Sport / Wintersport 10.02.10
Text: Miriam Keilbach

Olympische Spiele in Salt Lake City 2002. Damals gewann die beiden Skisprungwettbewerbe einer, den selbst die größten Experten nicht auf der Rechnung hatten: Simon Ammann. Simon wer? Heute ein Star, aber damals noch völlig unbekannt. Bis dato hatte er es viermal auf das Podest geschafft, zu einem Sieg kam es erst nach den Spielen, beim Weltcup in Oslo auf dem traditionellen Holmenkollen. Und wie er kam, so verschwand der Doppelolympiasieger auch wieder - und tauchte nur gelegentlich wieder auf. Hier und da ein Podestplatz, aber das war es dann auch - bis er 2006/2007 zurückkam und Weltmeister wurde. Seither hält er sich an der Spitze - im Kampf gegen die jungen Österreicher, allen voran Gregor Schlierenzauer.
Eben dieser junge Schlierenzauer war beim Doppelolympiasieg von Ammann gerade erst 13 Jahre alt geworden. Er wurde im März 2006 beim Weltcup in Oslo erstmals eingesetzt - damals ganz frisch Juniorenweltmeister geworden - und wurde 24. Schon im Sommer 2006 war er Dauergast auf dem Podest, im Winter 2006/2007 mischte er die Weltelite auf und gewann fünf Weltcups. Heute hat er 32 Weltcupspringen im Einzel und nur im Winter gewonnen. Dazu kommen zehn Siege im Sommer und insgesamt, Sommer wie Winter, 25 Podestplatzierungen. Und das mit 20 Jahren. Im Vergleich: Der zwölf Jahre ältere Martin Schmitt kam in seiner bisherigen Karriere auf 29 Siege, Janne Ahonen im inzwischen 17. Weltcupjahr auf 36 Siege. Und Schlierenzauers Dauerkonkurrent Ammann auf lediglich 13 Weltcupsiege.
Beim ersten Highlight der Saison, der Vierschanzentournee gab es klare Sieger und klare Verlierer - nur nicht in der erwarteten Rolle. Die Topfavoriten Simon Ammann und Gregor Schlierenzauer wurden unter Wert geschlagen, schon nach der Halbzeit hatten sie eigentlich nur noch theoretische Chancen auf einen Sieg. Der junge Schlierenzauer kämpfte sich zwar noch einmal heran, kam an seinem Teamkollegen Andreas Kofler aber nicht mehr vorbei und wurde am Ende hinter Kofler, Janne Ahonen und Wolfgang Loitzl - aber einen Platz vor Ammann - Vierter. Neben Janne Ahonen war er es, der junge alte Österreicher Kofler, der das Comeback der Saison feierte. Eigentlich schon abgeschrieben im großen erfolgreichen Kader der Österreicher, schaffte er es doch noch einmal zurück.
Janne Ahonen hingegen machte schon vor der Saison deutlich, weshalb er Rennwagen wieder gegen Skier eintauschte. Er ist zwar einer der erfolgreichsten Skispringer aller Zeiten, mit fünf Siegen bei der Vier-Schanzen-Tournee und zwei Weltcupgesamtsiegen startete er zwar zunächst schwach in die Saison, steigerte sich aber zu Vier-Schanzen-Tournee. Die Topfavorite sind zwar die beiden, die sich im ganzen Winter schon den Siegerplatz teilen. Aber neben Ahonen ist auch der Pole Adam Malysz wieder erstarkt und landete zuletzt beim Weltcup in Klingenthal auf dem zweiten Rang.
Wie auch Thomas Morgenstern, der mit Sapporo und Bischofshofen nach einem eher verkorksten Weltcupstart zweimal ganz oben auf dem Treppchen stand und sich so auf den dritten Platz in der Gesamtwertung schob. Direkt hinter ihm liegt Vierschanzentournee-Sieger Kofler. Dahinter der Vierschanzentournee-Sieger aus dem Vorjahr, Wolfgang Loitzl. Dieser platziert sich zwar fast ausschließlich in der Top Ten, konnte in dieser Saison aber noch kein Springen gewinnen. Österreichische Dominanz. Aber der Norweger Anders Jacobsen kommt ebenfalls rechtzeitig zu den Spielen wieder in Form. Nachdem er zu Saisonbeginn mehr schlecht als recht sprang und nur vereinzelt Ausrufezeichen setzen konnte (und das vor allem in der Qualifikation), wurde er beim letzten Weltcup in Willingen zweiter. Vor einem gewissen Michael Neumayer. Der konnte in dieser Saison bislang ebenfalls wenig überzeugen, zeigte sich nach seinem Aussetzen kurz vor Olympia aber sehr stark.
Neumayer dürfte auch die einzige wirkliche deutsche Hoffnung sein. Michael Uhrmann ist mit Platz zehn im Gesamtweltcup zwar aktuell bester Deutscher, von einem Tagessieg aber noch weit entfernt. Der deutsche Youngster Pascal Bodmer, nur einen Platz dahinter, hatte die Weltspitze zu Saisonbeginn ordentlich aufgerüttelt, zeigt aber - seinem Alter und seiner Erfahrung entsprechend - noch nicht die nötige Konstanz, um sich auf Dauer ganz vorn zu etablieren. Martin Schmitt ist hingegen noch weit von seiner Form entfernt. Er setzte gerade erst wegen eines Erschöpfungssyndroms drei Wochen aus und kehrte mit einem 13. Platz in Klingenthal zurück. Über Jahre hinweg nahm Schmitt zu wenig Nahrung zu sich, bei einem erheblichen Sportpensum. Sein Körper kam an die Leistungsgrenze. Vor nicht einmal einem Jahr hatte Ahonen in seiner Biographie über die Probleme mit der mangelhaften Ernährung im Skispringen berichtet.
Doch für die Deutschen sieht es besser aus, als während der Saison anzunehmen war. Zwar scheint Team Österreich mit der geballten Power Schlierenzauer, Morgenstern, Kofler und Loitzl unbesiegbar. Martin Koch, der aktuell auf Platz acht im Gesamtweltcup liegt und damit besser als jeder Deutsche ist, ist hier nur Reserve. Doch nach dem Sieg im Teamspringen in Kuusamo zum Auftakt, gewann das deutsche Team den Wettbewerb in Willingen - allerdings in Abwesenheit der Österreichischen Olympiamannschaft. Andreas Wank, der in Sapporo auf Platz zwei sprang und erstmals in seiner Weltcupkarriere auf das Podest kam, musste zusehen. Und auch die Norweger, in Willingen Zweiter, wollen mehr zeigen, als sie es im bisherigen Saisonverlauf taten. Auch wenn das Ergebnis im Teamwettbewerb eindeutig aussieht und alles andere als eine Goldmedaille für Österreich eine große Überraschung wäre - die Olympischen Spiele haben doch irgendwie ihre eigenen Gesetze.
(Text: Miriam Keilbach / Fotos: Sabine Ihli, Sabrina Seidler)
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