Sport / Wintersport 10.02.10
Text: Katrin Brunner
Wenn am kommenden Sonntag die erste Entscheidung in der Nordischen Kombination im Whistler Olympia Park auf dem Programm steht, geht dort ein großer Favoritenkreis an den Start. Insgesamt zehn Athleten haben in dieser Weltcupsaison mindestens einen Wettkampf für sich entscheiden können. Aber auch einige Athleten, die noch keinen Sieg erringen konnten, bewegten sich regelmäßig unter den Top Ten und verfehlten den Triumph nur ganz knapp.
Die Favoriten um den Olympiasieg im Einzelwettbewerb
Der Dominierende der Saison ist der Franzose Jason Lamy Chappuis, der bereits fünf Weltcupsiege in der Saison 2009/2010 auf seinem Konto verbuchen konnte. Bei noch drei ausstehenden Wettkämpfen nach den Olympischen Spielen benötigt er nur noch sechs Punkte um den Gesamtweltcup für sich zu entscheiden. Der Franzose ist ein hervorragender Skispringer und hat bereits mehrfach in dieser Einzeldisziplin gewonnen. Auch in der Loipe hat sich Chappuis zu einem taktisch klugen und leistungsstarken Läufer entwickelt und bot sich mit den besten Langläufern spannende Zweitkämpfe, die er sehr häufig zu seinen Gunsten entscheiden konnte. Mit dem Sieg in seinem letzten Wettkampf vor den Olympischen Spielen in Schonach unterstrich er seinen Anspruch auf Olympisches Edelmetall.
Zweiter im Gesamtweltcup ist der Österreicher Felix Gottwald. Der Rückkehrer, der bereits 2007 zurückgetreten war und eine Neuauflage seiner Karriere startete, fand zu Saisonbeginn nur sehr schwer in den Weltcup zurück. Eine Erkrankung verhinderte den Start beim Saisonauftakt und auch am zweiten Wochenende reichte es nur zu einem Ergebnis unter den Top 15. Danach verbesserte sich besonders seine Sprungleistung kontinuierlich, sodass er im italienischen Predazzo seinen ersten, aber bisher auch einzigen, Saisonsieg erreichte. Der Laufstarke Österreicher ist einer der besten in der Loipe und kann je nach Streckenprofil auch größere Rückstände aufholen. Als Einzel- und Mannschaftsolympiasieger von 2006 hat er bereits bewiesen, dass das Erreichen einer Medaille für ihn möglich ist.
Auch sein Teamkollege Mario Stecher kam zuletzt richtig gut in Form und konnte den letzten Wettkampf vor den Olympischen Spielen mit einer sehr guten Sprung- und Laufleistung für sich entscheiden. Somit macht auch er einen Anspruch auf eine Medaille geltend.
Aus dem deutschen Team gewannen Erik Frenzel, Tino Edelmann und Björn Kircheisen jeweils einen Wettkampf in diesem Weltcupwinter. Sowohl Frenzel als auch Edelmann zeigten auf der Schanze und in der Loipe gute Leistungen und erreichten damit bisher Platz drei (Frenzel) und Platz fünf (Edelmann) im Gesamtweltcup. Der Laufstarke Kircheisen wurde in den letzten Wochen von einem grippalen Infekt geplagt und konnte nicht mit vollem Einsatz an den Wettkämpfen teilnehmen. Bei einigen Wettkämpfen startete er sogar nur im Sprung und ließ den Langlauf ausfallen. Ist er völlig genesen und seine Fitness wieder hergestellt, so stehen seine Chancen auf eine Medaille sehr gut. Der erfolgreichste deutsche Kombinierer der letzten Jahre, Ronny Ackermann, hat die Olympianorm nicht erfüllt und wird an den Spielen nicht teilnehmen.
Der Norweger Magnus Moan erzielte in dieser Saison zwei Weltcupsiege und befindet sich auf Rang vier im Gesamtweltcup. In den Wettkämpfen zeigte er sich immer wieder als Bester in der Loipe und konnte große Rückstände, die er durch sein schlechteres Sprungergebnis erhielt, aufholen. Gelingt ihm ein guter Sprung von der Schanze, kann er ganz vorn mit dabei sein.
Erst im Sommer entschied sich der Finne Hannu Manninen wieder in den Weltcup zurückzukehren und startete verhältnismäßig spät mit dem Training. Nach einem Jahr Pause erzielte der werdende Berufspilot bereits im zweiten Saisonwettkampf einen Sieg vor heimischem Publikum auf der sehr anspruchsvollen Strecke von Kuusamo. Da Manninen sich hauptsächlich seiner Berufsausbildung widmet, nahm er im Verlauf dieses Winters an nur vier Wettkämpfen teil, von denen er jedoch zwei gewinnen konnte. Der Finne ist mit 47 Weltcupsiegen der erfolgreichste Nordische Kombinierer, jedoch fehlt ihm in seiner Sammlung noch eine Einzelmedaille bei Olympischen Spielen. Im Jahr 2006 gewann der Seriensieger alle sieben Wettkämpfe vor den Spielen, kam bei dem Saisonhöhepunkt jedoch nicht über Platz neun und zwölf hinaus. Seine sportliche Konzentration legt er in dieser Saison gezielt auf die Wettkämpfe im Whistler Olympic Park. Der Leistungsvergleich mit den anderen Athleten ist aufgrund seiner regen Teilnahme an den Wettkämpfen nur schwer zu vollziehen, bescherte ihm diese Konstellation jedoch eine enorme Kräfteeinsparung. Auch wenn Manninen bei Saisonhöhepunkten seine gesetzten Ziele nicht immer erreichte, könnte dieses Mal eine Medaille drin sein.
