back view Schrift

Politik / Deutschland 03.11.09

Die Mauer in unseren Köpfen

Text: Julia Jung

tt_back_viewteaser_jungGescheiterte Einheit versus „blühende Landschaften"
Die Mauer ist weg - seit genau 20 Jahren. Doch ist sie auch aus unseren Köpfen verschwunden? Sind wir und „die da drüben" tatsächlich eine Einheit oder ist die Wiedervereinigung in Wahrheit gescheitert? Blühen die Landschaften in den neuen Bundesländern nun, so wie es Helmut Kohl einst prophezeite? Ein Kommentar zeigt verschiedene Betrachtungsweisen.


Die Unterschiede sind da
Der Osten ist heidnischer, ärmer und unbürgerlicher als der Westen. Das behaupten zumindest überzeugte Gegner der „Schönfärberei", wenn es um eine Bilanz der Wiedervereinigung zwischen den beiden ehemaligen Staaten geht. Laut ihnen ist diese gnadenlos gescheitert und nur ein Produkt derjenigen, die der Realität nicht ins Auge sehen können. Und in der Tat lassen sich einige Unterschiede erkennen. Es sind nicht nur die wirtschaftliche Lage oder das „Wohlstandsgefälle", es ist vor allem die Mentalität, die Differenzen schafft. Während Jugendliche im Westen zur Kommunion oder Konfirmation gehen, wird im Osten teilweise immer noch die Jugendweihe vollzogen. Eine schwelende Ostalgie mancher überzeugten Sozialisten, die sich nach den „guten alten Zeiten" sehnen, stößt zwar auf Unverständnis im Westen, doch die Enttäuschung der Ostdeutschen über die bisherige Entwicklung ist nicht ganz unbegründet. Laut Statistiken ist die Armutsgefahr im Osten immer noch am Größten und der Abstand des Durchschnittsvermögens zwischen Ost und West wächst weiter.
text_jung
Aller Anfang ist schwer
Dass das Projekt Wiedervereinigung nicht einfach werden würde, war klar. Aus zwei Staaten mach` einen. Klingt toll. Wohin aber mit der Planwirtschaft der DDR? Wohin mit dem Rückstand und der Wachstumsschwäche? Wohin mit fehlender Motivation und Innovation? Egal. Hauptsache ein Staat. Immerhin kam es ja anschließend auch zu einigen Fortschritten. Aber der „Wohlstandsschere" war man sich vor allem im Osten dennoch stets bewusst. Als „Bürger zweiter Klasse" fühlte sich manch einer aus den neuen Bundesländern und das Stimmungstief im Osten nahm zu. Ist das Projekt Wiedervereinigung also gescheitert? Gibt es immer noch verhärtete Fronten? Wohl kaum. Auch wenn aller Anfang schwer war, näherten sich die unterschiedlichen Werte und Vorstellungen doch einander an. Ebenso erreichte der Lebensstandard im Osten punktuell das Niveau des Westens, zum Beispiel bei der technischen Ausstattung des Haushaltes. Sehen wir es also einmal wie eine Ehe, die mit ihren Aufgaben wächst. Beide Partner sind zunächst überglücklich, ja sogar euphorisch, dann kommen die Probleme auf und es wird nicht so einfach wie gedacht, aber gemeinsam gehen sie durch dick und dünn... Wie romantisch. Naja, ganz so ist es dann vielleicht doch nicht. Alles nur schwarz reden bringt jedoch auch nicht viel. Natürlich bestehen noch Unterschiede, aber diese sind vielen gar nicht mehr bewusst.

Neue Generationen schaffen neue Perspektiven
Für die heutigen Heranwachsenden ist die DDR nur noch Geschichte und mit dieser können sie nicht mehr viel anfangen. Fragt man einen 15-Jährigen, was er denn über die Zeit des geteilten Deutschlands weiß, zuckt dieser meist nur mit den Schultern. Im Geschichtsunterricht wird lieber in jeder Jahrgangsstufe dreimal das Thema Nationalsozialismus behandelt, als die neuere Geschichte. Super, könnte man meinen, da trägt das Bildungssystem einwandfrei zum Vergessen und Verdrängen bei. Das kann aber auch nicht der richtige Weg sein. Es gibt Ungleichheiten zwischen Ost und West, soziale wie wirtschaftliche, die auch benannt werden dürfen und sollen. Wir sind nun mal noch nicht in der vollständigen inneren Einheit angelangt. Diese Tatsache als Tabu lieber nicht zu erwähnen bringt nichts. Ossis und Wessis sind verschieden und das nicht nur im Bezug auf Spreewald-Gurken oder Rotkäppchen-Sekt. Aber genau diese Dinge zeichnen sie jeweils  aus. Individualitäten müssen nicht aufgegeben werden, Akzeptanz ist das Zauberwort. Somit lässt sich abschließend sagen, dass es wohl noch dauern wird, bis die komplette innere Einheit erreicht ist. Aber die blühenden Landschaften lassen sich durchaus erkennen. Sowohl in den äußeren Anzeichen als auch in den Herzen.


