Sport / Fußball 22.05.10
Text: Robert Reiche
Es waren bittere Momente für die Spieler und Verantwortlichen des FC Bayern, als Schiedsrichter Howard Webb mit einem Pfiff das Ende des Spiels verkündete. Während die Akteure von Inter Mailand jubelnd durch das Madrider Estadio Santiago Bernabéu rannten, blieb für die Münchner nur die Erkenntnis, dass es gegen die italienischen Defensivkünstler kein Durchkommen gab. Inter, das in der Startformation keinen einzigen Italiener aufwies, setzte mit wenigen Kontern immer wieder Nadelstiche und zeigte den Bayern schnell die Grenzen auf. Weder Robben noch Olic oder Müller waren dazu imstande ihre Mannschaft auf die Siegerstraße zu führen.
Gründe für die Niederlage der Bayern in Madrid gibt es genügend. Fehlende Cleverness, kein Zug zum Tor, die Sperre von Franck Ribéry oder Pech im Abschluss. Zusammenfassend lässt sich aber auf jeden Fall konstatieren: Inter war schlicht und einfach besser. Diego Militos Klasse war den Innenverteidigern der Bayern überlegen, genauso wie die ständige Doppelung von Arjen Robben diesen nicht zur Entfaltung kommen ließ.
Und doch gab es Chancen für die Münchner. So zum Beispiel gleich zu Beginn des zweiten Durchgangs, als Müller nach einer wunderbaren Kombination frei vor dem Mailänder Tor auftauchte, dann jedoch am brasilianischen Torhüter Julio César scheiterte. Doch auch dieses Strohfeuer entfachte keinen Flächenbrand, sondern härtete den Abwehrriegel der Nerazzurri nur noch weiter. Sowohl die disziplinierte Defensivarbeit als auch die überfallartigen Konterangriffe der Mailänder waren es schließlich, die den Unterschied zwischen Sieger und Verlierer ausmachten.
Am Tag nach dem Finale scheint es aber doch keinen Verlierer, sondern nur noch Sieger zu geben. Denn trotz der Niederlage in Madrid beendeten die Bayern eine turbulente Saison mit zwei nationalen Titeln. Wenn man sich den katastrophalen Saisonauftakt sowie die teilweise blamablen Auftritte in den ersten Spielen der Champions League noch einmal vor Augen hält, konnte man nach der Hinrunde keinesfalls von einem so erfolgreichen Saisonabschluss ausgehen. Die Kombination aus Trainer, Einzelkünstlern und Mannschaftsgeschlossenheit sorgte aber dafür, dass die Bayern nach dem denkwürdigen 4:1-Sieg in Turin ein Spiel nach dem Anderen gewannen.
Die Belohnung für diese Leistung erbrachten am Tag nach dem Finalspiel zehntausende Bayernfans auf dem Münchner Marienplatz, wo das Team stürmisch empfangen wurde. Danksagungen vom Rathausbalkon an die Anhänger waren ebenso auf der Tagesordnung wie die obligatorische Präsentation der Meisterschale und des DFB-Pokals. Auch wenn die größte europäische Vereinstrophäe nicht auf dem Balkon gezeigt werden konnte, so muss man doch anerkennen, dass die Bayern auf die Leistungen der abgelaufenen Saison stolz sein können.
Auf einen Herren freuten sich die Münchner Fans ganz besonders: Franck Ribéry. Nach den monatelangen Verhandlungen über Weggang oder Verbleib des Franzosen ist nun endgültig sicher, dass Ribéry beim FC Bayern bleibt. Vereine aus allen europäischen Topligen buhlten seit Monaten um den Tempodribbler, der sich aber nun für einen weiteren Verbleib für ganze fünf Jahre in der bayrischen Hauptstadt entschied. Auch das dürfte ein Zeichen dafür sein, dass in München eine Mannschaft zusammengewachsen ist, die in den nächsten Jahren noch vieles erreichen will und bestimmt auch kann und wird.
Eines ist aber jetzt schon sicher: Der Champions-League-Pokal wird im Jahr 2012 ganz sicher nach München gehen. Auch wenn der FC Bayern in zwei Jahren nicht das Finale gewinnen sollten, so ist doch die Allianz Arena als Austragungsort für dieses Spiel festgelegt worden. Eine parallele Entwicklung zu den Jahren 1999 und 2001 scheint nicht ganz abwegig, denn die Niederlage im legendären Endspiel gegen Manchester United formte zwei Jahre später eine Münchner Mannschaft, die die Champions League nicht nur gewann, sondern sie auch verdient hatte. Die Lehren aus dem verlorenen Spiel gegen Inter könnten den Bayern auch diesmal wieder helfen, um den europäischen Thron in den nächsten Jahren doch noch zu erklimmen - vielleicht sogar im eigenen „Wohnzimmer" in Fröttmaning.
(Text: Robert Reiche)
|
titelthema
Der amerikanische Blick auf Europa |
Kommentare