Schließlich gehören auch die US-Amerikaner Bill Demong, Todd Lodwick und Johnny Spillane zum Favoritenkreis. Demong und Spillane errungen jeweils einen Saisonsieg in diesem Winter. Lodwick startete bisher bei nur sieben Wettkämpfen und konnte noch keinen Sieg erzielen. Genau wie in der letzten Saison, in der er nach zwei Jahren Pause wieder in den Weltcup zurückkehrte, begann er mit den Continental Cups in den USA und stieg dann in den Weltcup ein. Er zog es jedoch vor, mehr zu Hause zu trainieren als die strapazierenden Reisen auf sich zu nehmen. Im letzten Jahr gewann er mit dieser Strategie immerhin zwei Goldmedaillen bei den Weltmeisterschaften. Demong und Spillane sind zwei starke Langläufer, die aber auch gute Leistungen von der Schanze zeigen können. Damit bringen auch sie die besten Vorraussetzungen für das gute Abschneiden bei den Spielen mit.
Um den Sieg werden sie wahrscheinlich nicht mitkämpfen, aber eine Medaille ist im Bereich des Möglichen. Die Rede ist von den Athleten wie Alessandro Pittin (Italien), Pavel Churavy (Tschechien) und dem Gesamtweltcupsieger der letzten Saison Anssi Koivuranta (Finnland), die zum erweiterten Favoritenkreis gezählt werden können. Sie haben in dieser Saison noch keinen Weltcup gewonnen, aber schon Podestplätze erzielt.
Die Entscheidung im Team
Im Gegensatz zu den Japanern, Deutschen und Norwegern denken die US-Amerikaner ungern an die Weltmeisterschaften von Liberec 2009 zurück. Mit den Erfolgen von Todd Lodwick und den guten Ergebnissen seiner Teamkameraden galt die Mannschaft der USA als Favorit im Teamwettkampf. Der Start in den Wettkampf war erfolgversprechend - bis Demong an den Ablauf der Schanze gehen wollte und seine Startnummer nicht finden konnte und somit nicht zum Sprung berechtig war. Kurz nach der Disqualifikation fand sich das kleine Stück Stoff im Hosenbein seines Sprunganzuges wieder. Dieses Missgeschick wird ihm sicherlich nicht noch einmal passieren, sodass auch bei diesen Olympischen Spielen die US-Amerikaner zu den Favoriten im Teamwettbewerb gehören. Vervollständigt wird das Team von Johnny Spillane, Brett Camerota und Taylor Fletcher.
Das deutsche Team um Erik Frenzel, Tino Edelmann und Björn Kircheisen werden vom Olympiasieger 2006, Georg Hettich, und Johannes Rydzek komplettiert. Die deutsche Mannschaft gewann in Abwesenheit der US-Amerikaner und Norwegern den letzten Teamwettbewerb vor den Spielen in Schonach vor Österreich und Frankreich. Das sollte genug Motivation für den Wettbewerb in Kanada geben.
Für die Österreicher wurden Felix Gottwald, Mario Stecher, David Kreiner, Bernhard Gruber und Christoph Bieler nominiert. Die Olympiasieger von 2006 gehen mit einer gemischten Aufstellung aus sehr guten Springern und sehr guten Läufern an den Start und wollen so ihren Titel verteidigen.
Das vierte Team, das in den Titelkampf mit eingreifen möchte, sind die Norweger. Mit Magnus Moan, Petter Tande, Mikko Kokslien und Jan Schmid besteht die Mannschaft hauptsächlich aus sehr guten Läufern, die durchaus in der Lage sind, den Punkterückstand von der Schanze wieder aufzuholen.
Aber auch im Teamwettbewerb sind Überraschungen nicht auszuschließen. Bereits im letzten Jahr bei der Weltmeisterschaft in Liberec zeichnete sich ein Kopf an Kopf Rennen zwischen Deutschland und Norwegen ab. Die beiden Schlussläufer taktierten jedoch zu viel, sodass die japanische Mannschaft an die Doppelspitze aufschloss und in einem bemerkenswerten Schlusssprint die Goldmedaille gewann.
Bei den Olympischen Spielen in Vancouver wird die neue Regel, die durch die Einberechnung der Windveränderung und eine Variation der Anlauflänge die Wettkämpfe fairer gestalten soll, nicht eingesetzt. Die Region in Whistler, in der die Wettkämpfe ausgetragen werden, ist sehr für seine unstabilen Winde bekannt. Ob die Athleten nun die richtige Vorderluft für weite Flüge bekommen, vom Winde verweht oder durch Schneefall in der Loipe gebremst werden, die Olympische Spiele haben bekanntlich ihre eigenen Gesetze, die über Gewinner und Verlierer entscheiden.
(Text: Katrin Brunner)
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