back view Schrift

Politik / International 22.04.09

Wo der Mensch des Menschen Wolf ist

Text: Timo Brücken

tt_back_viewDie schmutzigsten Orte der Welt
„Der Mensch ist eine Krankheit, das Geschwür dieses Planeten." - so formulierte es der berühmte Agent Smith im Film „Matrix". Wir seien die einzige Säugetierart, die ihren eigenen Lebensraum ausbeute und unbewohnbar mache, anstatt im Gleichgewicht mit ihrer Umwelt zu leben, stellte er angeekelt fest. Das klingt drastisch, aber in der Realität gibt es Orte, die vom Menschen so stark verseucht wurden, dass man sich wünscht, sie existierten nur im Inneren einer Computersimulation. Zwei davon sind La Oroya und Dserschinsk.

Top-Ten-Listen gibt es für viele Dinge: Bücher, Kinofilme oder Klingeltöne. Aber die Liste der zehn schmutzigsten Orte der Welt ist wahrscheinlich weniger bekannt. Das amerikanische Blacksmith Institute erhebt sie regelmäßig zusammen mit dem Internationalen Grünen Kreuz. In dieser Liste finden sich Städte, die durch Menschenhand zu gesundheitsgefährdenen, ja sogar lebensfeindlichen Orten geworden sind. „In diesen Städten werden Kinder krank und sterben, aber es wäre keine große Wissenschaft, etwas dagegen zu tun", stellte Richard Fuller, Gründer und Direktor von Blacksmith, fest. Seine Umweltschutzorganisation hat es sich genau wie das Grüne Kreuz zum Ziel gesetzt, auf der ganzen Welt kontaminierte Orte zu finden und die Gefahrenquellen zu beseitigen.

Die „Bleikinder" von La Oroya
In 3750 Meter Höhe, in der kargen Landschaft der peruanischen Anden liegt La Oroya. In der Stadt am Mantaro-Fluss leben rund 50.000 Menschen und sie ist einer der giftigsten Orte der Welt. Der Abbau von Blei, Kupfer, Zink und Silber machte La Oroya seit Anfang des 20. Jahrhunderts zum unangefochtenen Bergbauzentrum von Peru. Zahlreiche Minenschächte durchziehen die umliegenden Berge, die Schornsteine der Schmelzhütten überragen die Stadt und hüllen sie in einen ständigen Nebel.

Das Blacksmith Institute geht davon aus, dass nahezu jeder Bewohner La Oroyas durch eines der Schwermetalle oder die bei der Verarbeitung frei werdenden Chemikalien kontaminiert ist. Schon vor zehn Jahren stellte das peruanische Gesundheitsministerium fest, dass 99 Prozent der Kinder, die hier leben, eine Bleikonzentration im Blut haben, die alle Grenzwerte sprengt. Sie erreicht das Dreifache des Standards der Weltgesundheitsorganisation, um genau zu sein. Diese „Bleikinder" seien in ihrer normalen Entwicklung stark beeinträchtigt, weil das Metall ihr Nervensystem und Organe wie Leber oder Nieren angreife, stellte die Menschenrechtsorganisation FIAN dazu fest.

Eigentlich müssen sich alle Bergbaufirmen gegenüber dem peruanischen Staat dazu verpflichten, in den Umweltschutz zu investieren, bevor sie eine Mine, eine Hütte oder gleich eine ganze Stadt kaufen. Das tat auch die Firma Doe Run als sie 1997 die Anlagen in La Oroya übernahm. Seitdem ist jedoch nichts passiert. Immer wieder beantragte das Unternehmen laut FIAN einen Aufschub der Fristen für die Umweltschutzmaßnahmen. Dagegen regte sich in der Stadt, in Peru und in der ganzen Welt starker Protest. Doch Doe Run machte unmissverständlich klar, wer am längeren Hebel sitzt. Laut einem Hintergrundpapier zum Deutschen Katholikentag, der sich 2006 mit dem Thema befasste, drohte das Unternehmen protestierenden Arbeitern mit der Schließung der Anlage. Diese schlugen sich daraufhin aus Angst um ihren Arbeitsplatz auf die Seite der Firma. Mittlerweile unterhält Doe Run eine eigene Website über seine Aktivitäten in Peru, auf der von  zahlreichen Projekten zur Verbesserung der Lage in La Oroya die Rede ist. Dort ist die Rede von einer „Mission" und „Vision".