(Text: Julia Jung / Foto: Stefan Franke by jugendfotos.de)

Kommentare

B
i
u
Quote
Code
List
List item
URL
Name *
E-Mail (für Bestätigungen & Antworten)
URL
Code   
ChronoComments by Joomla Professional Solutions
Kommentar abschicken
bleibt in kontakt mit back view

google-logo-plus-0fbe8f0119f4a902429a5991af5db563
meinvztwitter_

Titelthema Archiv

16. Mai 2012
noch offen
02. Mai 2012
18. April 2012
04. April 2012
21. März 2012
07. März 2012
22. Februar 2012
08. Februar 2012
25. Januar 2012
11. Januar2012
28. Dezember 2011
14. Dezember 2011
Das Jahr 2011
30. November 2011
16. November 2011
02. November 2011
Tag des Mannes
19. Oktober 2011
05. Oktober 2011
21. September 2011
07. September 2011
24. August 2011
10. August 2011
27. Juli 2011
13. Juli 2011
29. Juni 2011
15. Juni 2011
01. Juni 2011
18. Mai 2011

04. Mai 2011
Olympia 2018 in München

20. April 2011
Soziales Netzwerken

06. April 2011
Studierende und ihre Probleme

23. März 2011
Deutschland im Wahlfieber

09. März 2011
Müll dieser Welt

23. Februar 2011
Wir lieben, was ihr hasst!

09. Februar 2011
Arabische Welt in Aufruhr

26. Januar 2011
Hungersnot

12. Januar 2011
Die reformierte Bundeswehr

29. Dezember 2010
Jahresrückblick

15. Dezember 2010
Weihnachtsspecial

01. Dezember 2010
Sinn des Lebens

17. November 2010
Castortransporte

03. November 2010
Generation Praktikum

20. Oktober 2010
Stigmata der Jugend

06. Oktober 2010
Aufbruch ins Studium

22. September 2010
9 / 11

08. September 2010
200 Jahre Oktoberfest

25. August 2010
Armut

11. August 2010
Geschlechterrollen

28. Juli 2010
Dinge

14. Juli 2010
Rauchen

30. Juni 2010
Freizeitpark-Test

16. Juni 2010
Bundespräsidentenwahl

02. Juni 2010
Fußball-WM in Südafrika

19. Mai 2010
Raum & Identität

05. Mai 2010
Russland

21. April 2010
Organisierte Kriminalität

07. April 2010
Wandel des Klimas

24. März 2010
Krise unterm Kreuz?

10. März 2010
Liebe 2.0

24. Februar 2010
Junge Verlage

10. Februar 2010
Olympia in Vancouver

27. Januar 2010
Kinder dieser Welt

13. Januar 2010
Geheimbünde

30. Dezember 2009
Jahresrückblick

06. November 2009
Weihnachtsspecial

02. Dezember 2009
Über das Altwerden

08. November 2009
Krieg

04. November 2009
20 Jahre Mauerfall

21. Oktober 2009
Atomenergie

07. Oktober 2009
Mythos oder Wahrheit?

23. September 2009
Bundestagswahl 2009

09. September 2009
Fälschungen

26. August 2009
Soziales Deutschland?

12. August 2009
Stars von morgen

29. Juli 2009
Sieht so unsere Zukunft aus?

15. Juli 2009
40 Jahre Mondlandung

01. Juli 2009
Endstation Bildung

17. Juni 2009
Sexualität

03. Juni 2009
Europawahl

20. Mai 2009
60 Jahre Bundesrepublik

06. Mai 2009
Kindersoldaten

22. April 2009
Umweltverschmutzung

08. April 2009
Nichtregierungsorganisationen

25. März 2009
Ureinwohner dieser Welt

11. März 2009
Die Weltwunder

18. Februar 2009
Fastnacht

04. Februar 2009
Die Deutsche Bundeswehr

21. Januar 2009
Das Afrika der Gegenwart

31. Dezember 2008
Der große Jahresrückblick

17. Dezember 2008
Weihnachten in ...

03. Dezember 2008
AIDS

19. November 2008
Psychische Volkskrankheiten

05. November 2008
Präsidentschaftswahl USA

22. Oktober 2008
Politischer Extremismus

08. Oktober 2008
Jugend am Abgrund

24. September 2008
Social Networking

10. September 2008
Krisenregionen

27. August 2008
Organspende

13. August 2008
Erneuerbare Energien

30. Juli 2008
Olympia in Peking

16. Juli 2008
Die Pressefreiheit

02. Juli 2008
Der Tod

18. Juni 2008
Bachelor vs. Diplom

04. Juni 2008
Fußball-EM

21. Mai 2008
Homosexualität

07. Mai 2008
Folgen des NS-Regimes

23. April 2008
WWW wird 15

09. April 2008
Tibet

26. März 2008
Obdachlosigkeit

12. März 2008
US-Vorwahlen

27. Februar 2008
Unser Gehirn

13. Februar 2008
Die Sekte

15. Januar 2008
68er... und dann?

© 2007-2012 back view