Sport / Wintersport 10.02.10
Text: Katrin Brunner
Außenseiterchancen bei Olympia
In Italien gilt Skispringen als Randsportart und seit dem Karriereende ihrer erfolgreichsten Athleten Roberto Cecon und Ivan Lunardi konnte kein Italiener mehr einen Weltcupsieg erreichen. Andrea Morassi gab sein Weltcupdebüt im Dezember 2005 und startete nur wenige Monate später als 17-Jähriger bei seinen ersten Olympischen Spielen vor heimischem Publikum. Kurz vor seiner Abreise zu den Olympischen Spielen nach Vancouver sprach Andrea Morassi mit back view über seine Erfahrungen, Hoffnungen und Chancen bei den Olympischen Spielen, das Skispringen in Italien, die Unterstützung von Fans und Verband und warum die Spiele in Turin zu früh für ihn kamen.
back view: In Italien ist Skispringen nicht sehr populär. Die finanzielle Unterstützung ist im Gegensatz zu den großen Skisprungnationen bei euch eher gering. Welche Unterstützung bekommst du vom Publikum und vom Italienischen Skiverband?
Andrea Morassi: Ich bekomme immer gute Laune, wenn ich höre, wie meine Fans mich anfeuern. Wir bekommen hier in Italien viel Hilfe und auch genug finanzielle Unterstützung, um das umzusetzen, was wir benötigen und wollen.
Wie finanziert sich der italienische Skisprungsport?
Wir bekommen alle finanziellen Mittel von unserem Verband. Wir bekommen nicht sehr viel Geld. Es ist aber genug, um alles zu beschaffen, was wir brauchen. Auch für unsere Ausrüstung, die Hotel- und Reisekosten ist das Budget ausreichend.
Mit Roberto Cecon hast du einen sehr erfahrenen und erfolgreichen ehemaligen Skispringer als Nationaltrainer. Inwiefern hilft eurem Team seine Erfahrung und inwiefern profitierst du persönlich davon?
Die Menge an Erfahrung, die uns Roberto weitergibt, kann gar nicht groß genug sein! Er probiert immer etwas Neues mit uns im Training aus. Natürlich schauen wir auch mal bei den anderen Nationen, ob wir da ein paar neue Ideen übernehmen können. Aber es ist wirklich super, einen so erfolgreichen ehemaligen Athleten als Trainer zu haben. Gerade, wenn ich an die Großveranstaltungen wie Olympia denke, wird seine Unterstützung sehr hilfreich sein.
Hast du ein besonderes Ritual, das du vor einem Wettkampf verfolgst?
Gute Frage. Aber da muss ich euch enttäuschen, ich verfolge kein bestimmtes Ritual vor einem Wettkampf.
Die Olympischen Spiele sind ein ganz besonderes Ereignis im Leben eines Sportlers. Mit welchen Gefühlen blickst du auf die Wettkämpfe in Vancouver?
Vor so einem wichtigen Wettkampf muss ich alle Gefühle in meinem Kopf ausschalten und mich ganz auf meinen Sprung konzentrieren. Aber nach dem Wettkampf verstehe ich immer, was es bedeutet, an so einem Ereignis teilnehmen zu dürfen.
Was erwartest du dir davon?
Ich möchte ein großartiges Ergebnis erreichen.
Wie genau sieht deine Vorbereitung für die Spiele aus und wann hast du damit begonnen?
Wie immer habe ich im Mai ganz normal mit dem Training begonnen. Im Prinzip unterscheidet es sich auch nicht von dem Training des letzten Jahres.
Unterscheidet sich dein tägliches Training hinsichtlich der Spiele von dem für einen „normalen" Weltcup?
Nein, mein Training ist ganz normal. Aber ich fühle jetzt viel mehr Energie in meinem Körper. Ich denke, dass das am Adrenalin liegt!
Es ist besonders wichtig, dass man nicht zu austrainiert und mit einem müden Körper bei den Olympischen Spielen erscheint. Wie findest du die richtige Balance zwischen Anspannung und Entspannung?
