Sport / Fußball 02.06.10
Text: Benjamin Kratsch
back view analysiert Jogis Elf auf Herz und NierenDer Kapitän: Philipp Lahm
Lahm ist der clevere Stratege, jemand der das Spiel lesen kann und mit seinen Zuckerflanken noch jede Verteidigung schlecht aussehen lassen hat. Er ist ein Typ wie Ballack, der auch beim Rückstand die Nerven behält.
Egal, ob bei den Bayern oder in der deutschen Elf: Es gibt nur sehr wenige Spieler in Europa, die eine derartige Kontinuität vorweisen können. In jedem Spiel hat er 100 Prozent gegeben und bis zum Schluss gekämpft. Joachim Löw weiß das und er hat miterlebt, wie sich der 27-Jährige im November gegen das übermächtige FC-Bayern-Management gestellt hat.
Kein anderer Spieler hat den Mund aufbekommen, als es darum ging, Louis van Gaal zu verteidigen. Van Gaal hatte die richtige Taktik, er hat Zeit gebraucht, um aus dem Verein für anonyme Millionäre ein Team zu formen, das es mit jedem in der Welt aufnehmen kann.
Philipp Lahm hat das verstanden, musste dafür zwar eine Strafe zahlen, ist aber zum Führungsspieler und Vizekapitän der Mannschaft heran gewachsen. Zudem genießt er ein exzellentes Ansehen in der deutschen Presselandschaft. Das wird ihm helfen die harten Wochen der WM medial zu überstehen.
Der Torwart: Manuel Neuer
Mit Neuer hat sich Joachim Löw für einen Schlussmann entschieden, der nicht nur auf der Linie gut ist, sondern vor allem Fußball spielen kann. Er ist ebenfalls einer, der das Spiel lesen kann, seine Mannen mit weiten Abschlägen präzise anspielt und sich traut, auch mal aus dem Kasten zu laufen.
Ein Fußballer, der ein Spiel nicht nur mit Paraden entscheidet, sondern auch eröffnen kann. Nachteil: Neuer ist kein Elfmeter-Killer wie Köpke, Kahn oder auch Kandidat Wiese, der Löw nun um eine Stellungnahme bittet, warum er nur die Nummer Zwei geworden ist.
Der Abwehrchef: Per Mertesacker
Der große Bremer Abwehrrecke spielt konstant, behält immer den Überblick und muss nach der Verletzung von Heiko Westermann zusammen mit Arne Friedrich die deutsche Defensive aufrecht erhalten. Als Abwehrchef dürfte Philipp Lahm nicht mehr in Frage kommen, als Kapitän wird er ähnlich wie Ballack zwar hinten den Ausputzer spielen, aber vor allem nach vorne Akzente setzen müssen.
Wie die deutsche Strategie aussieht, weiß bislang nur Joachim Löw. Die Abwehr ist Deutschlands große Schwäche. Mit Serdar Tasci vom VFB Stuttgart würde ein 23-Jähriger auflaufen, der zuletzt sehr unsicher wirkte und, dem die internationale Erfahrung fehlt.
Der starke Jerome Boateng vom Hamburger SV dürfte hingegen für die rechte Abwehrseite gesetzt sein. Allerdings ist er genau wie sein Bruder ein Hitzkopf - und flog im Debüt gegen Russland mit Gelb-Rot vom Platz. Das brutale Foul seines Bruders an Ballack dürfte ihm zudem Sympathien in Deutschland kosten.
Der Mittelfeldstratege: Bastian Schweinsteiger
Der Münchner spielte die Bundesligasaison seines Lebens und hatte großen Anteil am Sieg der Meisterschale, am Gewinn des DFB-Pokals und dem Einzug ins Champions League Finale. Schweinsteiger ist jemand, der schnell mit neuen Spielern wie Robben harmoniert. Schweinsteiger ist ein Kämpfer, der auch beim bitteren 0:2-Rückstand gegen Inter Mailand im Finale der Champions League nicht aufgegeben hat und sein Team nach vorne peitscht.
Zwar hat Löw Lahm zum Kapitän ernannt, Diskrepanzen dürfte es zwischen den Münchnern aber nicht geben. Löw ist ein Taktiker, er wird für Schweinsteiger verantwortungsvolle Aufgaben parat halten und hat ihn unlängst zum Vizekapitän ernannt.
Das restliche Mittelfeld hat große Ambitionen, ist allerdings sehr jung. Mit Marko Marin, Toni Kroos, Thomas Müller und Aaron Hunt muss der Bundestrainer aus 20-23-jährigen Sprösslingen wählen, die dem enormen Druck der WM womöglich nicht standhalten werden. Keiner dieser Spieler konnte eine überragende Saison spielen. Was fehlt ist die Konstanz.
Der DFB-Stürmer: Miroslav Klose
Spiegel.de titelt „Projekt Klose - Riskante Rettung eines Mittelmaßstürmers". Miroslav Klose kam als einer der besten Stürmer Deutschlands von Bremen nach Bayern - und musste vor allem unter Louis van Gaal Sitzfleisch beweisen. Gerade mal 55 Minuten durfte er in den letzten Bundesligaspielen ran.
Während Klose ähnlich wie Gomez beim FC Bayern keine Chance gegen Robben, Ribéry oder Olić hat, trumpft er in der Nationalelf mit wichtigen Kopfballtoren auf. Klose mag nicht in der WM-Form seines Lebens sein, doch, wenn es darauf ankommt, trifft der gebürtige Pole für seine Wahlheimat.
Die WM 2010 unter der Sonne Südafrikas ist vielleicht seine letzte Chance, aus dem Schatten seines FCB-Daseins herauszutreten. Löw fährt die sichere Schiene und begegnet eventuellen Verletzungen mit einer starken Stürmerauswahl.
Podolski, Müller, Cacau, Klose, Gomez und Kießling - sie alle dürfen ihre Sachen für Südafrika packen. „54, 74, 90, 2010 - ja so stimmen wir alle ein, mit dem Herz in der Hand und der Leidenschaft im Bein werden wir Weltmeister sein." Ohne den Rückhalt deutscher Fußballfans, Fanfaren und Autokorsos wird es die DFB-Elf allerdings nicht bis ins Finale schaffen. Also Daumen drücken!
(Text: Benjamin Kratsch / Foto: Sandra Müller)
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