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Politik / Deutschland 08.04.09

Was sind eigentlich NGOs?

Text: Konrad Welzel

Über Arbeit, Rolle und Probleme von Nichtstaatlichen Organisationen
Ohne demokratische Legitimation wollen weltweit Gruppierungen ihre Positionen durchsetzen und die vermeintlichen Interessen außenstehender Menschen vertreten. Als Teil der Zivilgesellschaft agieren NGOs meist als Lobbyisten und sind dennoch ein wichtiges Bindeglied zwischen beiden.


Der Begriff NGO - Non-governmental organization - wurde im Zuge der Rio-Konferenz 1992 geprägt und schuf eine verbindende Definition für alle Organisationen, die nicht an der Regierung selbst beteiligt sind, aber dort bestimmte Interessen vertreten. So kann die Bezeichnung von „Nichtstaatlichen Organisationen" generell sehr weit gefasst und auch auf Kirchen, Vereine oder Gewerkschaften übertragen werden. Heute verstehen wir jedoch meist mitgliederstarke, international tätige Interessengruppen als die eigentlichen Nichtstaatlichen Organisationen. Gerade im Zuge der rasanten Globalisierungsentwicklung nahm in den letzten Jahren auch die Anzahl an NGOs deutlich zu: Mittlerweile gehen Forscher von 25.000 Organisationen weltweit aus.

NGOs versuchen durch verschiedenste Mittel, nationale wie internationale Politik zu beeinflussen und die Gesellschaft für ihre Vorstellungen zu sensibilisieren. Viele widmen sich den Themen soziale Gerechtigkeit, Geschlechtergleichstellung, Umweltschutz sowie Friedenspolitik und Völkerverständigung.

Akteure der Zivilgesellschaft
NGOs sind weder von staatlichen Interessen abhängig, noch arbeiten sie gewinnorientiert. Sie sehen ihre Aufgabe darin, Themen aufzugreifen, die von der Politik nicht oder nur unzureichend behandelt werden. Jede Organisation sucht sich dabei ein eigenes Themenfeld, auf das sich ihre Arbeit konzentriert. Ein Ziel ist jedoch bei nahezu allen NGOs das gleiche: Auf breiter Basis eine Sensibilisierung für ihre Anliegen zu schaffen und somit Einfluss auf politische Entscheidungsträger oder Unternehmen zu nehmen.
So sind die NGOs der so genannten Zivilgesellschaft zuzurechnen. Die Zivilgesellschaft bildet neben Staat und Wirtschaft den so genannten "Dritten Sektor". Dabei wird ihr vielfach die Rolle einer Ausgleichskraft zugeschrieben. Bürger engagieren sich freiwillig und meist unentgeltlich. Je mehr Menschen sich ehrenamtlich engagieren, desto größer wird ihr Gestaltungsspielraum in Gesellschaft, Umwelt und Kultur. Ohne die freiwillige Arbeit zahlloser Mitglieder wären Aktionen, Logistik und Verwaltung der meisten nichtstaatlichen Organisationen undenkbar. Die Organisationen finanzieren sich über Spenden ("Fundraising") oder Mitgliederbeiträge.
Zwar gelten NGOs somit als autonom, aber nicht automatisch als demokratisch legitimiert. Man kann nirgendwo für bestimmte nichtstaatliche Organisationen votieren, auch ihre Vorstände und Sprecher werden intern nicht immer nach vollständig transparenten demokratischen Prinzipien ausgewählt.

Die Rolle der Medien und des Lobbyismus
Nichtstaatliche Organisationen beginnen ihre Arbeit ohne Rückendeckung von staatlichen Vertretern, und sie bleiben schwach, solange ihre Ziele von Regierungen oder Wirtschaftsunternehmen kaum oder gar nicht beachtet werden. Daher wählen zahlreiche NGOs den Umweg über die Medien, um Einfluss auszuüben und größere Wirkung zu erzielen. Vor allem die schnelle und unzensierte Verbreitung von Informationen und Kampagnen über das Internet ist dabei beliebt.

Die Organisationen versuchen meist, durch Medienpräsenz neue Mitglieder zu gewinnen und auf ihre Anliegen aufmerksam zu machen. Mit Erfolg: Wir nehmen NGOs heute vornehmlich über die Massenmedien wahr. Zur Prime Time flimmern Aufnahmen von Aktionen über den Bildschirm - das beste Beispiel hierfür sind sicher die Greenpeace-Aktionen gegen die Versenkung der von Shell betriebenen Ölplattform "Brent Spar" im Jahr 1995. Aktivisten der Gruppe besetzten damals die Plattform, was zu einem großen Medienecho und zahlreichen Boykottaufrufen führte. Als die Umsätze des Shell-Konzerns drastisch einbrachen, lenkten die Verantwortlichen ein und sagten zu, "Brent Spar" an Land zu entsorgen.

Doch nicht alle NGOs zielen auf öffentliche Aufmerksamkeit ab. Viele setzen bewusst auf diskrete Lobbyarbeit statt auf Medienwirkung. Regierungsvertreter und Parlamentarier werden gezielt angesprochen, was personell und finanziell nicht weniger aufwändig ist. Kontakte müssen aufgebaut und gepflegt werden, Vertreter müssen dauerhaft vor Ort präsent sein und sich eingehend mit den politischen Themen beschäftigen. Industrie- oder Unternehmerverbände verfügen über die dafür benötigten finanziellen und organisatorischen Mittel, die Lobbys von nichtstaatlichen Organisationen sind hingegen oft nicht so gut ausgestattet. In den letzten Jahren haben diese deshalb unterschiedlichste Strategien entwickelt. Zugute kommt ihnen dabei oft ihre große Sachkenntnis: NGO-Mitarbeiter werden als Sachverständige zu Gremien hinzugezogen und können dort ihre Sicht der Dinge vertreten. Damit lassen sich Anliegen ebenso gut verwirklichen wie über prestigeträchtige Kampagnen.

Funktion als Bindeglied
Die Globalisierung, wie wir sie heute kennen, wird vor allem durch international tätige Institutionen und Unternehmen vorangetrieben, die keiner direkten demokratischen Kontrolle unterliegen. Entscheidungen von Organisationen wie  dem Internationalen Währungsfonds werden von den nationalen Parlamenten nur bedingt legitimiert, greifen aber deutlich in die Souveränität ihrer Mitgliedsstaaten ein.
Nichtstaatliche Organisationen sind heute ein Bindeglied zwischen diesen globalen Entscheidungsträgern und den betroffenen Gesellschaften. Sie weisen darauf hin, was die jeweiligen Entscheidungen für einzelne Staaten bedeuten und welche Missstände daraus entstehen können. Und sie geben den Betroffenen in den Entscheidungsprozessen die Möglichkeit, ihre Interessen zu artikulieren - eine Möglichkeit, die auch in demokratischen Gesellschaften auf den offiziellen Wegen politischer Willensbildung leicht verloren geht.

(Text: Konrad Welzel)

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