Ja, du hast Recht, es ist wirklich schwierig die richtige Balance für seinen Körper zu finden, aber es ist umso einfacher, wenn man sich nicht zu viel darüber sorgt. Meine Vorbereitung im Sommer war richtig gut und ich brauche mich daher nicht zu sorgen, dass ich jetzt entkräftet bin. Ich habe für mich eine sehr gute Balance gefunden, sodass ich während der Woche ein hartes Training verfolge und mich am wettkampffreien Wochenende richtig gut erholen kann. Bevor ich nach Vancouver fliege, werde ich aber nur ein leichtes Training absolvieren.
Findest du auch mal Zeit für Entspannung und Erholung?
Ja, da habe ich wirklich alle Zeit, die ich brauche. Wenn ich mich erhole, dann mache ich das, was eigentlich jeder in meinem Alter so macht: Ich schaue Fernsehen, lese mal ein Buch, verbringe Zeit mit meiner Freundin oder treffe mich mit meinen Freunden.
2006 haben die olympischen Spiele in Turin und die Skisprungwettkämpfe in Pragelato, deinem Heimatland Italien, stattgefunden. Wenn du dich zurück erinnerst, warst du besonders aufgeregt oder angespannt?
Ich kann mich leider nicht mehr daran erinnern, aber das finde ich auch ganz gut so. In Vancouver gibt es wieder für uns alle eine neue Chance und ich muss über meine möglichen Perspektiven nachdenken.
Was bedeutet es für einen Sportler, bei den Olympischen Spielen vor heimischem Publikum an den Start zu gehen?
Einerseits empfand ich es als sehr schwer und andererseits als sehr schön. Es ist ein super Gefühl, dieses fantastische Publikum hinter sich zu haben. Aber natürlich wuchs irgendwann auch die Angst in mir heran, dass ich das Publikum, das einen so sehr anfeuert, enttäuschen könnte.
Du warst erst 17 Jahre alt, als du in Pragelato an den Start gingst. Hättest du dir gewünscht, dass die Spiele in Italien erst ein paar Jahre später stattgefunden hätten, wenn du älter gewesen wärst?
Ja, das habe ich mir damals sehr gewünscht.
Wirst du mit der Erfahrung von den Spielen von 2006 anders an die Wettkämpfe in Vancouver herangehen?
Ich hoffe einfach nur, dass mir meine Erfahrung, die ich in Pragelato gesammelt habe, in Vancouver helfen wird.
Am 12. Februar startet die Qualifikation zum ersten Wettbewerb der Olympischen Spiele 2010 im Whistler Olympia Park. Wie gefallen dir die Schanzen?
Letztes Jahr fand ein Weltcup in Vancouver statt. Dort sprangen wir aber nur auf der Großschanze und die gefiel mir sehr gut. Über die Normalschanze kann ich noch nichts sagen, da ich diese noch nicht testen konnte. Allerdings ist es so, dass mir jede Schanze gefällt, wenn ich gut in Form bin.
Bei der Generalprobe auf der Olympiaschanze waren deine Ergebnisse nicht so gut. Beim ersten Wettkampf bist du 47. geworden und beim Zweiten bist du schon an der Qualifikation gescheitert. Wirst du daran noch denken oder schaffst du es, das aus deinem Gedächtnis zu verbannen?
Im letzten Jahr war alles noch ein bisschen anders. Ich hatte in Vancouver viele Probleme, allerdings nicht mit den Schanzen, sondern mit mir und meiner Form. Jetzt fühle ich mich viel stärker.
Im aktuellen Weltcupgeschehen sieht man dich sehr selten im zweiten Wertungsdurchgang. Betrachtet man die Trainings- und Qualifikationsergebnisse so zeigst du hier allerdings gute Leistungen. Kannst du uns erklären woran das liegt?
Es ist schwer zu erklären, warum das so ist und auch nicht einfach für mich das zu akzeptieren. Ich will auch während der Olympischen Spiele nicht daran denken. Ich werde mein Gedächtnis einfach löschen und nur an positive Sachen denken.
Wie baust du dich wieder auf, wenn es mal nicht so gut läuft?
Es ist schwer, sich selbst zu motivieren. Musik ist für mich sehr wichtig und die hilft mir, mich wieder besser zu fühlen.
Letzte Frage: Welche Ziele hast du dir für diese Spiele gesetzt, was möchtest du erreichen?
Ich werde mein Bestes geben, danach ist alles möglich...
Vielen Dank, Andrea für das Interview. Wir wünschen dir alles Gute für Vancouver!
(Interview: Katrin Brunner / Fotos: Miriam Keilbach)
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