Sport / Fußball 08.05.10
Text: Tobias Wieland
Kommentar zur WM-Nominierung
Nun ist also kein David Odonkor dabei, der 2006 wie aus dem Nichts von Jürgen Klinsmann aus dem Hut gezaubert wurde. Gut, ein Thomas Hitzlsperger, einst Löws Liebling, wird am Kap nicht auflaufen. Seine Lage hat sich mit dem Wechsel von Stuttgart zu Lazio Rom nicht verbessert. Seine Abstinenz ist deshalb wenig verwunderlich.
Christian Träsch, Nachfolger von Hitzlsperger im Mittelfeld der Schwaben, darf sich hingegen Hoffnungen machen. Also doch eine - zumindest kleine - Überraschung? Nicht unbedingt. Denn nach dem verletzungsbedingten Ausfall von Simon Rolfes und der frühzeitigen Absage an Torsten Frings fehlt es für die zwei Positionen im defensiven Mittelfeld an Alternativen, falls die gesetzten Michael Ballack und Bastian Schweinsteiger sowie der erste Nachrücker Sami Khedira durch Sperren oder Verletzungen nicht auflaufen können.
Nicht jeder hätte mit der Riege von unerfahrenen Nachwuchsspielern gerechnet. Die mangelnde Länderspielpraxis machten Kroos, Müller und Co. aber durch ausgezeichnete Leistungen in den vergangenen Monaten wett. Sie haben nachhaltig auf sich aufmerksam gemacht und stehen deshalb nicht zu Unrecht im vorläufigen Aufgebot, aus dessen Reihen noch vier Akteure zu streichen sind.
Dann taucht allerdings ein Name auf der Liste auf, den Fußball-Deutschland schon fast aus den Augen verloren hatte: Hans-Jörg Butt. Etwa der Butt, der mit 35 Jahren seinen ersten Titel gewonnen hat? Der Teil des Vizekusener Ensembles war und nun einen möglichen Tripple-Gewinn anstrebt? Genau. Denn mittlerweile ist der Tormann längst nicht mehr vergessen und nach dem Ausfall von René Adler eine logische Konsequenz. Kein anderer wäre besser geeignet für die Position des dritten Torwarts. So lobte der Bundestrainer gerade die charakterlichen Eigenschaften des gebürtigen Oldenburgers. Demnach ist auch bei den Torleuten keine Sensation vorzufinden.
Doch für die Freunde rustikaler Spielweise ist das Stichwort lässt gefallen. Huth. Robert Huth. Das wäre doch einer gewesen, der urplötzlich auftaucht. Ein zweiter Odonkor. Wenn auch äußerlich ohne große Gemeinsamkeiten und mit dem feinen Unterschied, dass der England-Legionär dank 19 Länderspielen nicht völlig unerfahren den Bundesadler tragen würde.
Als hüftsteifer Hüne verweilte Huth in unseren Erinnerungen. Doch abseits der samstäglichen Sportschau-Berichterstattung, die für die zahlreichen Sofa-Bundestrainer entscheidende Relevanz besitzt, hat „The Berlin Wall" mit Qualität überzeugt. Und das in der stärksten Liga der Welt, der englischen Premier League.
Zwar ist sein Klub Stoke City allenfalls ein Kandidat für das Mittelfeld der Tabelle. Doch hat er es dort zu einem in seinen Leistungen konstanten Stammspieler geschafft, was nicht jeder der Nominierten von sich behaupten kann.
Aber was ist schon Stoke City? Löw setzt für die Position des zweiten Innenverteidigers weiterhin auf Heiko Westermann und Serdar Tasci, die im Nationaldress selten überzeugten. Die Zeit für Mats Hummels und Benedikt Höwedes wird erst beim nächsten großen Turnier kommen.
So warten wir also weiter auf die Überraschung. Ob sich Odonkor wohl die Vorstellung des Kaders im Fernsehen angeschaut hat? Insgeheim dürfte er sich an das Sommermärchen von 2006 und vor allem an seinen Höhepunkt im Spiel gegen Polen zurückerinnert haben.
(Text: Tobias Wieland / Fotos: Sandra Müller und Miriam Keilbach)
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