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Sport / Fußball 02.06.10

Es hat keine Hose an

Text: Felix Klabe

Eine WM und ihre Maskottchentt_back_view
Jede Weltmeisterschaft hat ihr eigenes Maskottchen - die präsentieren den neuen Ball, sind bei der Eröffnung der Stadien und des Turniers dabei. Seit 1966 gibt es sie - also seit der WM, die durch das umstrittene Wembley-Tor der Engländer im Finale gegen die Deutschen noch vielen in Erinnerung ist. back view-Mitarbeiter Felix Klabe hat sich die zwölf XXL-Plüschtiere und die dazugehörige WM-Geschichte angeschaut.


1966

Die WM in England ist vielen durch das Wembley-Tor aus dem Finale England gegen Deutschland in Erinnerung. In der 101. Minute konnte der Brite Geoff Hurst den deutschen Schlussmann Hans Tilkowski überwinden und schoss den Ball unter die Latte, sodass er aus dem Tor heraussprang.

Das Schiedsrichtergespann gab das Tor, Deutschland öffnete die Abwehr und verlor schließlich mit 4:2 Toren. Es war der einzige WM-Titel für die Engländer. „Willie", der Löwe mit dem Unionjack als Trikot, brachte der Elf von der Insel also Glück.


1970

Großer Sombrero, zufriedenes Lächeln, drei Streifen auf dem Schuh: So sah das Maskottchen zur WM in Mexiko aus. Bei der WM fanden zehn Spiele im Aztekenstadion in Mexikostadt statt. In die Arena passten damals noch 110.000 Zuschauer. Nach Umbauten sind es aktuell nur noch 105.000 - dennoch ist es das drittgrößte Fußballstadion der Welt.

Gastgeber Mexiko überstand mit 5:0 Toren die Vorrunde, scheiterte aber im Viertelfinale gegen die „Squadra Azzura" aus Italien. Die Italiener unterlagen im Finale Brasilien, nachdem sie gegen Deutschland im Halbfinale gewonnen hatten. Für Mexiko war es eine großartige WM. Einzige Ausnahme: Bei den Feiereien in Brasilien starben mehrere Menschen.


1974

Die erste Weltmeisterschaft der Siebziger war unsere WM: „Tip" und „Tap" - die zwei Maskottchen der WM in Deutschland - brachten der Nationalmannschaft um Trainer Helmut Schön Glück. Trotz der Niederlage gegen die DDR durch den Treffer von Jürgen Sparwasser, gewannen Beckerbauer, Breitner und Co. gegen die Niederlande im Finale mit 2:1 Toren. Nachdem Breitner per Elfmeter ausglich, machte der „Bomber der Nation" Gerd Müller den Sieg im eigenen Land perfekt.

„Tip" und „Tap" waren nicht nur Glückbringer bei der WM, sie verbanden auch die neue TV-Kultur mit einem publikumswirksamen Event. Die beiden trolligen Figuren entsprachen zum einem dem Comic-Stil der Zeit und zum anderen orientierten sich die Zeichner an Ernie und Bert aus der Sesamstraße. Ein Jahr zuvor wurden die ersten Folgen der Kinderserie in die deutsche Sprache synchronisiert und ausgestrahlt. Die Namen „Tip" und „Tap" kennen viele vom Bolzplatz: Ein kleines Spiel, in dem sich die Kontrahenten schrittweise aufeinander zubewegen. Wessen Fuß am Ende unter dem des Gegners liegt, hat verloren. Der Gewinner darf mit der Teamwahl starten.

1978

„Gauchito", der kleine Junge mit den schwarzen Knopfaugen, war das Maskottchen bei der Weltmeisterschaft in Argentinien. Er trug das argentinischen Nationaltrikot und hat sein Vorbild in einem Volkshelden des Landes.

