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Sport / Wintersport 10.02.10

Kitzbühel als Test für die Textsicherheit der Nationalhymne

Text: Franziska Herr

tt_back_viewFelix Neureuther ist die große deutsche Hoffnung bei den Olympischen Skirennen in Whistler Mountain
Er wollte schon aufgeben und in Zukunft nur noch als Hobby-Skifahrer unterwegs sein. Der Druck von außen und die Erwartungen an sich selbst schienen ihm über den Kopf gewachsen zu sein. Doch dann hat er sich noch einmal aufgerafft und beschlossen, dass 2010 sein Jahr wird. Bei der 70. Auflage der Hahnenkamm-Rennen im österreichischen Kitzbühel konnte er nun endlich seinen ersten Weltcup-Sieg feiern. Jetzt ist Felix Neureuther heißer Anwärter auf eine olympische Medaille in Whistler Mountain.

Vielleicht sollte man einen Artikel über Felix Neureuther einmal mit einer Aufgabe beginnen - einer Aufgabe an die Leser. Diese Aufgabe würde wahrscheinlich wie folgt lauten: Finden Sie einen Artikel über Deutschlands derzeit erfolgreichsten Skifahrer, in dem nicht bereits im ersten Absatz der anscheinend allgegenwärtige Name seines Vaters Christian Neureuther auftaucht. Spätestens jetzt fällt aber auf, dass auch ich es nicht geschafft habe, diesem Phänomen zu entkommen. Obwohl Felix Neureuther mittlerweile bereits seit mehr als sieben Jahren festes Mitglied des Weltcup-Teams ist und dort auch einige beachtliche Erfolge feiern konnte, schien er sich von seinen berühmten Eltern Christian und „Gold-Rosi" Mittermaier bisher nicht so recht freischwimmen zu können.

Doch die Zeichen stehen gut, dass 2010 endlich das Jahr des Felix Neureuther (25) werden könnte. Er, der noch vor Weihnachten mit dem Gedanken spielte, Rennanzug und Skiausrüstung an den Nagel zu hängen, zeigt sich kurz vor den Olympischen Spielen in Vancouver in hervorragender Form. Dass er dies durch seinen ersten Weltcup-Sieg am traditionsreichen Ganslernhang unterstreichen konnte, freut nicht nur seine Eltern und ganz Ski-Deutschland, sondern vor allem den jungen Garmisch-Partenkirchener selbst. In einem Interview mit dem Bayerischen Rundfunk sagte er nach dem Rennen: „Silvester habe ich gesagt ‚Junge, das wird dein Jahr, das wird ein Neuanfang, du machst jetzt einfach viele kleine Schritte, die nach ganz oben führen sollen‘ und das hat jetzt so funktioniert und darauf bin ich unheimlich stolz."

Aus der Ruhe bringen lässt sich der sympathische Bayer durch den wieder aufgeflammten Hype um seine Person aber keineswegs - wohl auch deshalb, weil er bereits öfter auf den harten Boden der Realität zurück geholt wurde. Direkt vor den Kitzbüheler Rennen startete Neureuther sogar im FIS-Cup, um sich dort wieder die lang verloren geglaubte Sicherheit und das nötige Selbstvertrauen für die noch ausstehenden Saisonhöhepunkte zu holen. Er gewann - und plötzlich war der Knoten geplatzt. Statt auf Position zu fahren und einen sicheren Lauf ins Ziel zu bringen, bewies Neureuther am Ganslernhang, warum er seinen Platz im Olympia-Team verdient hat. Mit einem All-or-nothing-Ritt à la Bode Miller raste er nach unten und geradewegs zu seinem ersten Sieg. Damit bescherte er nicht nur dem DSV-Herren-Team den ersten Erfolg seit fünf Jahren, sondern konnte diesen wichtigen Triumph ausgerechnet an der Stelle feiern, an der vor mehr als 30 Jahren bereits sein Vater siegte.

Eben dieser war auch einer der ersten Gratulanten im Zielraum. Neureuther selbst gibt zu, wie wichtig der Vater für ihn ist. Als er mit dem Gedanken spielte, seine Karriere an den Nagel zu hängen, waren es die Trainingseinheiten mit Vater Christian, die ihn wieder aufbauten. Auch die Olympia-Strecken in Whistler Mountain hat Felix Neureuther bereits letztes Jahr besichtigt, als die Familie anlässlich des 60. Geburtstags von Christian Neureuther nach Kanada reiste. Nach einer Woche Heli-Skiing ging die Fahrt nach Whistler, wo Sohn Felix sich mit dem Streckenprofil vertraut machen und bereits einige Abfahrten auf der Piste unternehmen konnte, um sich den Hang einzuprägen. Auf die Frage, ob ihm der Hang denn liege, antwortet Neureuther noch zurückhaltend: „Das wird man dann sehen". Das schelmische Grinsen, das er dabei an den Tag legt, lässt jedoch hoffen.

Außer der Strecke gibt es jedoch noch andere „Hindernisse", die sich zwischen Felix Neureuther und olympisches Edelmetall drängen könnte: die starke Konkurrenz im Slalom. Der Weg zu Gold führt derzeit wohl nur über Reinfried Herbst (AUT) und Julien Lizeroux (FRA). Herbst konnte bereits den Saisonauftakt in Levi sowie das Night-Race in Schladming für sich entscheiden, in Kitzbühel brachte ihn ein Patzer im zweiten Lauf um den Sieg. An zweiter Stelle in der Gesamtwertung liegt der Franzose Lizeroux, der in der aktuellen Saison bereits zwei Podestplätze und einen Sieg in Adelboden aufweisen kann. Zum erweiterten Favoritenkreis gehören neben Neureuther außerdem noch der Schweizer Silvan Zurbriggen sowie der wiedererstarkte Sieger von Wengen, Ivica Kostelic.

Felix Neureuthers Ex-Teamkollege Alois Vogel glaubt dennoch an dessen Erfolg in Whistler Mountain: „Das gibt ihm einen brutalen Schub, der wird jetzt von Haus aus schneller sein, ohne dass er irgendwas anders macht. Das muss er jetzt nutzen." Eines ist sicher: Zu gönnen ist es ihm, ganz gleich, ob es Gold oder ein anderes Edelmetall wird. Felix Neureuther hat bewiesen, dass er sich nicht auf den Lorbeeren seiner Eltern ausruhen will und dass er für den Erfolg kämpft. Vielleicht muss er sich dann auch in Zukunft nicht mehr ärgern, wenn er auf einer Pressekonferenz wieder einmal mit „Christian Neureuther" angesprochen oder vorgestellt wird.

Ob unsere Goldhoffnung beim Riesenslalom startet, steht noch nicht endgültig fest. Für den 27.02.2010 ist aber auf alle Fälle Daumen drücken angesagt. Dann findet der olympische Slalom der Herren statt. Die Strecke ist besichtigt, das Selbstvertrauen ist da und dank Kitzbühel wissen wir: auch die Nationalhymne beherrscht Felix Neureuther. Drücken wir ihm die Daumen, dass er sie hören darf - dann darf er den Text auch gern vergessen.

(Text: Franziska Herr)

Kommentare

avatar Ramona Sch.
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Gut gelungener Artikel! Bin beeindruckt von deinem Schreibstil!!!
Mach weiter so!
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