Sammler moderner europäischer Kunst, 1994 in Winnipeg erstmals begegnet und waren so fasziniert, dass wir beschlossen, die Künstler an ihrem Wirkungsort aufzusuchen - 1995 Erstbesuch von Nunavut."

inuit4Die Faszination an der Arktis, aber auch an ihren Bewohnern hat Dr. Ansgar Walk seitdem nicht mehr losgelassen. So fing der pensionierte Rentner an, sich als Schriftsteller zu betätigen. Die Recherche war harte Arbeit, jedoch die Sprachbarriere nicht so groß wie vielleicht anzunehmen wäre: Mit Englisch, einigen Brocken Inuktitut und guten Übersetzern lief die Kommunikation nahezu reibungslos. Eine wichtige Rolle spielte dabei auch die bedeutende Künstlerin Kenojuak Ashevak, (geboren 1927) mit der sich das Ehepaar wochenlang Abend für Abend über deren Leben unterhielt - immer das Aufnahmegerät im Anschlag. Das Ergebnis ist eine Reihe von Büchern über die Inuit, ihre Leben, ihre Kultur, aber auch andere Arktisbewohner wie die „Nanuk", bei uns auch besser als Eisbären bekannt.

Denn trotz allen Fortschrittes leben die Inuit auch heute noch im Einklang mit der Natur, immer noch Tür an Tür mit dem „Nanuk" und den Karibus. Sie schaffen es, beides unter einen Hut zu bringen. Dank ihrer hervorragenden Anpassungsfähigkeit gehen sie auf die Jagd (und in den Supermarkt) und erzählen ihre Mythen bei gemeinsamen Lagerfeuerabenden (und im Radio). Vielleicht sind wir ihnen noch in einigen Dingen voraus, doch wir dürfen nicht vergessen, dass auch die Inuit uns in manchen Sachen voraus sind. So akzeptieren sie sich von Anbeginn der Zeit als einen Teil der Natur, nicht mehr und nicht weniger - etwas, dass uns zivilisierten Menschen bis heute schwer fällt.


Die back view Redaktion bedankt sich bei Dr. Ansgar Walk für den spannenden Einblick in seine jahrelange Forschung und Arbeit und hofft, dass er und seine Frau gemeinsam noch viele Jahre ihre Freunde in der Arktis besuchen können.

(Text: Kristin Heck / Fotos: Dr. Ansgar Walk)

Kommentare

avatar melani mauler
-2
 
 
ich find sowas seher interissant so welche thema aber so was muss noch ausführlicher beschrieben
B
i
u
Quote
Code
List
List item
URL
Name *
E-Mail (für Bestätigungen & Antworten)
URL
Code   
ChronoComments by Joomla Professional Solutions
Kommentar abschicken
Abbrechen
B
i
u
Quote
Code
List
List item
URL
Name *
E-Mail (für Bestätigungen & Antworten)
URL
Code   
ChronoComments by Joomla Professional Solutions
Kommentar abschicken
bleibt in kontakt mit back view

google-logo-plus-0fbe8f0119f4a902429a5991af5db563
meinvztwitter_

Titelthema Archiv

16. Mai 2012
noch offen
02. Mai 2012
18. April 2012
04. April 2012
21. März 2012
07. März 2012
22. Februar 2012
08. Februar 2012
25. Januar 2012
11. Januar2012
28. Dezember 2011
14. Dezember 2011
Das Jahr 2011
30. November 2011
16. November 2011
02. November 2011
Tag des Mannes
19. Oktober 2011
05. Oktober 2011
21. September 2011
07. September 2011
24. August 2011
10. August 2011
27. Juli 2011
13. Juli 2011
29. Juni 2011
15. Juni 2011
01. Juni 2011
18. Mai 2011

04. Mai 2011
Olympia 2018 in München

20. April 2011
Soziales Netzwerken

06. April 2011
Studierende und ihre Probleme

23. März 2011
Deutschland im Wahlfieber

09. März 2011
Müll dieser Welt

23. Februar 2011
Wir lieben, was ihr hasst!

09. Februar 2011
Arabische Welt in Aufruhr

26. Januar 2011
Hungersnot

12. Januar 2011
Die reformierte Bundeswehr

29. Dezember 2010
Jahresrückblick

15. Dezember 2010
Weihnachtsspecial

01. Dezember 2010
Sinn des Lebens

17. November 2010
Castortransporte

03. November 2010
Generation Praktikum

20. Oktober 2010
Stigmata der Jugend

06. Oktober 2010
Aufbruch ins Studium

22. September 2010
9 / 11

08. September 2010
200 Jahre Oktoberfest

25. August 2010
Armut

11. August 2010
Geschlechterrollen

28. Juli 2010
Dinge

14. Juli 2010
Rauchen

30. Juni 2010
Freizeitpark-Test

16. Juni 2010
Bundespräsidentenwahl

02. Juni 2010
Fußball-WM in Südafrika

19. Mai 2010
Raum & Identität

05. Mai 2010
Russland

21. April 2010
Organisierte Kriminalität

07. April 2010
Wandel des Klimas

24. März 2010
Krise unterm Kreuz?

10. März 2010
Liebe 2.0

24. Februar 2010
Junge Verlage

10. Februar 2010
Olympia in Vancouver

27. Januar 2010
Kinder dieser Welt

13. Januar 2010
Geheimbünde

30. Dezember 2009
Jahresrückblick

06. November 2009
Weihnachtsspecial

02. Dezember 2009
Über das Altwerden

08. November 2009
Krieg

04. November 2009
20 Jahre Mauerfall

21. Oktober 2009
Atomenergie

07. Oktober 2009
Mythos oder Wahrheit?

23. September 2009
Bundestagswahl 2009

09. September 2009
Fälschungen

26. August 2009
Soziales Deutschland?

12. August 2009
Stars von morgen

29. Juli 2009
Sieht so unsere Zukunft aus?

15. Juli 2009
40 Jahre Mondlandung

01. Juli 2009
Endstation Bildung

17. Juni 2009
Sexualität

03. Juni 2009
Europawahl

20. Mai 2009
60 Jahre Bundesrepublik

06. Mai 2009
Kindersoldaten

22. April 2009
Umweltverschmutzung

08. April 2009
Nichtregierungsorganisationen

25. März 2009
Ureinwohner dieser Welt

11. März 2009
Die Weltwunder

18. Februar 2009
Fastnacht

04. Februar 2009
Die Deutsche Bundeswehr

21. Januar 2009
Das Afrika der Gegenwart

31. Dezember 2008
Der große Jahresrückblick

17. Dezember 2008
Weihnachten in ...

03. Dezember 2008
AIDS

19. November 2008
Psychische Volkskrankheiten

05. November 2008
Präsidentschaftswahl USA

22. Oktober 2008
Politischer Extremismus

08. Oktober 2008
Jugend am Abgrund

24. September 2008
Social Networking

10. September 2008
Krisenregionen

27. August 2008
Organspende

13. August 2008
Erneuerbare Energien

30. Juli 2008
Olympia in Peking

16. Juli 2008
Die Pressefreiheit

02. Juli 2008
Der Tod

18. Juni 2008
Bachelor vs. Diplom

04. Juni 2008
Fußball-EM

21. Mai 2008
Homosexualität

07. Mai 2008
Folgen des NS-Regimes

23. April 2008
WWW wird 15

09. April 2008
Tibet

26. März 2008
Obdachlosigkeit

12. März 2008
US-Vorwahlen

27. Februar 2008
Unser Gehirn

13. Februar 2008
Die Sekte

15. Januar 2008
68er... und dann?

© 2007-2012 back view