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Politik / Deutschland 16.06.10

Ein Kandidat "mitten im Leben"

Text: Julia Jung

tt_back_viewwulffPortrait Christian Wulff
Seit dem Rücktritt Horst Köhlers wird heftig spekuliert. Wer wird der neue deutsche Bundespräsident? Als Kandidat der Unionsparteien und der FDP geht der Ministerpräsident Niedersachsen ins Rennen: Christian Wulff. Was bringt der potentielle zehnte deutsche Bundespräsident mit sich? Ein Portrait über einen Kandidaten mit seinen Höhen und Tiefen.

Ursprünglich plante der heute 50-jährige gar nicht, Politiker zu werden. Er begann seine Laufbahn als Jurist und war zunächst als Rechtsanwalt tätig. Doch bereits mit 16 Jahren trat er der CDU bei und arbeitete sich langsam durch die verschiedensten Ämter.

Angefangen als Bundesvorsitzender der Schüler Union, lautet seine derzeitige Amtsbezeichnung Ministerpräsident des Landes Niedersachsen. Für diese Position bewarb er sich bereits 1994 und 1998, doch erst im Jahr 2003 gelang ihm der Durchbruch.

Endlich als politisches Oberhaupt des Bundeslandes gewählt, setzte er auch prompt zahlreiche Reformen durch. Von der Schulstrukturreform bis hin zur Verwaltungsreform - alles wurde umgewälzt. Nicht immer zu Freuden aller Beteiligten. So sorgte beispielsweise 2005 die geplante Streichung der pauschalen Blindengeldzahlung für mächtigen Aufruhr.

Privates Durcheinander
Privat kann Wulff ebenfalls auf eine ungewöhnliche Entwicklung zurückblicken. Seine Lebenswirklichkeit ist eine andere als die seiner Vorgänger. Seine Eltern ließen sich in seiner frühen Kindheit scheiden, als Jugendlicher musste er für die kranke Mutter sorgen. 19 Jahre lang war der katholische Wulff mit Ehefrau Christiane verheiratet, mit der er eine gemeinsame Tochter hat.

2008 heiratete Wulff dann erneut. Mit seiner zweiten Ehefrau Bettina hat er mittlerweile einen zweijährigen Sohn. Nicht gerade eine Bilderbuchbiographie. Wulff wertet diese Umstände im Bezug auf das mögliche künftige Amt positiv:„Natürlich ist das auch ein Zeichen, wenn das Staatsoberhaupt Kinder zwischen zwei und 16 Jahren hat, eine Trennung erlebt hat, die Sorgen von Alleinerziehenden kennt und um die Probleme von Geschiedenen zum Beispiel mit ihrer Kirche weiß. Ich würde als Präsident sicher mitten im Leben stehen."  

Ebenbürtiger Nachfolger Köhlers?
Der Anwärter für das Schloss Bellevue gilt gemeinhin als „Biedermeier der Politik", der sehr kontrolliert und überlegt handelt. Vorschnelle Entscheidungen oder Fehlpässe wie beim ehemaligen Bundespräsidenten Köhler sind bei ihm undenkbar.

Wulff kalkuliert, plant und agiert. Und er sorgt dafür, dass er bekommt, was er möchte. Im Gegensatz zu Köhler drängte er sich als schwarz-gelber Präsidentschaftskandidat geradezu auf. Obwohl er zuletzt in einem Interview der Meinung war "auf mich wartet in Berlin niemand", brachte er sich dann doch selbst ins Spiel und erhob Anspruch auf die Kandidatur.

Dabei ist sich noch nicht einmal die Regierung sicher, ob der kluge Taktiker, der bisher meist hinter den Kulissen handelte, für eine solch repräsentative Position geeignet ist. Er wäre der jüngste Amtsinhaber seit Gründung der Bundesrepublik. Aber wäre er auch ein guter Nachfolger Köhlers? Sicher ist: Er wäre nett. Aber reicht das aus?

Was will er als Bundespräsident erreichen?
Wulff formuliert bei dieser Frage klare Ziele. Ihm gehe es darum, „Menschen zu integrieren, Interessen auszugleichen und die richtigen Denkanstöße zu geben. Mein Thema ist „Zukunft". Konkreter: Jeder, der in Deutschland lebt, muss ein Angebot bekommen, mitzumachen. Keiner darf links liegen gelassen werden."

Wo er selbst künftig liegen wird, entscheidet sich am 30. Juni. Dabei stehen die Chancen recht gut, denn Schwarz-Gelb hat eine komfortable Mehrheit in der Bundesversammlung. Vielleicht entpuppt sich der smarte Politiker ja dann als einer, der mehr ist als nur nett. Vielleicht wird er aber auch die größte Wahl seines Lebens verlieren - wenn die Mitglieder der Regierungsparteien für den Außenseiter stimmen.

(Text: Julia Jung / Foto: Manos Radisoglou / jugendfotos.de)

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