Die zweite WM auf dem südamerikanischen Kontinent entschieden die Gastgeber im Endspiel gegen die Niederlande beim 3:1 nach Verlängerung für sich. Der erste Titel bei der ersten WM im eigenen Land. Deutschland schied in der Zwischenrunde aus.


1982

„Naranjito", die kleine Orange im spanischen Jersey. Rote Wangen und ein zufriedenes Grinsen, er erhielt den Vorzug vor den wirklichen spanischen Volkshelden, wie Don Quijote aus der Mancha in Kastillien oder El Toro, dem Stier oder Stierkämpfer.

Auch in den Spielen bewiesen die Spanier keinen „stierischen" Einsatz: Mit 3:3 Toren kamen sie nur knapp über die Vorrunde hinaus. Die Iberer belegten in der zweiten Finalrunde nur Platz 3 und schieden aus. Weltmeister wurde Italien im Finale gegen die Bundesrepublik. Den 3:1-Anschluss schoss Paul Breitner. Karl-Heinz Rummenigge, der heutige Bayern-München-Vorstandsvorsitzende, wurde mit fünf Treffern bester deutscher Torjäger.


1986

Sechszehn Jahre zuvor sollte der kleine Junge mit dem großen Hut den Mexikanern Glück für die WM bringen - im Viertelfinale scheiterte die Elf an den Italienern, die immerhin Zweiter wurden. Nun sollte es „Pique", die Chilischote, richten: Mit nicht weniger großem Sombrero, großen Füßen und typisch mexikanischem Bart sollte es scharf gegen die Gegner gehen.

Mexiko spielte eine starke Gruppenphase, wurde Erster, besiegte Bulgarien im Achtelfinale und scheiterte schließlich gegen Deutschland - aber auch erst im Elfmeterschießen. Richtig scharf schossen am Ende die Argentinier: Gruppensieger und Durchmarsch durch Viertel-, Achtel- und Halbfinale. Ein überragender Diego Maradona spielte England im Viertelfinale im Alleingang aus. Erst unfair mit der „Hand Gottes" zur Führung, später mit einem 60-Meter-Dribbling. Die FIFA ehrte den Sololauf mit dem Titel „WM-Tor des Jahrhunderts". Auch das Finale entschieden die Argentinier für sich - gegen die deutsche Elf um den jungen Lothar Matthäus.


1990

Das Jahr, das Europa einen Neuanfang bescherte: Die Mauer war gefallen und die Italiener versprachen ein Fußballfest. „Ciao", eine stilisierte Graphik in Gestalt eines Fußballers in den italienischen Nationalfarben, war ein Schritt weg von der Comichaftigkeit der Maskottchen-Vorgänger - weg von landestypischen Charakteristiken hin zu computergestalteter Räumlichkeit, die in dieser Zeit ihren Weg in Fernsehen und Werbung fand.

Es sollte die WM der Deutschen werden. Alle Großen waren dabei: Lothar Matthäus, Rudi Völler, Jürgen Klinsmann, Bodo Illgner, Guido Buchwald, Andi Brehme und der Fußball-Kaiser Franz Beckenbauer. Wer sich an Italien 1990 erinnert, hat den Kaiser nach dem Abpfiff des gewonnenen Finales vor Augen. Alleine im großen Stadion in Italiens Hauptstadt Rom. Und: Die Autokorsos durch ein wiedervereintes Deutschland.


1994

„Far Away In America", hieß der WM-Song der Deutschen, gemeinsam gesungen mit den Village People. Bei der ersten WM im Land der unbegrenzten Möglichkeiten half auch die neue Ausrüstung nichts: der Adidas-Questra-WM-Ball, frisch durchdesignte Deutschland-Trikots und Fußballschuhe mit Gumminoppen für den richtigen Effekt.

Deutschland spielte eine schwache WM und flog schon im Viertelfinale gegen Bulgarien raus. Weltmeister wurde Brasilien im Finale gegen die Italiener. Es war die WM des Brasilianers Romário - nicht die der US-Boys. Für sie war im Achtelfinale gegen den Weltmeister Schluss. Da half auch „Striker", der Hund im US-Trikot, nichts. Ein süßes und eher simples Maskottchen, das in seiner Einfachheit der amerikanischen Inszenierung des Sports widersprach.