190 Chemikalien im Grundwasser
Im kalten Krieg wurden sie gebaut, um vielleicht irgendwann den Klassenfeind im Westen zu treffen. Dazu kam es glücklicherweise nie. Aber heute - nach dem Fall des Eisernen Vorhangs - richten die Chemiewaffen aus Dserschinsk großen Schaden in der eigenen Bevölkerung an. Als die Sowjetunion noch bestand, war die russische Stadt ihre größte Produktionsstätte für chemische Waffen. Dieses Erbe tragen die Menschen in Dserschinsk bis heute.

Das städtische Umweltamt gab gegenüber Blacksmith an, zwischen 1930 und 1998 seien schätzungsweise rund 300.000 Tonnen Chemikalienabfälle aus den Waffenfabriken unsachgemäß entsorgt worden. Ungefähr genau so viele Menschen wie Tonnen sind dadurch bis heute geschädigt. Zum Beispiel schrumpfte die Lebenswerwartung der Dserschinsker enorm: Frauen werden im Durchschnitt noch 47 Jahre alt, Männer nur 42. Viele werden krank durch das verseuchte Trinkwasser, in dem sich sage und schreibe 190 verschiedene gefährliche Chemikalien finden lassen, darunter Senfgas und Blausäure. Aber damit nicht genug: Die Gifte gelangen auch in den Fluss Oka, aus dem die Nachbarstadt Nischni Nowgorod ihr Trinkwasser bezieht. Auf diese Weise hat der Bau von Waffen gegen einen äußeren Feind letztendlich nur die Bewohner zweier Städte im eigenen Land getroffen.

Alle Städte auf der Blacksmith-Liste liegen in sogenannten Entwicklungs- oder Schwellenländern, keine einzige in einer westlichen Industrienation. Es sind Orte, die wie Dserschinsk ihre besten Zeiten bereits hinter sich haben oder an denen sich wie in La Oroya das Streben nach mehr noch immer manifestiert. Diese Länder wollen mehr Industrie, mehr Arbeitsplätze, mehr Konsum. Man könnte meinen, sie versuchen den Vorsprung, den die reichen Länder in Jahrhunderten aufgebaut haben, mit einem Sprung aufholen. Doch zu welchem Preis?

(Text: Timo Brücken)

Kommentare

B
i
u
Quote
Code
List
List item
URL
Name *
E-Mail (für Bestätigungen & Antworten)
URL
Code   
ChronoComments by Joomla Professional Solutions
Kommentar abschicken
bleibt in kontakt mit back view

google-logo-plus-0fbe8f0119f4a902429a5991af5db563
meinvztwitter_

Titelthema Archiv

16. Mai 2012
noch offen
02. Mai 2012
18. April 2012
04. April 2012
21. März 2012
07. März 2012
22. Februar 2012
08. Februar 2012
25. Januar 2012
11. Januar2012
28. Dezember 2011
14. Dezember 2011
Das Jahr 2011
30. November 2011
16. November 2011
02. November 2011
Tag des Mannes
19. Oktober 2011
05. Oktober 2011
21. September 2011
07. September 2011
24. August 2011
10. August 2011
27. Juli 2011
13. Juli 2011
29. Juni 2011
15. Juni 2011
01. Juni 2011
18. Mai 2011

