Gesellschaft / Brennpunkte 08.04.09
Text: Timo Brücken
Die Tierrechtsaktivisten von PETA
Es gibt zwei Arten von Vegetariern: Den einen geht es bloß um ihre Figur oder das eigene Wohlbefinden, denn Fleisch ist ja bekanntlich ungesund und macht dick - zumindest in rauhen Mengen. Die anderen verzichten wiederum aus moralischen Gründen darauf. Sie finden es nicht richtig, dass Tiere für das, was auf ihrem Teller landet, gequält oder getötet werden.
Zur zweiten Gruppe kann man die Mitglieder von PETA zählen, der weltweit wohl bekanntesten Organisation, die sich für die Rechte von Tieren einsetzt. Die NGO wurde 1980 in den USA gegründet und hat heute über 2 Millionen Unterstützer rund um den Globus. PETA steht für „People for the Ethical Treatment of Animals" - kümmert sich also um den ethisch einwandfreien Umgang mit Tieren, aber was ist damit genau gemeint?
Die Anhänger von PETA verstehen sich selbst als Tierrechtler und nicht als Tierschützer im herkömmlichen Sinne. Das heißt, sie stellen die Rechte der Tiere auf die gleiche Ebene wie die der Menschen. Ihrer Meinung nach sollen diese Rechte nicht eingeschränkt werden, egal ob ein Tier dem Menschen einen Nutzen bringt oder nicht. Für „einfache" Tierschützer sei der Mensch aber trotz allem ein übergeordnetes Wesen, heißt es. Überhaupt unterscheidet man bei PETA nicht zwischen Mensch und Tier - zumindest nicht im traditionellen Sinn: Es gibt nur Tiere - aber eben menschliche und andere.
Über Pelzträger und Tierversuche
Das Programm der Aktivisten erschöpft sich beim Vegetarismus aber noch lange nicht: Pelzträger werden genauso energisch bekämpft wie beispielsweise Tierversuche oder die Zirkushaltung. Das Mittel zum Zweck sind dabei vor allem die Medien. Die Kampagnen von PETA zielen auf die größtmögliche Öffentlichkeitswirkung und Provokation, um Politiker, Unternehmen und den Bürger auf der Straße zu erreichen. Da verteilen schon mal leicht bekleidete Polizistinnen auf der Düsseldorfer Luxusmeile „Mode-Strafzettel" an Pelzträgerinnen oder mit Kunstblut verschmierte Aktivisten protestieren gegen das Robbenschlachten in Kanada. Ein weiteres Standbein sind die Plakat- und Videoaktionen: Berühmte PETA-Unterstützer wie Paul McCartney oder Pink lassen sich als überzeugte Vegetarier für Poster ablichten und Playboy-Models bekennen freimütig, lieber nackt als im Pelzmantel auf die Straße zu gehen. Das Prinzip „sex sells" scheint man bei PETA jedenfalls verinnerlicht zu haben - was nicht immer gut ankommt: Feministinnen finden manche Kampagnen frauenfeindlich und ein Werbespot mit dem Slogan „Vegetarier haben den besseren Sex" wurde unlängst aus dem Programm für den US-Superbowl genommen. Schießt PETA also im Kampf für die Rechte der Tiere manchmal übers Ziel hinaus?
In Deutschland sorgte vor fünf Jahren eine Kampagne mit dem Namen „Der Holocaust auf Ihrem Teller" für Aufsehen: Auf den Plakaten wurden Bilder aus der Massentierhaltung und den Konzentrationslagern der Nazis gegenübergestellt. Dieser direkte Vergleich zwischen industrieller Tierhaltung und den Gräueln des Zweiten Weltkriegs ging vielen zu weit. Der Zentralrat der Juden in Deutschland protestierte, in mehreren Gerichtsverfahren wurde die Kampagne als Volksverhetzung verurteilt und schließlich verboten. Im Februar 2009 versuchte PETA vergeblich mit einer Verfassungsbeschwerde Widerspruch einzulegen, das Bundesverfassungsgericht prüfte sie aber erst gar nicht. Aber die Tierrechtler wollen sich nicht so einfach geschlagen geben; bald soll es vor dem Europäischen Gerichtshof weitergehen.
Die Animal Liberation Front
Nicht nur ihrer eigenen Radikalität wegen, sondern auch wegen Verbindungen zu einer anderen, viel extremeren Gruppe steht PETA in der Kritik: Die Animal Liberation Front (ALF) sorgt mit illegalen Aktionen für Aufsehen und gilt in den USA als Terrorgruppe. Das Spektrum reicht angeblich vom Befreien von Tieren aus Versuchslaboren, über Sachbeschädigungen bis hin zu Drohungen und Anschlägen gegen Mitarbeiter bestimmter Unternehmen oder Institute. PETA selbst hat sich der absoluten Gewaltlosigkeit verschrieben, hält aber zum Beispiel die Sachbeschädigungen der ALF für legitim, solange dabei niemand zu Schaden kommt. Außerdem tauschen beide Gruppen angeblich selbst gedrehte Videos aus, die Beweise für Tierquälerei liefern, und PETA soll die juristische Verteidigung einiger militanter Aktivisten finanzieren.
Auf diese Weise bewegt sich die Tierrechtsorganisation wie die verschiedensten Aktivisten auf der ganzen Welt auf dem schmalen Grat zwischen Legalität und Ethik. Radikalität kann die eigene Sache voranbringen, ihr aber auch sehr leicht schaden. PETA hat deswegen in der heutigen medialisierten Welt einen Mittelweg gewählt: Den kalkulierten Skandal mit Kunstblut und nackter Haut.
(Text: Timo Brücken / Foto: www.peta.org)
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