1998

Es war eine traurige WM: Rein sportlich gab es für die Deutschen nichts zu holen. Brasiliens Fußball-Legende sagte es recht treffend: „Die Deutschen hatten niemand im Mittelfeld mit Gehirn. Sie konnten nur kämpfen." Auch neben dem Spielfeld wurde gekämpft - mit Fäusten: Deutsche Hooligans prügelten auf den französischen Polizisten Daniel Nivel ein. Sie schockten die ganze Welt. Nivel bleibt zeitlebens schwer behindert.

Sportlich entschieden stärker sind die Gastgeber. Die Mannschaft um Wunderkind Zinedine Zidane holte mit einem 3:0-Erfolg den Titel. Heimvorteil mit einem tierischen Maskottchen: Der Hahn "Footix", unter anderem als Symbol Frankreichs, im Trikot der „équipe tricolore", brachte den Franzosen Glück.


2002

Zwei Länder, drei Maskottchen: Korea und Japan schickten gleich drei Plüschtiere ins Rennen. Die „Spheriks" - „Kaz", „Ato" und „Nik" - konnten aber wenige Zuschauer überzeugen. Die Manga und comicbegeisterten Ostasiaten konnten den knallbunten Kunstfiguren auch nicht viel abgewinnen.

Bei der ersten Weltmeisterschaft auf dem asiatischen Kontinent überzeugten hingegen die sportlichen Leistungen. Es war eine starke WM. Gerade die deutsche Mannschaft zeigte sich wieder als Turniermannschaft. Bis ins Finale kämpfte sich die Elf. Und scheiterte gegen Brasilien. Oliver Kahn spielte eine großartige WM und Ronaldo erreichte seinen Karrierehöhepunkt. Unbemerkt wie die Maskottchen gingen auch die Titelverteidiger aus Frankreich unter. Ohne ein Tor zu erzielen, schieden sie in der Vorrunde aus. Beide Gastgeber, Japan und Südkorea, kamen eine Runde weiter als die „équipe".


2006

Was die Engländer auf der Brust tragen, stiefelte bei der WM in Deutschland durch die Stadien und über die TV-Bühne: ein Löwe. In Deutschland trug er zur Verwirrung vieler keine Hose. Sein Schwanz baumelte wie „eine vom Hurrikan gebeutelten Palme Floridas", lästerte die Süddeutsche Zeitung. Einfach hatte es Goleo VI nicht. Mit „Pille", dem sprechenden Fußball, im Arm, war das Zotteltier omnipräsent, wie ein Günther Netzer.

Dennoch: Die WM 2006 brachte neben Material für Sönke Wortmans Kino-Doku „Deutschland. Ein Sommermärchen" auch ein spannendes Sportereignis, das mehr als 3,4 Millionen Zuschauer sahen - Rekord! Deutschland scheiterte vor heimischer Kulisse erst gegen die Italiener im Halbfinale. Die italienische Elf besiegt nach Zidane-Kopfstoß die Franzosen im Finale, die so nur knapp die Wiedergutmachung einer total verpatzten WM 2002 verpassten.


2010

Leopard Zakumi ist das Maskottchen der Weltmeisterschaft in Südafrika in diesem Jahr. Die Raubkatze lächelt friedlich, freundlich und in freudiger Erwartung auf die nächsten sieben Wochen. Neue Stadien versprechen ein großes Turnier - aber auch den Blick in eine heterogene Gesellschaft, in der Weltoffenheit und subtiler, noch immer anhaltender Rassismus so dicht beieinanderliegen. Wir sind gespannt.


Bilder von allen WM-Maskottchen von 1966 bis heute gibt es hier.

(Text: Felix Klabe)

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