04. Mai 2011
Olympia 2018 in München

20. April 2011
Soziales Netzwerken

06. April 2011
Studierende und ihre Probleme

23. März 2011
Deutschland im Wahlfieber

09. März 2011
Müll dieser Welt

23. Februar 2011
Wir lieben, was ihr hasst!

09. Februar 2011
Arabische Welt in Aufruhr

26. Januar 2011
Hungersnot

12. Januar 2011
Die reformierte Bundeswehr

29. Dezember 2010
Jahresrückblick

15. Dezember 2010
Weihnachtsspecial

01. Dezember 2010
Sinn des Lebens

17. November 2010
Castortransporte

03. November 2010
Generation Praktikum

20. Oktober 2010
Stigmata der Jugend

06. Oktober 2010
Aufbruch ins Studium

22. September 2010
9 / 11

08. September 2010
200 Jahre Oktoberfest

25. August 2010
Armut

11. August 2010
Geschlechterrollen

28. Juli 2010
Dinge

14. Juli 2010
Rauchen

30. Juni 2010
Freizeitpark-Test

16. Juni 2010
Bundespräsidentenwahl

02. Juni 2010
Fußball-WM in Südafrika

19. Mai 2010
Raum & Identität

05. Mai 2010
Russland

21. April 2010
Organisierte Kriminalität

07. April 2010
Wandel des Klimas

24. März 2010
Krise unterm Kreuz?

10. März 2010
Liebe 2.0

24. Februar 2010
Junge Verlage

10. Februar 2010
Olympia in Vancouver

27. Januar 2010
Kinder dieser Welt

13. Januar 2010
Geheimbünde

30. Dezember 2009
Jahresrückblick

06. November 2009
Weihnachtsspecial

02. Dezember 2009
Über das Altwerden

08. November 2009
Krieg

04. November 2009
20 Jahre Mauerfall

21. Oktober 2009
Atomenergie

07. Oktober 2009
Mythos oder Wahrheit?

23. September 2009
Bundestagswahl 2009

09. September 2009
Fälschungen

26. August 2009
Soziales Deutschland?

12. August 2009
Stars von morgen

29. Juli 2009
Sieht so unsere Zukunft aus?

15. Juli 2009
40 Jahre Mondlandung

01. Juli 2009
Endstation Bildung

17. Juni 2009
Sexualität

03. Juni 2009
Europawahl

20. Mai 2009
60 Jahre Bundesrepublik

06. Mai 2009
Kindersoldaten

22. April 2009
Umweltverschmutzung

08. April 2009
Nichtregierungsorganisationen

25. März 2009
Ureinwohner dieser Welt

11. März 2009
Die Weltwunder

18. Februar 2009
Fastnacht

04. Februar 2009
Die Deutsche Bundeswehr

21. Januar 2009
Das Afrika der Gegenwart

31. Dezember 2008
Der große Jahresrückblick

17. Dezember 2008
Weihnachten in ...

03. Dezember 2008
AIDS

19. November 2008
Psychische Volkskrankheiten

05. November 2008
Präsidentschaftswahl USA

22. Oktober 2008
Politischer Extremismus

08. Oktober 2008
Jugend am Abgrund

24. September 2008
Social Networking

10. September 2008
Krisenregionen

27. August 2008
Organspende

13. August 2008
Erneuerbare Energien

30. Juli 2008
Olympia in Peking

16. Juli 2008
Die Pressefreiheit

02. Juli 2008
Der Tod

18. Juni 2008
Bachelor vs. Diplom

04. Juni 2008
Fußball-EM

21. Mai 2008
Homosexualität

07. Mai 2008
Folgen des NS-Regimes

23. April 2008
WWW wird 15

09. April 2008
Tibet

26. März 2008
Obdachlosigkeit

12. März 2008
US-Vorwahlen

27. Februar 2008
Unser Gehirn

13. Februar 2008
Die Sekte

15. Januar 2008
68er... und dann?

© 2007-2012 back view